Bob Dylan war der Sänger des Untergrunds


Jetzt ist Bob Dylan 75 geworden und wurde entsprechend gefeiert. Ein kleiner persönlicher Rückblick:

Für den Englisch-Unterricht gab es um 1970 eine Unterrichtshilfe, in der zwei Liedtexte standen: „Blowin In The Wind“ und „If I Had A Hammer“. So beschallten Bob Dylan und Pete Seeger politisch korrekt den sozialistisch regierten Affenstall der SED. Beide mußten wohl amerikanische Stalinisten sein, so meine voreilige Vermutung damals. Auf Pete Seeger traf das zu, auf Dylan eher nicht. Einige Jahre später erzählte mir mein Freund Gösta sehr empört, daß Bob Dylan amerikanische Rüstungsaktien in seinem Depot hätte. „Da hat Dylan wohl noch was dazugelernt“, dachte ich mir, brachte jedoch vorsichtshalber meinen Abscheu zum Ausdruck. Denn Göstas Alter war strammer Kulturfunktionär. Und ich nahm an, daß die Unterrichtsmaterialien wohl von Dylans Song „gesäubert“ werden würden, wenn sich das mit den Aktien rumspricht. Sein Ruf war also gerettet.

Mitte der siebziger Jahre gab es die ersten Untergrundversammlungen. Es waren Meetings, wo  Musik gehört, über Gemälde disputiert wurde, wo literarische Texte auseinandergenommen wurden, wo Veranstaltungs- und Konzerttips rumgingen. Über politische Fragen wurde natürlich nicht direkt diskutiert, sondern immer nur über die Umwege von Literatur, Gemälden, Musik und Wissenschaft. Wir eskortierten uns mit Gänsefüßchen gegen die Staatssicherheit, wie es Ludwig Börne ins literarische Bild gesetzt hätte. Ein ganz heißes Eisen war beispielsweise die „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf. Da gab es mal richtig Ärger mit einem Funktionär, der zufällig reingerochen hatte. Stundenlang wurde über den Streit von Liselotte Welskopf-Henrich mit dem verbohrten Werner Hartkopf (der hatte den passenden Namen) über die asiatische Produktionsweise diskutiert. Der „Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen“ ging rum, die „Grundrisse“ von Karl Marx wurden vorwärts, rückwärts und seitwärts gelesen. Marx war deshalb so eine beliebte Lektüre, weil es in seinen Texten von Gehässigkeiten gegen die asiatischen Moskowiter wimmelte. Verrufene Leute wie Jürgen Fuchs und Gerulf Pannach waren noch nicht ausgewiesen, sie tauchten immer mal wieder auf der revolutionären Bildfläche auf. Günter Kunerts Attacke auf den „hinterfotzigen“ Goethe in „Sinn und Form“ erregte die kleinen Geister.

Im Background dudelte fast immer Bob Dylan vor sich hin. Er war der geheimnisvoll näselnde Botschafter, ja von was eigentlich? Niemand kannte oder verstand seine Texte, es war nur das Feeling. Warum wurde nicht Lou Reed mit seiner „Kraft des positiven Trinkens“ der Sänger des Untergrunds? Warum nicht Wolf Biermann mit den herunterfallenden Kacheln der Stalinallee? Gottlieb Florschütz hatte folgende Auflösung: „seine (Dylans) Anti-Songs wurden zu enigmatischen Emblemen eines geheimen Zeichensystems, dessen verschlüsselte Semantik nur Mitglieder der Untergrundbewegung richtig zu deuten verstanden. Dylans Anti-Songs fungierten als Geheimcode, an dem man die Zugehörigkeit des Gegenübers zur Untergrundbewegung erkennen konnte.“

Alle dachten, daß Dylan irgendetwas Revolutionäres vor sich hinnäselt, was sich als Täuschung erwies. 1980 übersetzte ich mit einer Freundin „It’s All Over Now, Baby Blue“.  Es war ungeheuer aufreibend vom knisternden Tonband, das immer wieder angehalten und zurückgespult werden mußte, mit Hilfe eines Wörterbuchs den Text zu entschlüsseln. Aber wir haben es irgendwie geschafft. Und dann ging es nur um einen schwankenden Teppich, einen Spieler auf der Landstraße und eine brennende Sonne…

Was Dylan sehr genutzt hat: Er war nie in der Hitparade präsent, nie im Beat-Club, nie im Musikladen des Bremer Staatsfernsehens. Nie verhaspelte sich Uschi Nerke wegen Dylan. Seine Musik war kommerziell unzugänglicher als jede Bückware. Ihn gab es nicht zu kaufen. Man konnte nur immer wieder mit dem Mikrofon ein Band von einem Band aufnehmen, und mit jeder Kopie wurde die Musik noch ferner und entrückter. Joan Baez war dagegen von der kommunistischen Plattenfirma AMIGA gepreßt worden, da hatte sie – zumindest revolutionstechnisch – den Ruf einer billigen Staatsnutte weg.

Was das fragile unperfekte mystische Gefühl noch verstärkte: Die U-Versammlungen fanden fast immer bei Kerzenlicht in Häusern statt, die kurz vor dem Abriß standen, oder in der Dämmerung auf einem Friedhof oder standesgemäß in Kellern. Geschätzt wurde als Ambiente der morbide Hauch der Vergänglichkeit. Die SED beklagte damals den verbreiteten Hang der sozialistischen Untertanen zur „Nostalgie“.

Dann kamen die 80er Jahre. Nach den Streiks in Gdańsk, Łódź, Kraków und Szczecin wurden die Treffen provokant mit der polnischen Nationalhymne eingeleitet. Wir hatten einen echten Polen in der Runde. Er hatte den Spitznamen „Der polnische Graf“ und brachte uns den Text bei: Jeszcze Polska nie zginęła. Und er erklärte uns den Zug der polnischen Kämpfer nach Italien. Die Polenbegeisterung ging zu der Zeit von Tallin bis Bukarest rum. Ich erinnere mich noch an den Abend, als der Papst Giovanni Paolo II. gewählt worden war. Das war im Oktober 1978. „Jetzt können sich die Kommunisten eine anbrennen“, sagte ein Freund und er sollte recht behalten. Und danach näselte wieder Bob Dylan vom Band. Er hatte gerade die fromme „Shot-of-Love“-Periode. Allein die Vorstellung, daß die Kommunisten mit ihm nichts anfangen können, war Grund genug ihm zuzuhören.

Die abenteuerlustige Sylvia fuhr in Polen dem Streik hinterher und sendete mir eine Postkarte aus dem Aufstandsgebiet. Die kam im allgemeinen Durcheinander sogar an. Im „Neuen Deutschland“, der damaligen Lügenpresse, wurde wortwörtlich von „Störungen im Arbeitsrhythmus“ berichtet. Ein paar Tage später wurde die Grenze aus seuchenhygienischen Gründen dichtgemacht. Man fürchtete in Ostberlin die revolutionäre Ansteckung. Den immer einen viertel Takt hängenden Dylan konnten sie allerdings nicht aussperren. Er begleitete uns musikalisch das letzte Jahrzehnt der asiatischen Fremdherrschaft bis zu deren Ende.

Im neuen Jahrtausend habe ich alle Dylan-Platten der 60er bis 80er Jahre nachgekauft und versucht, mich in die Kultur des Westens während der Studentenrevolte reinzudenken. Ein Heiko Maas oder ein Ralf Stegner würde das umgekehrt nie machen. Was die Sachsen und Thüringer in den Siebzigern und Achtzigern so getrieben haben, das kann ja nur finsterstes Dunkel-Mittelalter gewesen sein, Wühlarbeit des nationalsozialistischen Mobs im Tal der Ahnungslosen…

Daß man Dylan einfach so im Internet bestellen kann, hätte ich dreißig Jahre vorher nicht für möglich gehalten. The Times They Are a-Changin’…

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