Ein Mausoleum für das Bauhaus

In Deutschland gibt es reichlich Bauhausmuseen und Bauhaus-Denkmalschutz. Die Weißenhofsiedlung in Stuttgart, das Bauhaus in Dessau, das Hauptgebäude der Bauhaus-Uni in Weimar, Die Großsiedlung Dessau-Törten, Siemensstadt, Schillerpark, Weiße Stadt, Carl Legien, die Hufeisensiedlung Britz in Berlin, die Gartenstadt Falkenberg, das Experimentalhaus am Horn…

Auch in anderen Ländern gibt es viele Architekturbeispiele. Halb Tel Aviv ist Bauhaus, das Casa del Fascio in Como, die Stadtzentren von Latina, Sabaudia, Pontina, Aprilia und Pomezia in den pontinischen Sümpfen. Neu ist die Geisterstadt Anting in China hinzugekommen.

Architektur ist Moden unterworfen. Um 1990 endete zum Beispiel die Postmoderne mit ihren Dreiecksgiebeln und Säulen. Danach war sie als Investorenarchitektur verschrien. Nur die Würfelarchitektur des Bauhauses gilt derzeit als zeitgemäß.

Auch Architekturmoden steigen die Stufenleiter der gesellschaftlichen Pyramide herunter.  Ausgehend von ein paar elitären Künstlern werden nacheinander öffentliche Bauherren, Unternehmen, der Mittelstand und der prekäre Bauherr erfaßt. Wenn der Stil bei den Bauträgern angekommen ist und für Otto Normalverbraucher als Stangenware oder Konfektion wie Sauerbier angeboten wird, dann läutet das modische Totenglöckchen. >Hier. Die Spitzen der Gesellschaft suchen sich dann was Neues.

Diesen Punkt werden wir bald erreicht haben.  Die Würfel haben sich über IKEA, amazon und ebay als Einrichtungsgegenstände bis in die letzte Plattenbau-Großsiedlungswohnung ergossen. Immer mehr Bebauungspläne erlauben Flachdächer oder erzwingen sie sogar.  Bauliche Musterprojekte zeitgemäßen Wohnens von 2000 bekommen bereits Algenteppiche und Pilzbewuchs und verasseln mangels Dachüberständen. Eigentlich Zeit, daß die Architektenkarawane zu neuen Ufern aufbricht.

Kurz vor dem Ende des Bauhaushypes will die Kubus-Fangemeinde in Weimar noch ein neues Bauhausmuseum errichten (es gibt schon ein altes in einem Provisorium).

C. Northcote Parkinson, ein Professor an der Raffles University of Malaya, veröffentlichte 1957 sein Buch über das Parkinsonsche Gesetz. In Kapitel VI „Das vorgeplante Mausoleum“ erläuterte er seine Beobachtung, daß lebendige und produktive Institutionen in schäbigen Unterkünften untergebracht sind. So ein Bau war zum Beispiel der Deutsche Bundestag, solange er in Bonn weilte. Oder die legendäre SPD-Baracke in Godesberg.  Northcote schreibt, daß eine Perfektion der Planung nur von jenen Institutionen erreicht wird, die sich am Beginn des Ruins befinden.

Der Reichstag in Berlin ist so ein Beispiel. Der preisgekrönte Völkerbundpalast wurde 1937 fertig, im gleichen Jahr, als der Völkerbund seinen Geist aufgab. Das Londoner Parlamentsgebäude wurde 1868 fertig, genau ein Jahr, nachdem die Gesetzgebungsinitiative vom Parlament an das Kabinett überging. Die Liste dieser steingewordenen Mausoleen ließe sich ins Altertum bis zu den Pyramiden verlängern.

Wir können als staunende Beobachter davon ausgehen, daß die derzeitige Renaissance der Bauhausarchitektur in jenem Jahr zu Grabe getragen wird, wenn das Bauhausmausoleum in Weimar eröffnet wird.  Ende 2015 sollen die Bagger zum Spatenstich anrollen, so daß man davon ausgehen kann, daß 2017 alles fertig sein wird.

C. Northcote Parkinson bemerkte, daß die Wissenden nach jeder Übergabe eines perfekten Gebäudes traurig die Köpfe schütteln würden, pietätvoll ein Tuch über die Leiche ziehen und auf Zehenspitzen hinausschleichen – in die frische Luft. Giovanni Trapattoni würde einfach fragen: „Haben Flasche leer?“

Hinweis: Das Buch „Parkinsons Gesetz“ ist zum Beispiel bei Amazon dank einer Neuauflage wieder erhältlich.

Ein Kommentar zu “Ein Mausoleum für das Bauhaus

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