Aus der braunen Vorzeit der Grünen

Vor hundert Jahren im Oktober 1913 fand der Freideutsche Jugendtag auf dem Hohen Meißner bei Kassel statt. Bei dieser Gelegenheit trafen sich 2-3000 Aktivisten der auf über 60.000 Mitglieder angeschwollenen organisierten Jugendbewegung, um ihr gewachsenes Selbstbewußtsein zu demonstrieren und sich über ihre Ziele zu vergewissern. Der Ton wurde von einer bunten Vielfalt von Kulturkritikern, Naturschützern, Tierschützern, Ernährungsreformern, Nacktbadern, Antialkoholikern, Germanenschwärmern, Wandervögeln, Esoterikern, Landkommunarden, Spiritisten und Antisemiten angegeben. Gelüftete Schlafzimmer, bequeme Unterwäsche, Reformkleider, Kneipp-Sandalen, Leibesverrenkungen in Kraftkunstinstituten, Judenvertilgung, Neuheidentum, Vegetarismus, Reformhäuser, Menschenzucht, Antiamerikanismus, Lichttherapien, Rassismus, Ausdruckstanz, Jugendstil und die Nachrichten vom „Berg der Wahrheit“ im Tessin sollten die Gebrechen der Gesellschaft nicht lindern, sondern heilen. Unter dem Einfluß von Nietzsche war man frauenfeindlich. Frauen waren allenfalls da um Helden zu gebären und den Übermenschen Kränze zu flechten. Die Jugendbewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war im wesentlichen eine Männerbewegung. Die Judenphobie resultierte aus der Gleichsetzung von Juden und Kapitalismus. Man meinte den Kapitalismus und prügelte auf die Juden ein.

Das Grußwort des schwulen und antisemitischen Lebensphilosophen Ludwig Klages an den Jugendtag ist entsprechend eine einzige Anklage gegen das industrielle Zeitalter. Klages gehörte zum Schwabinger Umkreis des elitären, homosexuellen und antidemokratischen Dichters Stefan George. Joachim Fest schrieb in seiner Hitlerbiografie: „Anarchisten, Bohemiens, Weltverbesserer, Künstler und krause Apostel neuer Werte“ trafen sich an den Schwabinger Kaffeehaustischen, „bleiche junge Genies träumten von einer elitären Erneuerung der Welt, von Erlösungen, Blutleuchten, Reinigungskatastrophen und barbarischen Verjüngungskuren für die degenerierte Menschheit.“ Um die Ecke wohnte vom September 1900 bis April 1901 Lenin, der ausgerechnet in Schwabing  die Handlungsanleitung der Revolution „Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung“ mit dem Konzept der elitären Kaderpartei als Avantgarde der Arbeiterbewegung schrieb und von 1912 bis 1914 der Postkartenmaler Adolf Hitler, der eine blonde Elitepartei im Sinn hatte. Klages Anklagen begannen ähnlich wie auf einer grünen Bundesversammlung der siebziger oder der achtziger Jahre:

„Wir täuschen uns nicht, als wir den ´Fortschritt´ leerer Machtgelüste verdächtig fanden, und wir sehen, daß Methode im Wahnwitz der Zerstörung steckt. Unter den Vorwänden von ´Nutzen´, ´wirtschaftlicher Entwicklung´, ´Kultur´ geht er in Wahrheit auf Vernichtung des Lebens aus. Er trifft es in allen seinen Erscheinungsformen, rodet Wälder, streicht die Tiergeschlechter, löscht die primitiven Völker aus, überklebt und verunstaltet mit dem Firnis des Industrialismus die Landschaft und entwürdigt, was er von Lebewesen noch übrig läßt gleich dem ´Schlachtvieh´ zur bloßen Ware, zum vogelfreien Objekt ´rationeller´ Ausbeutung. In diesem Dienste aber steht die gesamte Technik und in deren Dienste wieder die weitaus größte Domäne der Wissenschaft.“

Das typisch deutsche Kokettieren mit dem Widerspruch von Geist und Macht, brach sich ebenso wortreich Bahn:

„Worauf aber der Fortschrittler stolz ist, das sind bloße Erfolge, sind Machtzuwächse der Menschheit, die er gedankenlos mit Wertzuwächsen verwechselt, und wir müssen bezweifeln, ob er ein Glück zu würdigen fähig sei, und nicht vielmehr nur die leere Befriedigung kenne, die das Bewußtsein der Herrschaft gibt. Macht allein ist ja blind gegen alle Werte, blind gegen Wahrheit und Recht, und wo sie diese noch zulassen muß, ganz gewiß blind gegen Schönheit und Leben.“

Ein weiteres Motiv, das sich durch die ganze lebensreformerische, konservative und nationalsozialistische Propaganda zieht ist die Persönlichkeitsfeindlichkeit des Kapitalismus:

„Wie gäbe es unter solchen Umständen noch große Persönlichkeiten! Wir verkennen gewiß nicht den Wert der Erfindungsgabe an den Meistern der Technik, nicht des Rechentalents an den Fürsten der Industrie; aber auch wenn man dergleichen auf die nämliche Stufe höbe mit lebendiger Schöpferkraft, so bleibt es doch sicher, daß es niemals imstande wäre, das Leben zu bereichern. Die gescheiteste Maschine hat nur Bedeutung im Dienste eines Zweckes, nicht an sich selbst, und die umfangreichste industrielle Organisation der Gegenwart ist in tausend Jahren ein Nichts, indes die Gesänge Homers, die Weisheitsworte Heraklits, die Symphonien Beethovens zum nie veraltenden Schatz des Lebens gehören. Wie traurig sieht es jetzt mit unserem Denker- und Dichtertum aus, das man einst mit Recht an uns rühmte.“

Nach dem Wald- und Dichtersterben beschäftigte Klages das Artensterben:

„Um die sogenannten Kulturmenschen mit Billardkugeln, Stockknöpfen, feinen Kämmen und Fächern und ähnlichen ungeheuer nützlichen Dingen zu versehen, werden….achthunderttausend Kilogramm Elfenbein jährlich verarbeitet. Das ist gleichbedeutend mit der Niedermetzelung von fünfzigtausend der gewaltigsten Tiere der Welt. (…) Wir wollen auch nicht wiederholen, was bald Gemeingut des Wissens ist, daß in keinem, aber auch in keinem Fall der Mensch die Natur mit Erfolg korrigieren konnte. Wo die Singvögel verschwinden, vermehren sich massenhaft blutsaugende Insekten und schädliche Raupen, die oft schon in wenigen Tagen Weinberge und Wälder kahl gefressen; wo man die Bussarde abschießt und die Kreuzottern ausrottet, kommt die Mäuseplage und verdirbt durch die Zerstörung der Hummelnester den zu seiner Befruchtung auf diese Insektenart angewiesenen Klee; das große Raubzeug besorgt die Auslese unter dem Jagdwild, welches durch die Fortpflanzung kranker Stücke entartet, wo seine natürlichen Feinde fehlen. ..“

Nicht nur den unschuldigen Tieren, auch den alten Küchenschürzen wurde hinterhergetrauert:

„Wo sind die Volksfeste und heiligen Bräuche geblieben, dieser Jahrtausende lang unversiegbare Born für Mythos und Dichtung: der Flurumritt zum Gedeihen der Saaten, der Zug der Pfingstbraut, der Fackellauf durch die Kornfelder! – Wo der verwirrende Reichtum der Trachten, in denen jedes Volk sein Wesen, dem Bilde der Landschaft eingepaßt zum Ausdruck brachte!“

Nach diesem ökologisch-volkskundlichen Rundumschlag der Anklagen wurden die Folgerungen abgeleitet, fehlt der Generalangriff auf den in der Demokratie unvermeidlichen Kampf um Sonderinteressen, auf das Christentum und den Kapitalismus natürlich nicht:

„Gruppen und Grüppchen schließen sich rücksichtslos zusammen um Sonderinteresse, im zähen Erhaltungskampf stoßen hart aufeinander Gewerbe, Stände, Völker, Rassen, Konfessionen und innerhalb jeden Verbandes wieder voll Eigennutz und Ehrgeiz die Einzelmenschen.“

Aus der Ablehnung der Demokratie und der Parteien folgte zwingend, daß die Reformbewegung sich nicht parteipolitisch betätigte. Die Jugendbewegten bildete sogenannte Bünde, die sich kulturell statt politisch betätigten. Der Freideutsche Jugendtag 1913 war die Heerschau der Jugend- und Lebensreformbewegung am unmittelbaren Vorabend des Weltkriegs. Die Jugendbündler waren ein Jahr später fast alle Kriegsfreiwillige, die sich begeistert in die lang ersehnte Reinigungskatastrophe des Weltkriegs stürzten.

Die grüne Ersatzreligion ist mit zwei Ausnahmen dieselbe geblieben. Die Ausnahmen sind der Umgang mit Rassismus und mit den Frauen. Dem Rassismus hat man abgeschworen, die Frauenphobie hat man durch Feminismus ersetzt. Der Antisemitismus ist übrigens derselbe geblieben. Wie in den dreißiger Jahren ruft man zum Boykott jüdischer Waren auf. Immer für einen guten Zweck, natürlich.  

 

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