Mein Nachbar ist Demonstrant

Gestern fand die vierte Demo der AfD Thüringen gegen das Regierungschaos in Erfurt und Berlin statt. Also Gelegenheit mal hinzusehen, wer alles da war. Thüringen ist ja ein kleines Land, wo sich viele Leute kennen.

In der Prima Linea wie immer die Landtagsabgeordneten, also drei Rechtsanwälte, ein Lehrer, ein Maurer, ein Versicherungsmakler, ein Küchenmeister und eine Zahnärztin. Aber wie sieht es hinter der ersten Reihe aus?

Gerade hat der Beamtenbund zur Distanzierung von der AfD aufgerufen. Das stört aber viele Bundesbeamte nicht. Gerade in der Ordnerkette hatte ich einige davon erspäht, aber auch sonst im Zug. Es gibt in der AfD sogar einen ehemaligen Polizeipräsidenten, der allerdings schon im Ruhestand ist. Bei den Sicherheitsberufen ist die Partei sehr beliebt, was angesichts der Übergriffe der von Bodo Ramelow gedungenen Staatsdemonstranten (Steinwürfe, Böller usw. ) kein Wunder ist. Vor einer Entlassung hat keiner Angst, weil die privaten Sicherheitsdienste derzeit qualifiziertes Personal händeringend suchen.

Auch Mitglieder der staatstragenden Parteien hätte ich nicht vermutet. Es gibt sie aber. Ein FDP-Mitglied aus einem Nachbarort, der beruflich in der Projektentwicklung für grüne Energie tätig ist, lief mir noch beim Sammeln über den Weg. Er glaubt offensichtlich selbst nicht an die Energiewende, wenn er bei der AfD aufschlägt. Ich war bis 2009 fast zwanzig Jahre in der CDU und kenne aus meinem Kreis fast alle Mitglieder, die sich mal auf einer Veranstaltung haben sehen lassen. Von dieser Kanzlerpartei habe ich auch drei Mitglieder gesehen, abgesehen davon, daß aus dem Abgeordnetenhaus einige CDU-ler immer irritiert zuschauen.

Ein Rentnerehepaar, welches ich schon aus Dresden und Leipzig kannte, war jetzt auch in Erfurt zu Gast. Es sind ehemalige DDR-Häftlinge, die das Demonstrieren zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben und glücklich sind, daß sie nach Erfurt nicht so weit fahren müssen.

So im 10-Prozentbereich finden wir im Zug auch Angehörige der intellektuellen Berufe. Schon 1989 waren Ingenieure die treibende Kraft. Von meinen Kollegen treffe ich immer eine gehörige Anzahl. Alle trauen sich noch nicht auf Demo, weil sie teilweise von Staatsaufträgen leben.

In der Masse machen Kleinunternehmer, angestellte Handwerker, Verkäuferinnen, Köche und Mitarbeiter der am Kunden tätigen Sozialberufe einen Anteil von gut 50 % aus. An den abgestellten Fahrzeugen erkennt man das Tätigkeitsgebiet oder die Herkunft. Es sind Zimmerei- und Fliesenbetriebe, Frisörsalons, Fahrschulen, Transportunternehmer und viele angrenzende Gewerke. Die überwiegende Zahl kommt vom Orte. Die ländlich-sittlichen Kennzeichen IK, GTH, AP, SÖM und SHK machen zusammen gut die Hälfte aus.

Nach WE und J muß man dagegen schon etwas suchen. Das bedeutet, daß die Landesministerien, das Landesverwaltungsamt und die Universitäten derzeit noch etwas abseits stehen. Das ändert sich immer erst in der letzten Phase einer Revolution. Das hat nichts damit zu tun, was diese Leute insgeheim denken. Viele Leute in den Ministerien und Verwaltungen halten von ihren Vorgesetzten und deren Ansichten gar nichts, wie ich aus meiner langjährigen Bürgermeistertätigkeit sehr genau weiß.

Wer die Fankurven von Fußballvereinen besucht hat, der weiß, daß sich dort fast hundertprozentig Handwerker und angrenzende Berufe versammeln, inclusive der zahlreichen Lehrlinge. Das ist natürlich auch in Jena und Erfurt so. In der Südkurve in Jena steht beispielsweise die halbe jüngere Bauhandwerkerschaft des Saale-Holzland-Kreises. Diese sogenannten Hools findet man natürlich auch im Demo-Zug. Wenn sie an den bezahlten Staatsdemonstranten vorbeikommen, werden die Rufe „Lumpenpack“ am lautesten.  Sorry, aber diese krude Ausdrucksweise hat ja unser Wirtschaftsminister unters Volk gebracht.  Oder sie rufen: „Wir müssen zahlen für diese Asozialen“. Da haben wir den Klassenkampf in Reinform.

Das Volk hat die Schmarotzer satt. Foto: W. Prabel
Das Volk hat die Schmarotzer satt. Foto: W. Prabel

Demonstranten und Gegendemonstranten unterscheiden sich in der Sauberkeit. Die biederen Handwerker sind es gewohnt ihre Baustelle aufzuräumen, die bezahlten Gegendemonstranten nicht. Björn Höcke wies in seiner Rede darauf hin, daß es bei den Staatsdemonstranten nach der dritten Demo vorige Woche aussah wie im Schweinestall, als sie ihre Standplätze geräumt hatten.

Ganz am Schluß wollte es der Zufall, daß ich neben meinem Grundstücksnachbarn zum Stehen gekommen war. Er ist Taxiunternehmer und Rinderzüchter und er hatte gerade noch einen Bauhelfer vom Nachbarort mitgebracht, der wegen seiner gewählten und bedachten Ausdrucksweise den ehrenvollen Spitznamen „der Doktor“ trägt.  Also keiner soll sagen, daß die Intelligenz abseits steht.