Aus der guten alten Zeit


Der Sozialismus wird im Nachhinein oft romantisiert und als die gute alte Zeit wahrgenommen. Hinter der Fassade von Ordnung und Aufgeräumtheit gab es jedoch auch erhebliche Probleme mit der Sicherheit. Wenn mal etwas schief ging, wurde es von der Lügenpresse zurechtgefummelt oder ganz verschwiegen, so wie heute auch.

Das Bezirksorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands hieß damals noch nicht „Thüringer Allgemeine“, sondern „Das Volk“ und es organisierte jedes Jahr auf dem Gelände der Internationalen Gartenbauausstellung in Erfurt ein Pressefest. Eines Tages, es war 1978, kam eine etwas zerkratzte und verbleute Studentin in die Hochschule, und ich fragte sie, worunter die Gutste denn gelitten hätte. Sie war aber nicht auskunftsfreudig. Der Student Pawelski klärte mich einige Tage später über die Ursache auf. In Erfurt hatte nämlich das Pressefest stattgefunden.

Es waren die Jahre, wo die weisen Staatenlenker sich Spezialtruppen zulegten, um mit besonderen Ereignissen fertigzuwerden. Im Fernsehen war zu sehen, wie die GSG 9 in Mogadischu ein Flugzeug gestürmt hatte, und nun verlangte es die SED auch nach kampfstarken Spielzeugen. Einige Hundertschaften des Innenministeriums wurden mit neuen Teilchen ausgerüstet: Integralhelmen, Schilden, Hochleistungsknüppeln. So eine Hundertschaft lief auf dem Pressefest Schau: In einer langen Einerreihe stolzierten die frisch kostümierten Jungs durch das Gelände und ließen lässig und elegant die neuen Knüppel gegen die neuen Helme wippen.

Viele jüngere Festbesucher kamen sich dagegen ein bißchen nackig vor. Sie sammelten sich an einem Platz und warteten ab. Die Gelegenheit zum Angriff kam in Gestalt einer jungen Frau. Sie hatte einen Fotoapparat mit und machte ein Bild von den behelmten Jünglingen. Nun kam das übliche. Der Fotoapparat wurde ihr von zwei Zivilisten weggenommen, es wurde seitens der Festbesucher gejohlt und es kam zur sogenannten Eskalation der Gewalt. Die ersten Bierflaschen wurden über den Platz geworfen und krachten gegen die neuen Integralhelme. Der Einsatzbefehl wurde erteilt. Nun zeigte sich, daß die Bepo noch nicht gut geübt hatte. Im allgemeinen Durcheinander, das jetzt entstand, kam es zunächst zur Massenprügelei zwischen Festbesuchern und Polizei. Da ein Hundeführer mit seiner Aufgabe überfordert war, wurde der Einsatzleiter höchstpersönlich in den Allerwertesten gebissen. Das vergrößerte das Chaos noch. Immer mehr Besucher wurden auf das Ereignis aufmerksam und nahmen an der Keilerei teil. Einige Polizeifahrzeuge standen derweil in Flammen und brannten aus. Der Kampf verlagerte sich in den Bereich der Ausstellungspavillions, die leider aus Glas waren. Deshalb kam es auch zu umfangreichen Sachschäden an Gebäuden. Nach etwa einer halben Stunde traf Verstärkung für die Polizei ein, die die Ausgänge der Gartenbauausstellung besetzte. Nun mußte jeder, der hinauswollte am Ausgang durch ein Spalier und wurde bei Verdacht auf Teilnahme an der Volksbelustigung krankenhausreif verprügelt. An den Eingängen kamen mehr Leute zu Schaden, als auf dem Gelände und die Krankenhäuser hatten bis zum Montag zu nähen. Der Aufruhr hatte große Wirkung. Der ganze Bezirk witzelte über den Mißerfolg der Partei. Besonders der Einsatzleiter konnte sich zusätzlich zum Schaden über mangelnden Spott nicht beklagen. Die neuen Helme, Schilde und Knüppel wurden die nächsten Jahre nicht wieder in der Öffentlichkeit gezeigt. Viele Teilnehmer des Festes, aber auch Unbeteiligte landeten im KZ.

Der Weimarer Hochschulangestellte Rainer Hoefer hatte im Dezember 1978 eine Eingabe an Honecker verfaßt, in der es hieß: „…Die wissenschaftlich-technische Entwicklung hat sich in unserem Lande mehr und mehr verlangsamt. Der Rückstand auf die hochentwickelten kapitalistischen Länder ist größer geworden. Wirklich bedeutsame Erfindungen werden in der DDR nicht mehr gemacht….“ Mitte April wurde Hoefer zu Hochschulrektor Fuchs. bestellt und abgekanzelt. In der Nummer 20/1979 veröffentlichte Hoefer seinen Brief an Honecker im „Spiegel“. Unter der Überschrift „Ein Nährboden für Neurosen“ schrieb Hoefer zur Lage der DDR: „Wer sich zum Marxismus bekennt, muß nachweisen, daß die sozialistisch organisierte Produktion eine höhere Arbeitsproduktivität aufweist, als die der höchstentwickelten kapitalistischen Unternehmen. Dieser Nachweis ist auch nicht teilweise gelungen, und es gibt keine Anzeichen für eine erfolgreiche Entwicklung in dieser Richtung. Im Gegenteil: die technische Entwicklung in den kapitalistischen Ländern hat ein Tempo erreicht, an dem gemessen die DDR auf der Stelle tritt“. Honecker war empört, in der Hochschulleitung war man entsetzt. Daraufhin setzte die Gehirnwäsche für die Hochschulmitarbeiter ein, die bald wieder eingestellt wurde. In der Sektion Baustoffverfahrenstechnik wurde eine Versammlung einberufen, bei der es Rektor Fuchs und Parteisekretär Pletat. lediglich gelang, eine äußerst laue und mit Zweifeln versetzte Verurteilung von Hoefer durch seine Kollegen zu erreichen. Daraufhin wurden die geplanten Schauveranstaltungen in den anderen Sektionen abgeblasen. Hoefer wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt und lebt, nachdem er nach drei Jahren Einzelhaft in Untermaßfeld verkauft wurde, heute in der freien Schweiz. Herr Prof. Fuchs, der behauptet hatte, daß Hoefer „Mitglied einer ausländischen Agentenorganisation“ sei, bekam nach der Wende weiter seine Opfer-des-Faschismus-Ehrenrente.

In der Hochschule für Architektur und Bauwesen gab es einen Wachdienst, der in den Räumen der Abteilung Erziehung und Ausbildung untergebracht war und außerhalb der gewöhnlichen Dienststunden rund um die Uhr besetzt sein mußte. Einmal bat mich ein Arbeitskollege, ihn wegen einer Familienfeier zu vertreten, und so kam ich in die Verlegenheit, eine Nacht lang die Hochschule zu hüten. Da gab es zunächst das angekettete Wachbuch. In die Wand war eine Schraube eingemauert, an diese war eine Kette angefrickelt und an die Kette war mit einer Schraube, Mutter und Kontermutter das Wachbuch befestigt. Hier waren die Wachhabenden und die besonderen Vorkommnisse verzeichnet. Es gab Mitteilungen, daß irgendwo vergessen worden war das Licht zu löschen, aber es gab auch aufschlußreiche Eintragungen. Z.B. gab es mindestens zehn Mal im Jahr Drohanrufe bzw. Bombendrohungen. Daneben stand dann immer irgendein intelligenter Kommentar eines Herrn Pätzelt: „Drohanrufe genauer protokollieren“ oder „Maßnahmen zur Aufklärung ergreifen“.

Neben dem Studium des Wachbuchs konnte man sich die Zeit am Telefon vertreiben. Das Telefon des Parteisekretärs Grönwald, der im Meisterhaus am Horn wohnte, war nur über den Diensthabenden der Hochschule zu erreichen. Die Gespräche mußten von Hand verbunden werden. Etwa ein viertel Jahr vor meinem Wachdienst hatte ich durch einen Zufall das Prinzip der Telefonanlage der Hochschule erkannt. Ich war wegen einer Wohnungsangelegenheit bei der Mitarbeiterin der Abteilung Erziehung und Ausbildung Liesl Dostal und bekam von ihr den Auftrag, Prof. Schwesinger anzurufen. Prof. Schwesinger. war besetzt. Durch einen Zufall kam ich auf die Taste unten rechts und war plötzlich im Gespräch, das der Professor gerade führte. Ich bekam den schwarzen Verdacht, daß man von bestimmten Apparaten aus die ganze Hochschule abhören konnte. Beim Apparat des Wachhabenden funktionierte dasselbe Prinzip. Nach dem Drücken der Taste konnte ich ein Gespräch von Grönwald mithören. Der Parteisekretär der Hochschule bekam etwa um 23 Uhr einen Anruf von Carla Gonzales. Das war ein Mitglied der Kommunistischen Partei Chiles, das sich immer und überall in den Vordergrund drängte und eine regelrechte Frau Wichtig war. Sie hatte unter den Studenten deshalb den Spitznamen „Das Zentralkomitee“. Ich dachte, die Hochschulleitung müßte verrückt geworden sein, mich an so einen Zauberapparat zu setzen. Und pfui, dachte ich, die haben einen seltsamen Teamgeist, die bespitzeln den eigenen Mann.

Es sollte noch kafkaesker kommen. Ein halbes Jahr später gingen Matthias Kott und ich am Heizungskeller vorbei. In die Kellerlichtschächte war eine Menge Altpapier hereingekippt worden. Ich sah etwas, bückte mich und hatte einen alten Bekannten in der Hand: Das Wachbuch der Hochschulleitung, das ein halbes Jahr vorher noch angekettet gewesen war. Ach dachte ich, ihr seid alte Schlampen. Aus euch wird nie etwas. Ich schlug irgendeine Seite auf und stieß auf eine Eintragung des Herrn Pätzelt: „Bombendrohungen ernster nehmen.“ Ich las es Matthias vor, der grinste finster und sagte: „Das müßte man an die Bild-Zeitung schicken. Dann könnten sich die Rindviecher von der Hochschulleitung warm machen.“

 

2 Kommentare zu “Aus der guten alten Zeit

  1. Ein renitentes und wehrhaftes Völkchen, diese Thüringer! 😉 Leider ist davon nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Schade, gerade jetzt könnte dieses Land sie so dringend gebrauchen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.