Hat sich das Sterben für den Arabischen Frühling gelohnt?

Foto: Wolfgang Prabel

Die Aktivisten und Auslöser des Arabischen Frühlings haben inzwischen ein recht nachdenkliches Verhältnis zum Sturz des alten Machthabers in Tunesien. Es gibt eine große Enttäuschung über die demokratische Entwicklung. War der Umsturz nicht vor allem ein Projekt unwissender europäischer und amerikanischer Eliten? War der Rauswurf der tunesischen Regierungspartei aus der Sozialistischen Internationale gerade in der Stunde der Not nicht schäbig? Wer Freunde wie die deutsche SPD hat, braucht freilich keine Feinde mehr. Folgen wir der holländischen Journalistin Thessa Lageman, die für eine Reportage für Al Jazeera den Ausgangsort der politischen Katastrophe des Nahen Ostens aufgesucht hat:.

Die Kleinstadt Sidi Bouzid in Tunesien – Um die Mittagszeit des 17. Dezember 2010 klingelte bei Ali Bouazizi das Telefon. Sein Onkel Salah rief an: „Schnapp deine Kamera und komm filmen, jemand hat sich vor dem Regierungsgebäude verbrannt.“ Ali war damals in der Opposition gegen den ehemaligen tunesischen Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali aktiv. „Mit unserer Zeitung und unserer Website, ergriffen wir jede Gelegenheit, die Regierung zu entlarven“, sagte er Al Jazeera im Interview, fünf Jahre nach dem Aufstand.

Als sein Onkel anrief, hatte Ali keine Ahnung, dass die Person, die sich selbst in Brand gesetzt hatte, Mohamed Bouazizi war, sein 26-jähriger Vetter und Freund. Selbst in seinen wildesten Vorstellungen hätte Ali nie vorausgesagt, dass die Revolution in der kleinen, staubigen Provinzstadt Sidi Bouzid beginnen würde – oder daß Tunesiens Diktator innerhalb eines Monats gestürzt werden würde. Es war der erste Dominostein, der den arabischen Frühling auslöste.

„Das letzte Mal sah ich meinen Freund eine Woche zuvor“, sagte Ali, der einen kleinen Supermarkt betreibt, genannt al-Jasmin. Er hatte Mohamed aufgefordert, etwas Obst für ihn vorbei zu bringen. „Wir hatten uns ein wenig über die Arbeit unterhalten. Wie so oft in den letzten Wochen, beklagte er, dass er müde war, weil er Tag und Nacht arbeiten mußte, um seine Familie zu erhalten.“

Es war ein riesiger Schock zu hören, dass Mohamed derjenige war, der sich selbst in Brand gesetzt hatte. „Ich war wie sein älterer Bruder, und ich fühlte eine enorme Schuld, dass ich nicht in der Lage gewesen war, alles zu tun, um seine Meinung zu ändern. Vielleicht dachte er, dass er lieber tot wäre, als unter diesen Bedingungen zu leben.“

Die Polizei hatte Mohameds Wagen beschlagnahmt, weil er sich weigerte, ein Bestechungsgeld zu zahlen. Eine Polizistin schlug ihn angeblich und beleidige seinen verstorbenen Vater. Als er zur Lokalregierung ging, um sich zu beschweren, wurde er nicht eingelassen.

Selbstmord ist im Islam verboten. „Was er tat, war nicht richtig“, sagte sein Vetter, „aber ich verstehe, warum er es getan hat.“

Ali, der verheiratet ist und drei Kinder hat, hatte ursprünglich beabsichtigt, ein Anwalt zu werden und absolvierte die Universität mit einem Abschluss in Rechtswissenschaften. Wegen seiner Aktivitäten in der Opposition als Mitglied der weltlichen Progressiven Demokratischen Partei bekam er keinen Job im Justizbereich. Stattdessen verdient er seinen Lebensunterhalt mit seinen Olivenbäumen, einigen Geschäften in Immobilien und seinem Supermarkt.

Als Ali am 17. Dezember 2010 zum Regierungsgebäude kam, wurde sein Cousin gerade mit Verbrennungen dritten Grades ins Krankenhaus gebracht. Proteste brachen in der Stadt aus und Ali filmte die Ereignisse. Am Abend des 17. Dezember veröffentlichte er ein Video auf Facebook namens „Die Intifada des Volkes von Sidi Bouzid.“

„Ich war überzeugt, dass es der einzige Weg sei, um in die internationalen Medien zu kommen“, sagte er. Die tunesischen Medien wurden komplett von der Regierung kontrolliert. „Natürlich war ich zögerlich, aber ich ging das Risiko ein. Es war nicht das erste Mal.“

Am 28. Dezember 2010 gab Präsident Ben Ali in einer Fernsehansprache die Schuld für die Unruhen den ausländischen TV-Sendern, die Menschen bezahlt hätten, um erfundene Geschichten zu erzählen, und erklärte, dass die Störenfriede gefunden werden würden und streng behandelt. „Ich wusste, dass er auch über mich redet“, sagte Ali. Kurz darauf stellte sich die Polizei vor seinen Supermarkt, um ihn zu verhaften, aber er schaffte es, zu entkommen.

Nur wenige Tage später, am 4. Januar 2011, starb der Cousin Mohamed im Krankenhaus. Ali Bouazizi filmte die Beerdigung, und die Proteste fingen wieder an. Ali wurde schließlich am 10. Januar festgenommen. „Im Gefängnis beschuldigten sie mich für alles, was geschehen war“, sagte er. „Sie schlugen meinen Kopf, meine Hände und meinen Rücken, bis ich ohnmächtig wurde.“ Vier Tage später floh Ben Ali aus dem Land, nachdem er 23 Jahre an der Macht gewesen war.

Heute ist die Straße am Gebäude der Lokalregierung in Sidi Bouzid umbenannt in Mohamed-Bouazizi-Avenue. Um seiner Tat zu gedenken, wurde aus Stein das Denkmal eines Warenkorbs errichtet, zusammen mit einem riesigen Bild von Mohamed.

Obwohl einige Beobachter Tunesien als einzige Erfolgsgeschichte des Arabischen Frühlings betrachten, sind viele Tunesier zutiefst über einen Mangel an Veränderung enttäuscht worden. Ali Bouazizi ist einer von ihnen – auch wenn er immer noch stolz darauf ist, dass der Arabische Frühling in Tunesien begann, und in seiner Stadt dazu.

„Ich wünsche, dass Mohamed noch am Leben wäre, aber ich glaube nicht, daß sein Tod umsonst war“, sagte er. „Wenn er nicht getan hätte, was er getan hat, müßten wir noch unter Ben Ali zu leben.“

Allerdings bedauert Abdessalam Bouazizi, 31 Jahre alt, ein weiterer Cousin von Mohammed, daß er an den Demonstrationen teilgenommen hat. „Es war besser unter Ben Ali“, sagt er hinter seinem Obst- und Gemüsestand. „Die Leute haben weniger Geld, wir verkaufen weniger.“ Viele Bewohner beschweren sich darüber, wie die Preise gestiegen sind in den letzten Jahren.

Unterdessen bleibt Tunesiens Arbeitslosenquote hoch, bei 15 Prozent. Diese Rate ist für junge Menschen mit 38 Prozent deutlich höher und ist besonders steil für hoch gebildete junge Menschen (62 Prozent). Es gibt einfach nicht genug Arbeitsplätze, vor allem für Hochschulabsolventen.

Obwohl eine Universität und eine Molkerei in Sidi Bouzid gebaut worden sind und das erste Schwimmbad der Stadt sich im Bau befindet, gibt es immer noch zu wenige Arbeitsplätze und eine geringere Qualität der Bildung und Gesundheitsversorgung im Vergleich zu anderen Teilen des Landes.

Der fünfunddreißig Jahre alte Lotfi Bouazizi, ein weiterer Cousin von Mohamed, ist seit Jahren arbeitslos. Während der Revolution blieb er mit seinem Bruder in Italien, suchte vergeblich nach Arbeit dort. Nachdem Ben Ali gestürzt war, kehrte er nach Hause zurück voller Hoffnung. „Nichts hat sich verbessert“, sagte er.

Ein Leben als ein Verwandter von Mohamed Bouazizi ist nicht einfach. Man erhält regelmäßig wütende Reaktionen von Tunesiern, die mit den Folgen der Selbstverbrennung unglücklich sind. Mohameds Mutter und Schwester wurden schwer durch andere Bewohner von Sidi Bouzid schikaniert, zum Teil, weil die Menschen neidisch waren, dass sie angeblich große Summen Geld von der Regierung und von ausländischen Organisationen erhalten hatten. Am Ende, zogen sie zunächst in einen gehobenen Vorort von Tunis und dann nach Montreal, wo sie ein Restaurant eröffnen werden.

Neben der hohen Arbeitslosigkeit war weit verbreitete Korruption eine Beschwerde der tunesischen Demonstranten vor fünf Jahren. Aber das ist nur noch schlimmer geworden, sagte Ali Bouazizi. „Früher haben nur Ben Ali und seine Familie gestohlen und betrogen“, sagte Ali. „Jetzt macht es jeder.“

Er und andere Bewohner erzählen Geschichten von Menschen, die 10.000 tunesische Dinar (4900 $) an die Regierung für einen Job zahlen: „Diejenigen, die dies tun schämen sich, aber sie sagen, dass sie keine andere Wahl hätten.“  Auch die Art der Korruption, die Mohamed Bouazizi erlebt hat, scheint nicht verebbt zu sein. Einige Polizisten verlangen Schmiergelder von Straßenhändlern oder nehmen Waren mit als „Steuer“.

Ali Bouazizi ist in der Politik nicht mehr aktiv, und nicht einmal bei der Parlaments- und Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr hat er abgestimmt. „Ich war zu enttäuscht von allen gebrochenen Versprechen der Politiker in den letzten fünf Jahren“, erklärte er. Er sieht die aktuelle Regierungspartei Nidaa Tounes als eine Kopie des alten Regimes. „Ben Ali ist in Saudi-Arabien, aber seine Leute sind immer noch hier. Das System hat sich nicht geändert.“

Die meisten Tunesier sind sich einig, dass die einzige Sache, die sich seit der Revolution verbessert hat, die Freiheit der Rede ist – zumindest zunächst. „In diesen Tagen, müssen Sie aufpassen was Sie sagen, wenn sie in einem Café sitzen oder etwas auf Facebook veröffentlichen, vor allem über Themen wie Armee, Polizei, Jihad und Syrien“, sagte Ali.

Nach mehreren Terroranschlägen in diesem Jahr wurde ein Anti-Terror-Gesetz verabschiedet, das zu Besorgnis unter den Menschenrechtsaktivisten führt. Es ist im Notfall erlaubt, dass Menschen für längere Zeit ohne Gerichtsverfahren verhaftet werden. „Die Regierung will uns glauben machen, dass die Sicherheit wichtiger ist, als die Freiheit, aber ich kann nicht zustimmen“, sagte Ali.

Ali hat sich bei der Organisation des jährlichen 17. Dezember Festivals in Sidi Bouzid beteiligt, um den Ereignissen des Jahres 2010 mit Hunderten von Menschen zu gedenken. Die Menschen winkten mit tunesischen Fahnen und sangen die Nationalhymne, Vertretern des tunesischen nationalen Dialog-Quartetts, das den Friedensnobelpreis im Oktober gewonnen hatte, traten mit auf.

Ein Protestmarsch fand auch statt, mit Leuten, die Schilder mit der Aufschrift „Arbeit, Freiheit, soziale Gerechtigkeit“ trugen – und die alles wieder haben wollten wie es vor fünf Jahren war. In diesen Tagen sprechen immer mehr Menschen in Sidi Bouzid über die Notwendigkeit einer zweiten Revolution.

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