Flüchtlingsstrom wegen Kolonialismus?


Als Begründung für die Flüchtlingswelle aus Afrika müssen unter anderem wieder einmal die Verbrechen des Kolonialismus herhalten. Afrika war vor dem Auftauchen der Europäer jedoch kein Kuschelzoo. Die Stämme überfielen einander, Sklavenjagden waren an der Tagesordnung und Stämme, die natürliche Monopole verwalteten, beuteten die anderen Stämme aus.

Als die Deutschen in Ostafrika Fuß faßten, fiel Ihnen auf, daß die arabischen Küstenbewohner auf Sklavenjagden ins Hinterland zogen. Zuerst wurde das geduldet, weil keine Machtmittel zur Verfügung standen, um das zu unterbinden. Als die Schutztruppe stand, wurden die Sklavenjagden verboten. Ähnlich ungute Entwicklungen gab es in Kamerun. Der Norden das Landes wurde permanent durch die Streifzüge des Rabeh-Staates, eines militanten Soldatenkönigreichs, heimgesucht. Auch hier stand die Sklavenjagd im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Aktivitäten. In Kusseri in der Nähe des Tschad-Sees wurde deshalb ein deutscher Militärposten eingerichtet. Richtige Ruhe zog aber erst ein, als Frankreich den Rabeh-Staat angriff und vernichtete.

Schon früh kam es zu Auseinandersetzungen einheimischer Häuptlinge mit der deutschen Verwaltung. Sie werden etwas voreilig als antikolonialer Kampf um eine menschenwürdige Behandlung der Afrikaner verklärt. Rudolf Manga Bell, der Häuptling des Küstenstammes der Duala, wurde 1914 hingerichtet. Er hatte mehrere Petitionen gegen Übergriffe der Kolonialverwaltung verfaßt, die in Deutschland für Wirbel sorgten. Andererseits nutze der Stamm der Duala seinen Sitz an der Küste, um die Hinterlandstämme zu schädigen. Den Binnenlandbewohnern wurde von den Duala der Zutritt zur Küste verwehrt, um den Zwischenhandel zu monopolisieren. Der antideutsche Kampf der Duala diente der Verteidigung dieses Monopols und blieb deshalb isoliert. Antikoloniale Propaganda und wirtschaftliche Ausbeutung anderer Stämme bildeten eine Melange, wie sie überall üblich war.

Auch im ganzen Landesinneren von Kamerun stießen die Deutschen auf Sklaverei und Abhängigkeitsverhältnisse. Oberleutnant Hirtler berichtete von eine Expedition ins Grasland zu Häuptling Sakute von Fonkwe: „Überall betrachtete man die Expedition mit der Besorgnis, sie sei zur Befreiung der zahlreichen Bamumsklaven gekommen, welche in der Gegend seien.“ Hauptmann Stieber schrieb: „Aus allem was ich erfuhr, und was ich persönlich gesehen habe, zeigte sich, daß die Baghirmis tatsächlich hier (im Scharigebiet) das ganze Gebiet als ihre Domäne für ihre Raubzüge betrachteten, und wer sich nicht regelmäßigen Raubzügen aussetzen wollte, mußte Abgaben nach Baghirmi zahlen.“ Professor Passarge notierte: „Bei der Bekriegung der schwächeren Heidenstämme verfolgen die Fulbe folgendes System. Der Sultan fordert von dem König eines Heidenstammes Sklaven, sonst erkläre er den Krieg. Im allgemeinen fügen sich die Heiden… der Forderung und überliefern die eigenen Frauen und Kinder, bis zu zwei Drittel der vorhandenen, dem Feinde.“

Was sich deutsche Beamte alles im Interesse ihres kaiserlichen Dienstherrn antaten, beschrieb Hauptmann Hutter: „Nach einem als Selbstzweck stattgehabten Blutsbrüderschaftsabschluß schwindet auch jegliches persönliches Mißtrauen. (…) Früh bereits kamen Fonte und Tituat, die zwei Vertrauten Garegas, mit der Mitteilung, daß die Abgesandten von Bafuen und Bamunda bereit wären, Blutfreundschaft mit uns zu trinken. Um 12 Uhr Mittags kamen sie auf die Station: vier Männer aus jedem Stamme mit etwa 20 Gefolgsleuten. Auf dem freien Platze vor der Station kauerten sie sich im Kreise nieder um den Flaggmast, an dem die deutsche Kriegsflagge gehißt war. Wir, d.h. Dr. Zintgraf und ich, zogen unsere Haussagewänder an und ließen uns in ihrer Mitte auf dem Steinsitze nieder. Lange gingen die Palaver hin und her; jeder der beiden Sprecher jeden Stammes sprang zweimal auf, wenn er reden wollte, und abgerundet und ausdrucksvoll waren Wort und Gebärde. Vor uns  stand ein Topf mit Rotholz, eine Tasche, deren Inhalt wir später kennenlernen sollten, und hinter uns ein schwarzer Schafsbock angebunden; zwei Stunden gingen die Unterredungen hin und her; endlich schritt man zum Abschluß des Blutsbündnisses. Aus der Tasche holte der Sprecher zuerst Kolanüsse und Pfeffer hervor. Die Pfefferschote wurde geöffnet und jeder bekam 10 bis 12 Pfefferkörner auf die flache Hand , dazu ein Stück Kola. Diese Sachen in der offenen Hand gehalten wurde das ganze Palaver nochmals durchgesprochen: gegenseitige Freundschaft, gegenseitige Unterstützung in allen Angelegenheiten – dann wurden Kola und Pfeffer gekaut und gegessen. Sodann machte Fonte jedem von uns vieren mit seinem Messer vier Schnitte in den rechten Unterarm nahe dem Handgelenk. Das Blut wurde in einer Kalebasse, mit Palmwein gefüllt, aufgefüllt und jeder von uns vieren trank daraus, so daß die Schale geleert ward.

Der Bafuen- sowie der Bamundavertreter  brachten  nunmehr je eine Flintenkugel zum Vorschein, wir gaben je eine Patrone. Unter Abmurmeln von Zaubersprüchen ( …)  grub man am Fuße des Flaggenmastes eine kleine Grube, in dem jeder von uns Blutsbrüdern mit seinem Messer abwechselnd ein paar Stiche machte. Im weiteren Verlaufe mußten alle Anwesenden die Geschlechtsteile fest zwischen den Beinen halten (…) Dann wurde aus der Tasche ein Menschenknochen herausgeholt und in die Grube geschabt (…) Das Päckchen wurde langsam unter leisem Abmurmeln von Formeln und Sprüchen geöffnet und zum Vorschein kamen zwei frische noch blutende Menschenohren. Auch diese wurden in die Grube gelegt, darauf die vier Geschosse und nun wurde die Grube wieder zugeschüttet.(…) Jetzt wurden wir auch aus unserer etwas unbequemen Stellung wieder erlöst. Auf die geschlossen Grube kam ein großer flacher Stein. Sodann  wurde der Schafsbock herbeigeschleppt; zwei hielten ihn an den Füßen, Dr, Zintgraf hielt ihm den Kopf hoch und ich mußte ihm mit einem Zuge die Kehle durchschneiden, so daß das strömende Blut über den Stein und die Grube floß.“ Den Rest der Zeremonie, welche mit einem Palmweingelage endete, erspare ich dem völkerkundlich interessierten Leser.

Die Deutschen Kolonialherren wurden bereits 1914 bis 1918 aus Übersee verdrängt, nachdem sie in etwa 30 Jahren keinen tiefgreifenden kulturellen Wandel erreicht hatten. Französische, britische, portugiesische und holländische Kolonisatoren herrschten in vielen Kolonien zehnmal solange, ohne mehr zu erreichen, als die Deutschen mit ihrem Kurzgastspiel in Afrika und Ozeanien. Ohren seiner Untertanen schnitt Kaiser Bokassa von Zentralafrika noch in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts frisch vom Kopf.

Vor der Unterwerfung der afrikanischen Stämme durch europäische Mächte gab es sehr unruhige Gebiete. Der Sudan, Somalia, das Senussigebiet im Fessan, die Gegend des Tschad-Sees und Natal waren schon vor der Ankunft der Europäer Hotspots mit permanenten Gewaltausbrüchen und Kriegen.  Die Europäer sind schon vor 50 Jahren abgezogen und dieselben Gebiete sind heute wieder vorrangige Kampfgebiete. Libyen, Somalia, das Boka-Haram-Gebiet am Tschadsee und Kwazulu sind nach wie vor Ländereien, aus denen uns fast täglich niederschmetternde Meldungen erreichen. Insofern ist die europäische Herrschaft auch in diesen besonders wilden Gebieten eine folgenlose Episode geblieben.

Die Kolonialmächte des 19. Jahrhunderts haben mit den ideologischen Motivationen ihrer Zeit und mit bewaffneter Gewalt das versucht, was Nichtregierungsorganisationen heute mit Geld und guten Worten versuchen: Einen Kulturwandel und eine Hebung des Wohlstands zu bewirken. Die Mittel haben sich etwas geändert, der Wirkungsgrad ist gering geblieben.

Den Kolonialmächten den Vorwurf zu machen, daß sie Errungenschaften der Eingeborenen vernichtet hätten und daß sie Afrika um hundert Jahre zurückgeworfen hätten, ist alles Quatsch. Ihre Bemühungen in Afrika und Asien waren teilweise durchaus ehrenwert, aber genauso wie kürzlich in Afghanistan ist nichts Greifbares herausgekommen.

Die Wanderlust der Afrikaner nach Europa kann man mit allem möglichen erklären, aber nicht mit dem Kolonialismus.

 

Literatur: Die Deutschen Kolonien in Wort und Bild, Verlag für allgemeines Wissen, Leipzig 1906

Ein Kommentar zu “Flüchtlingsstrom wegen Kolonialismus?

  1. Natürlich ist der Kolonialismus an der Wirtschaftsflüchtlingswelle schuld. Aber nicht allein, wie gestern im Presseclub von der Chefredakteurin der taz.die Tageszeitung, Frau Ines Pohl, zu hören war. Nämlich der Klimawandel sei schuld. Kann der Klimawandel an der täglich wachsenden Überbevölkerung schuld sein? Ja, denn wenn die Menschen nicht auf den Acker brauchen, weil nichts wächst oder weil sie keinen Acker besitzen oder weil sie die verjagt haben, die den Acker erfo0lgreich bebaut haben und auch Leute beschäftigt haben, dann haben sie Zeit sich um die Überproduktion, also mit der Produktion von in Europa, insbesondere in der BRD fehlenden Fachkräfte zu kümmern. Natürlich spielt auch das durch den irren ehemaligen USA-Präsidenten George W. Bush und seine europäischen Vasallen hervorgerufene Chaos in der arabischen Welt und Afrika eine große Rolle.

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