Das Kreuz mit den Saupreißen


Bereits im November 1976 hatte die CSU die halbherzige Mißwirtschaft der CDU satt. Nach der von Helmut Kohl knapp vergeigten Bundestagswahl im September 1976 trafen sich die CSU-Bundestagsabgeordneten zur Klausur in Wildbad Kreuth und beschlossen mit 30 zu 18 Stimmen die Auflösung der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag. Dahinter stand der Gedanke der Ausweitung der CSU auf das übrige Bundesgebiet. Aber bereits am 12. Dezember wurde der Beschluß zurückgenommen. Was waren die Gründe des Rückziehers?

Die Trennung von der CDU hätte eine fatale Nebenwirkung für Bayern gehabt. Die Staatspartei CSU, die den Freistaat seit den 60ern immer mit sattesten Mehrheiten durchregierte, hätte vermutlich ihre absolute Mehrheit im Landtag verloren und mit der Wischiwaschi-CDU in München koalieren müssen. Denn die CDU hätte natürlich ihrerseits auch einen Landesverband in Bayern gegründet. Zudem fürchtete man in der CSU-Spitze nicht zu Unrecht, in den übrigen Bundesländern wie ein Magnet Glücksritter und windige Gestalten anzuziehen.

Es gab 1989/90 mit der Deutschen Sozialen Union (DSU) so ein Experiment im wilden Osten. Die DSU war zwar organisatorisch eigenständig, wurde von der CSU jedoch massivst unterstützt. Insbesondere in Sachsen wurden zweistellige und in Thüringen respektable Ergebnisse bei der Volkskammerwahl im März 1990 erzielt, das Problem war jedoch wie bei allen anderen Parteien das Personal. Mit Rechtsanwalt Diestel als Innenminister war auf Dauer kein Staat zu machen, denn Diestel trat aus Karrieregründen im Juni 1990 zur CDU über. Auch der Parteigründer Ebeling trat bereits im Juli 1990 aus der DSU aus und verdiente seine Brötchen nachfolgend bei der CDU-nahen Adenauer-Stiftung.

Diestel machte nach 1993 noch dann und wann Schlagzeilen, wenn er als Rechtsanwalt Stasileute verteidigte, auch Dopingsportler wie Jan Ulrich. Hormonverabreicher Springstein oder der Lustreisen-VW-Betriebsrat Klaus Volkert gehörten ebenfalls zum illustren Kundenkreis. Alles keine klassische CSU-Klientel.

Bei der CSU herrschte nach 1990 Ernüchterung und man schusterte fortan an den bayrischen Leisten. In München lief außer einer vierjährigen Koalition mit der FDP alles wie am Schnürchen, was natürlich wieder den Nachteil hatte, daß man in Berlin der CDU hinterhertrotten mußte.

Die regionale Spaltung des politischen Christentums hatte übrigens eine lange Geschichte. Noch im Kaiserreich war die katholische Zentrumspartei reichsweit organisiert, umfaßte auch die bayrischen Wahlkreise, damals also auch noch die Pfalz. Nach der Novemberrevolution wurde Deutschland straff zentralisiert, wobei auch das Zentrum unter dem Einfluß des Protofaschisten Matthias Erzberger aktiv mitwirkte. Erzberger zentralisierte als Reichsfinanzminister 1919/20 die Finanzverwaltung, die vorher Sache der Bundesstaaten gewesen war. Das heißt die alte Reichsordnung, in der sich das Reich auf den Fundamenten der Bundesstaaten aufbaute, wurde auf den Kopf gestellt. Das paßte freilich den immer auf Eigenständigkeit bedachten Bayern nicht, die Bayrische Volkspartei spaltete sich Ende 1918 vom Zentrum ab und machte in der Weimarer Republik ihre eigene Politik. Es kam jedoch nie dazu, daß man sich mit dem Zentrum gegenseitig Konkurrenz machte, indem man in Wahlkämpfen die Landesgrenzen Bayerns überschritt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden Zentrum und Bayrische Volkspartei neu, daneben aber CDU und als bayrisches Pendant die CSU. Die CDU konkurrierte das Zentrum nieder, die CSU hatte mit der Bayrischen Volkspartei etwas mehr Mühe, schaffte es aber auch sie zu pulverisieren. Es gibt heute als Nachfolgeorganisation noch die separatistische Bayernpartei, die in Kommunalparlamenten am Alpenrand vertreten ist. Die bayrische politische Extrawurst hat also seit der Novemberrevolution von 1918 Tradition, Franz Josef Strauß war nicht der Erfinder.

Die Asylpolitik der Kanzlerin zieht die CSU mittlerweile auch in Umfragen zur Landtagswahl runter. 37 % sagt das Institut INSA der Seehofer-Partei für die Landtagswahl 2018 vorher.  Nun passiert das, was man 40 Jahre lang zu vermeiden trachtete: Der preußische Saustall in Berlin ruiniert die CSU-Pfründen in München. Die Größenverhältnisse sind ja so: 46 Abgeordnete hat die CSU im fernen Berlin, aber satte 101 im bayrischen Landtag. Der Freistaat hatte als Versorgungssystem und Geldquelle der Partei immer Vorrang bei allen Entscheidungen der bayrischen Ministerpräsidenten.

Der Wähler macht einen Strich durch diese Rechnung. Bundes- und Landespolitik lassen sich nicht mehr erfolgreich voneinander trennen. Man kann in München nicht mehr eine Quasi-Opposition darstellen, während man in Berlin Merkels Macht sichert. Nachdem die Kanzlerin zweimal die SPD und einmal die FDP ruiniert hat, nahm sie zuletzt die CSU aufs Korn. Seehofer blitzte mit seinen Obergrenzen-Interventionen immer an ihr ab. Gesprungen als bayrischer Löwe, gelandet als Bettvorleger.

Die CSU steht wieder einmal vor der kniffligen Frage, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU in Berlin aufzukündigen. Eine Patentlösung ist es nicht, wie die Geschichte zeigt. Andererseits hat der österreichische Nachbar Sebastian Kurz bewiesen, daß eine energische Wende beim Wähler ankommt. Die CSU muß ja nicht den Fehler machen, sich überstürzt auf das Bundesgebiet auszuweiten. Man kann es ja seinerseits der CDU überlassen sich in Bayern zu blamieren.

Die Risiken eines Kurswechsels sind groß, die Chancen mit einem blauen Auge davonzukommen werden mit jedem verschenkten Tag kleiner. Die JU hat jetzt bei einem Meeting in Nürnberg mit dem Aufstand gegen Seehofer und damit auch gegen Merkel begonnen. Markus Söder ist der Hoffnungsträger der Parteijugend, der die CSU-Karre aus dem Schlamassel ziehen soll. Wenn die Palastrevolution in München was wird, kann Merkel ihre Schwampel knicken.

Es ist für die Bayern allerhöchste Eisenbahn. Denn wer zu spät kommt, den bestraft das Leben…

Ein Kommentar zu “Das Kreuz mit den Saupreißen

  1. Markus Söder hat in seiner bisherigen Karriere viel einstecken müssen. Unvergeßlich das Jahr, wo beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg das Duo Söder/Guttenberg, beides mögliche Kronprinzen, als Donald Duck und Gustav Gans bezeichnet wurden. Zum Totlachen, aber mir tat der Söder leid.
    Allerdings hat er sich komplett disqualifiziert mit seiner Aussage, daß der Islam zu Deutschland gehört. Wegen dieser Einstellung gehört Deutschland bald dem Islam, da kann die Partei sich gleich umbenennen in „Cisalpine Schariah Union“.

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