Von Beirut nach Raqqa und zurück

Foto: Wolfgang Prabel

Die deutschen Pinocchiomedien berichten von Flüchtlingen aus Syrien, die vor dem Terror des islamischen Staats türmen. Vor dem Hintergrund der frustrierenden Erfahrung mit einer kompakten mit Stacheldraht „eingefriedeten“ Diktatur wirkt das im Bürgerkrieg versinkende Syrien jedoch wie eine Insel der Freizügigkeit. Mit einigen Schönheitsfehlern freilich. Samya Kullab hat auf der Online-Plattform von Al Jazeera über den Grenzverkehr zwischen dem IS-Gebiet und dem Libanon bzw. Syrien berichtet.  Folgen wir ihr auf einer Busreise von der libanesischen Hauptstadt Beirut nach der IS-Metropole Raqqa.

„In Frau Umm Mohameds Koffer gibt es eine ordentlich gefaltete schwarze Abaya (Umhang) und einen Niqab (Schleier), an der Seite ihres Sitzes hat sie ein Paar Schuhe und Socken gestapelt. „Alles schwarz“, lächelte sie und hält ihre Handtasche, ebenfalls schwarz. „Ich habe es für die Reise angeschafft, nur um sicher zu gehen.“ Die 70-jährige Frau hält den Fahrpreis in der Hand, den sie für die Fahrt von der Charles-Helou-Busstation in Beirut nach  Raqqa, der De-facto-Hauptstadt des Islamischen Staates im Irak und in der Levante (ISIL) entrichten muß.

Vor der Ankunft am ersten Checkpoint, der von IS-Kämpfern besetzt ist, irgendwo zwischen Damaskus und Palmyra, wird der Busfahrer ermöglichen, daß Umm Mohamed, die einzige Frau im Bus, Zeit hat, um aus ihrem Leoparden-Print-Hijab in das schwarze Gewand zu schlüpfen, dann er wird sie bitten, in den hinteren Teil des Busses zu gehen. „Ich werde meinen Sohn und seine Familie sehen“, sagte die ältere Frau. „Ich will zurück zu meinem eigenen Haus gehen; Syrien könnte zerfallen, aber es ist immer noch mein Zuhause.“

Sie ist nicht allein; es gibt wenigstens zehn andere Passagiere in dem 50-Sitzer-Bus, die die gleiche Reise machen. Geldwechsler sind zu Fuß mit Bündeln von syrischer Währung, Passagiere rauchen die Nargileh, es wird Kaffee getrunken und alle warten in Beirut auf die Abfahrtzeit. Busfahrer schreien „Damaskus! Aleppo! Raqqa!“ um Passanten zu locken. Eine Plakatwerbung der Bushaltestelle lautet: „Fühlen Sie sich bei uns sicher.“

Um etwa 07.30 Uhr brüllt der Motor; der Fahrer Abu Hamad fordert die Passagiere auf ihre Plätze einzunehmen. Ein paar Minuten später beginnt eine Reise, die drei Tage dauert, vorbei an staatlich gehaltenen Gebieten und von der Opposition gehaltenen Fronten, bis die Fahrt das Herz des IS-Gebietes erreicht.

Der Fahrer Abu Hamad berichtet: Normalerweise haben wir keine Probleme mit dem islamischen Staat. denn wir kommen vorbereitet. Ich ziehe die Tür auf, sie kommen in den Bus und überprüfen jeden Ausweis, und wenn sie mit niemandem ein Problem haben, können wir weiterfahren.

Ein Ticket nach Raqqa kostet etwa 50 $. Von Aleppo auf dem Weg zahlen die Leute 30 $. „Es ist billig, weil die Leute, die fahren, oft arm sind,“ Ghassan, ein Verkäufer in der Kasse, sagt: „Alle Busse halten in Damaskus auf der Durchreise.“ Wie Umm Mohamed sind die meisten Passagiere syrische Staatsangehörige, in der Regel Arbeitnehmer, die ihre Familien besuchen wollen.

Ibrahim, ein anderer Passagier, sagt, daß er eine Woche verbracht habe, sich den obligaten Bart wachsen zu lassen, um die Reise zu machen und seine Mutter zu sehen. „Ohne den Bart lassen sie mich nicht rein“, sagte er. Er arbeitet auf dem Bau außerhalb von Beirut und schickt seiner Mutter einiges von seinem Lohn alle paar Monate. „Das Leben ist schwierig, aber sie will Raqqa nicht verlassen“, sagte er. „Das Leben im Libanon ist zu hart.“

Ibrahim und die Männer müssen die Hosen wechseln, bevor der Bus den ersten IS-bemannten Checkpoint erreicht. Sie kennen die Verachtung der IS-Kämpfer für Jeans. Bei mehreren Gelegenheiten wurden junge Männer mit engsitzenden Hosen (Jeans) aus dem Bus komplimentiert und zurück nach Aleppo geschickt.

Ibrahim, der Kettenraucher ist, muß seine Zigaretten wegwerfen. Der Busfahrer ist bereits vorbereitet. Selbst ein starker Raucher, ist Abu Hamad mit einem Lufterfrischer bewaffnet, um den Bus vor dem Eintritt ins IS-Gebiet zu besprühen.

Haysam Sinno, ist eine weiterer Bus-Fahrer. „Jedes Mal, wenn ich fahre, fühle ich mich als könnte es die letzte Fahrt sein“, sagte er. „Wir sehen die Zerstörung, und im Hauptkreisverkehr von Raqqa kann man abgeschlagene Köpfe sehen.“

Ibrahim scheint unbeeindruckt von den IS-bemannen Checkpoints zu sein; es ist der sporadische Beschuss entlang der Straße, der ihn am meisten erschreckt. „Wenn gekämpft wird stoppen uns die syrischen Regierungssoldaten bis das Schießen endet“, sagt Abu Hamad. Er beschreibt die Zusammenstöße salopp, als ob es ein lästiger Regensturm wäre.

Vor dem IS erinnert er sich, nahm die Reise weit weniger Zeit in Anspruch. „Wir würden Beirut nach 10.00 Uhr verlassen und in Raqqa um 3.00 Uhr ankommen“ sagt er.

Die wichtige Frage, betonte er, ist es das Fahren bei Nacht zu vermeiden. „Das ist in der Regel, die Zeit der Kämpfe.“ Anstelle des direkten Wegs von Damaskus, muß Abu Hamad nach Homs fahren, dann nach Aleppo, und von dort aus die Straße nach Raqqa. Aber es ist selten eine reibungslose Fahrt. Bei mehreren Gelegenheiten wurde Abu Hamads Bus beschossen; er musste die Windschutzscheibe zweimal ersetzen und die Seite ist immer noch mit Einschusslöchern pockennarbig.

Im vergangenen Jahr waren schwere Kämpfe in der Nähe von Safirah, auf dem Weg von Aleppo nach Raqqa. Abu Hamad mußte auf dem Seitenstreifen einer Straße drei Tage lang parken. „Regierungssoldaten brachten uns Essen, und die Passagiere schliefen im Bus“, sagte er.

Aber plötzliche Straßensperren auf dem Weg zurück nach Beirut sind die größte Herausforderung für einen Busfahrer in Syrien. In solchen Fällen versucht Abu Hamad eine alternative Route über Salamiyah zu nehmen, oder noch schlimmer, einen gewundenen Weg nördlich in der Nähe der türkischen Grenze.

Ein anderer Fahrgast ist Ahmed. Ahmeds ältester Bruder ist in Deutschland. Er war unter den Tausenden, die die gefährliche Seereise nach Griechenland unternahmen. Sein anderer Bruder ist in Aleppo steckengeblieben. „Wir sind alle verteilt“, sagt die ältere Mutter. „Ich kam in den Libanon, weil mein Sohn dort verheiratet ist.“ Ahmed begleitet sie, wissend, dass er nicht zurückkehren kann. Er hat vor kurzem gehört, dass der IS nicht erlaubt, daß Männer im Alter zwischen 15 und 45 die Stadt Raqqa verlassen dürfen. „Sie kann nicht ohne einen männlichen Begleiter gehen“, erklärt er. „Der Islamische Staat machte es sehr schwierig für uns, aber wir können nicht protestieren, wenn ich nicht will, daß mein Kopf den Kreisverkehr schmückt.“

Soweit der Bericht von Frau Kullab. Auf uns Deutsche, die hinter dem Eisernen Vorhang groß geworden sind, wirkt die Reisebeschreibung wie Episoden eines Operettenkriegs. Mit einem Bart und einer Verkleidung kann man mit einem Linienbus in der Kampfpause fix mal über die Kampflinie fahren und zurück. Ohne Verhaftung, ohne Verurteilung zu jahrelangem Zuchthaus und für 50 $. Kein Stacheldraht, keine Hunde, keine Minenfelder, keine Selbstschußanlagen, keine Grenztruppen, kein Schießbefehl und kein Todesstreifen. Wo ist da die Verfolgung? Alles ist offen wie ein Scheunentor. Laster mit Erdöl fahren zu Hunderten unbehindert in die Türkei.

Wie jede Reportage ist auch die von Frau Kullab nur ein winziger Ausschnitt der Realität. Christen und Alawiten werden im Bus nach Raqqa nicht Platz nehmen. Und sie haben gute Gründe dafür. Diese Gruppen werden derzeit noch von der Assad-Regierung und Putin geschützt. Gerade hat Präsident Assad aus propagandistischer Berechnung ein Selfie mit Christen gemacht.

Wenn syrische Sunniten in Deutschland als Asylbewerber auftauchen, ist das fragwürdig, wie der Bericht von Frau Kullab zeigt. Wirkliche arme Teufel sitzen in Nordkorea hinter Stacheldraht und Minenfeldern. Wer einen handfesten Asylgrund hat, kann in der Regel nicht nach Deutschland kommen.

 

2 Kommentare zu “Von Beirut nach Raqqa und zurück

  1. Ich lese Sie ja ganz gern, Herr Prabel.

    Aber hier wird es Bullshit. Den operettenhaften Teil kann ich an „wenn ich nicht will, daß mein Kopf den Kreisverkehr schmückt“ irgendwie ueberhaupt nicht erkennen.
    Als wenn wenn ein DDR-Rentner am Sonntag in den Westen zu seiner Schwester gefahren waere und gevierteilt wuerde, weil den Tag vorher Dynamo Dresden gegen den BFC verloren hat und die saechsischen Grenztruppenmitglieder mal eben schlecht drauf waren.

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