Reformpädagogik ist ein Irrweg


1960 wurde ich eingeschult. Die Schule befand sich im ehemaligen russischen Botschaftsgebäude, einem kakelbunten Ziegelbau aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In drangvoller Enge waren die Klappbänke aufgebaut. 41 Schüler betrug die Klassenstärke, die im Laufe der Jahre auf 48 ansteigen sollte. Irgendeinen stärkenden Gummibärensaft hatten unsere Väter 1952 getrunken, denn von den 48 Schülern waren 41 Jungs. Auch der Sportunterricht erfolgte in einem Provisorium: In einer Wagenremise, die für die kaiserlichen Kutschen errichtet worden war.

Schuldirektor war der Rechenlehrer Vollandt, der sehr groß und bullig war, aber ein überaus weiches Gemüt hatte. Er hatte immer ein kopfkissengroßes Taschentuch einstecken, in welches er regelmäßig weinte und den reichlich fließenden Schweiß wischte. Als Wilhelm Pieck gestorben war, als die DDR-Fußballmannschaft am 3. Januar 1965 sensationell diejenige von Uruguay 2:0 besiegt hatte, wenn Ernst Thälmann oder Lenin betrauert wurde, immer trat das Taschentuch in Aktion.

Es muß am 12. oder 13. April 1961 gewesen sein, als er ganz aufgeregt mitten in der Schulstunde ins Klassenzimmer stürmte. Freudestrahlend verkündete er, daß der erste Sowjetmensch den Erdball in einem Raumschiff umkreist. Er war ganz aus dem Häuschen vor Stolz und Begeisterung, zog sein Riesentaschentuch heraus und schluchzte erbärmlich. Von nun an dienten die Rechenstunden zum Nerven und zum Schwärmen. „Von den Bezwingern des Weltraums“, und von der „Überlegenheit der Sowjetunion“ war nun jede Stunde die Rede.

Die Klassenzimmer hatten noch Ofenheizung und waren etwa einen Meter hoch mit einem olivfarbenen Ölsockel angestrichen. In den Öfen wurde eine Art Blumenerde verbrannt, die in Brikettform gepreßt wurde. Es war immer staubig und roch etwas nach Hölle. Hinten hingen die Mäntel an der Garderobenleiste. Wenn es geregnet hatte verströmten sie einen infernalischen Gestank. Es wurde früher nicht so oft gewaschen. Trotz dieser Mißstände oder gerade wegen ihnen gab es unter uns Schülern nicht einen einzigen Allergiker. Außer einem Mädchen mit Zucker waren alle kerngesund.

Die erste und zweite Reihe war die Eselsbank. Sie wurde zwar offiziell nicht mehr so genannt, dort saßen jedoch die leistungsschwachen Jungs. Es gelang den Lehrern, daß jedes Jahr alle in die nächste Klassenstufe versetzt wurden.

Der Heizer war der Hausmeister Unruh. Er war Sommer wie Winter immer mit einem eisernen Schürhaken unterwegs und wie in den meisten Bildungseinrichtungen die einzige Respektsperson. Er war immer auf der Suche nach kriminellen Handlungen, vor ihm hatten wir Dampf. Er war auch für das Auslegen der Seuchenmatten zuständig. War der Rotlauf zu Ende, begann die Saison der Maul- und Klauenseuche. Den Rest des Jahres wüteten die Ruhr und die Mixamotose, aber dagegen half keine Desinfektion.

1960 gab es eine technische Neuerung. Die Schiefertafeln und Schwämme hatten ausgedient und wir schrieben mit dem Füllfederhalter „Pionier“ in richtige Schulhefte. Das Nachfüllen aus gläsernen Tintenfläschchen war eine Sauerei. Wir durften nur zu Hause nachfüllen. Es gab damals übrigens noch das Fach „Schönschreiben“. Es sollte heutzutage wegen immer schlimmeren Sauklauen wieder eingeführt werden.

Der Schultag begann dienstags bis samstags mit dem Einmarsch der Lehrerin. Alle standen auf und riefen „Freundschaft“. Dann wurden die fehlenden Schüler gemeldet und danach gesungen. „Kleine weiße Friedenstaube“ oder „Der kleine Trompeter“ oder „Wenn wir schreiten Seit an Seit“. Die restlichen Lieder bekomme ich nicht mehr zusammen.

Klassenlehrerin Henniger war Offizierswitwe und sprach sehr leise. Es funktionierte trotz der großen Klassenstärke und der mittelmäßigen Raumakustik, daß in der letzten Reihe noch alles ankam. Einmal erläuterte sie die Bedeutung des Emblems auf der DDR-Fahne: Der Hammer stünde für den Arbeitsmann, der Ährenkranz für die Genossenschaftsbauern und der Zirkel für die Ingenieure. Danach mußten wir das Gedicht „Arbeitsmann und Bauersmann sind Freunde alle beide“ lernen. Einige Wochen später ging ein Fritzchen-Witz durch die Klasse: Der Lehrer erklärt die Fahne: Der Hammer steht für den Arbeiter, der Ährenkranz für den Bauern und der Zirkel für den Ingenieur. Fritzchens Banknachbar stößt Fritzchen an, und beklagt sich, daß für seinen Vater kein Symbol im Emblem wäre. Fritzchen erkundigt sich nach dem Beruf des Vaters vom Banknachbarn und erfährt, daß dieser Parteisekretär sei. Fritzchen beruhigt seinen Banknachbarn: „Für deinen Vater is oben im Zirkel ne Niete“.

Natürlich gings auch bei Frau Henniger nicht ohne Gehirnwäsche. Einmal erläuterte sie, wie zukünftig eingekauft werden würde, wenn der Kommunismus aufgebaut sei. Man würde in den Laden gehen und sich wegnehmen, was man brauchen würde. Das Bewußtsein der Menschen sei im Kommunismus soweit fortgeschritten, daß niemand etwas begehren würde, was er nicht benötigt. Deshalb würden die Bonbons und das Brot in den Läden nie alle werden (obwohl alle Kinder nach Bonbons gahnzen). Die Arbeit würde von Robotern erledigt werden und es gäbe riesige Rechenmaschinen. Geld würde es nicht mehr geben, jeder könne nach seinen Bedürfnissen leben. Zuerst würde der Kommunismus in der Sowjetunion eingeführt werden, weil die Sowjetunion auf dem Weg zum Kommunismus am fortgeschrittensten sei.

Sofort meldeten sich aus der Klasse nur Zweifler. Niemand konnte sich vorstellen, daß die Läden nicht sofort geplündert werden würden, wenn man soviel entnehmen könnte, wie man wollte. Den Reichtum der Zukunft, die Roboter und Rechenmaschinen konnte sich jeder vorstellen, an den neuen Menschen glaubte niemand außer der Lehrerin. Und wer weiß, was die zu Hause dachte. Den neuen Menschen konnte man nicht einmal den Zweitensklässern verklickern. Nach der Märchenstunde nahm mir Wolfgang Saalfeld in der Pause einen Bleistift weg. Ich wollte ihn wiederhaben und er wollte ihn nicht rausrücken. Ich fragte ihn, wie er dazu käme. In einem Anfall von nacktem Egoismus antwortete er triumphierend: „Ja, ich bin ja auch ich!“

Frau Henniger war aus Preußen. Dort sagt man sich ungeschminkt die Meinung und findet das in Ordnung. Sie führte einen ausdauernden Kampf gegen das Ungefähre in der thüringischen Seele. Im Fach „Heimatkundliche Anschauung“ mußte man oft etwas zu einem vorgegebenen Thema vortragen. Fast jede gute thüringische Geschichte fängt mit „vielleicht“ oder „manchmal“ an. Die Lehrerin wurde fast verrückt, wenn sie die beiden Worte hörte, aber ihr Kampf um die scharfen Kanten der Bestimmtheit einer Aussage trug nur sehr spärliche Früchte. Den Nationalcharakter kann man nicht ändern.

Heutzutage wird behauptet, daß In der DDR keine Nationalsozialisten unterrichten durften. Stimmt nicht. Die Musikstunden dienten dem Musiklehrer Lerz zur Entladung seines nicht unbeträchtlichen Gewaltpotentials. Selten ging eine Stunde dahin, ohne daß ich eine Abreibung bekam. Mal zog er mit Wucht an den Haaren, mal flog ich gegen das Klavier, mal gab es eine Kopfnuß und an guten Tagen wurde ich nur in die Ecke gezerrt.

Lerz war ein kleiner, aber zäher und überaus cholerischer Mann. Er trug einen hellen gestreiften Anzug mit roter Krawatte sowie Parteiabzeichen und aus dem Hemd schaute oben ein gerötetes Gesicht mit fanatischen Augen, umflort von einer Goethe-Frisur heraus. Trotz seines Alters machte Lerz nie den Eindruck, als bereite er sich auf die Rente vor. Er erzählte jede Stunde einige Male, wie beliebt er bei den Eltern und Schülern sei, und daß Jungen bestimmte Eigenschaften haben müßten: aufmerksam, flink, zäh, eifrig usw. An diesen Idealen konnte er sich begeistern. Seine Stimme erhob sich, begann zu zittern und Tränen traten in seine Augen. Dann wurde einer seiner Lieblinge gehätschelt, d.h. er fuhr mit seiner Hand über den Hinterkopf des Musterexemplars. Die Musterschüler hatten „Igelschnitt“, eine Haarmode, die sich an Mecki-Postkarten orientierte, wobei sich damals der Haaransatz noch in Gürtelbreite über dem Ohr befand. Mädchen waren ihm bezeichnenderweise wurscht. Die hatten es gut.

Ich war der falsche Typ, also schlimmes Gift für den Lehrer. Ich meldete mich nicht flink, sondern wenn überhaupt, dann behäbig, ich war nicht begeisterungsfähig, sondern ein Zweifler. Ich hatte keinen Igelschnitt, sondern einen Scheitel und mußte jede Stunde über den Lehrer und seine Auswüchse lachen. Oder mein Banknachbar Klaus Schwarzbeck brachte mich gekonnt zum Lachen. Das waren die Augenblicke, wo Lerz wieder zu toben anfing. Null Frustrationstoleranz nennt man das heute.

Vor dem Krieg war er in der NSDAP gewesen. Lerz hatte den klaren Nachteil, daß er an das glaubte, was er erzählte. Den Kommunisten Vollandt konnte man mit Lippenbekenntnissen hoch zufriedenstellen, ja sogar gelinden Widerspruch ertrug er fast klaglos. Aber Lerz schaute jedem ins Herz, und wehe, das Herz schlug nicht für den neuen Menschen und die neue Zeit. Er hatte so viel Selbstgewißheit, wie heutzutage die Grünen. Die letzte Stunde im Schuljahr las er immer aus einem reformpädagogischen Roman aus den 20ern vor, in dem sich der Lehrer und die Schüler alle liebhatten. Welch Widerspruch: Niemand wurde in dieser Reformprosa an den Haaren gezogen, in die Ecke gestellt usw. Solche negativen Typen wie mich gabs in den 20ern einfach noch nicht. Außer Hitler vielleicht.

Wilhelm Pieck war der Präsident. Im Lesebuch gab es eine Geschichte, wie er mit den Jungpionieren den Republiksgeburtstag feiert. Ein Pionier zupfte den Präsidenten am Hosenbein und durfte ihm auf der Mundharmonika den „Kleinen Trompeter“ vorspielen. „Von all unsern Kameraden war keiner so lieb und so gut…“

An der Seitenwand unseres Klassenraums hing ein Foto des Präsidenten. Nach dem Ableben des alten Herrn am 7. September 1960 wurde der Präsidentenjob am 12. September durch das Gesetz über die Bildung des Staatsrates abgeschafft. Das Foto an der Wand hatte einen Trauerrand und am 22. September, einen Tag  nach Ulbrichts in der Volkskammer durch stehende Akklamation zustande gekommenen Wahl zum Staatsratsvorsitzenden war Pieck abgehängt und an derselben Stelle prangte ein Ulbricht-Konterfei. Der frischgebackene Staatsratsvorsitzende war mit Spitzbart, aber ohne Brille dargestellt. Es hieß aber im Volksmund: „Spitzbart, Bauch und Brille, das ist nicht des Volkes Wille“. Also malte Gerhard Kümpel in der Pause mit einem dicken schwarzen Bleier eine dicke schwarze Brille auf das Porträt. Bereits wenige Minuten nach Unterrichtsbeginn hatte die Lehrerin den Frevel entdeckt, und nun begann das Verhör. Bald war Gerhard als Künstler ausfindig gemacht, und normalerweise hätte eine Bestrafung angestanden und das Hängen der Schandtat an die große Glocke. Aber die Mutter des Delinquenten arbeitete in der Kreisleitung, und die Lehrerin war noch nicht einmal in der Partei. Die Sache verlief ganz fix im Sande.

Einmal wurde Vollandt krank, als gerade das kleine Einmaleins dran war. Als Ersatz kam aus der Tiefurter Vierklassenschule der didaktisch sehr versierte Kanter Seifert, dessen Hauptlehrmittel der Zeigestock war. Kanter wurden zu jener Zeit noch die Dorflehrer genannt, die meistens mehrere Altersstufen gleichzeitig zu unterrichten hatten. Er war ein jüngerer Mann und hatte einen handfesten Humor. Den Zeigestock meist hoch erhoben, marschierte er wie ein Unteroffizier durch die Klasse. Wir Viertensklässer hatten beide Hände flach auf die Bänke zu legen, bevor das Einmaleins abgefragt wurde. Zuerst wurde kontrolliert, ob alle Nägel geschnitten waren. Er rief in die Klasse: „7 x 6 ?“, zeigte mit dem Stock auf einen Schüler, und wenn dann nicht in angemessener Zeit „42“ rauskam, war angedroht, daß der Stock auf die Hände prasseln würde. Wir haben das Einmaleins sehr problemlos, gründlich und schnell gelernt, der Stock wurde nie eingesetzt.

Heutzutage beklagen sich Lehrer bei einer Klassenstärke von 25 über zu harte Arbeit. Und verlangen weniger Schüler. Ich bin die ganze Schulzeit immer in Klassen mit über 40 Schülern gewesen und die Rechtschreibung und die mathematischen Fähigkeiten, aber auch die Disziplin und der Fleiß waren damals wesentlich besser und ausgeprägter, als in den Miniklassen der Jetztzeit. Irgendwie scheinen die ganzen Neuerungen im Bildungswesen kontraproduktiv zu sein. Meine Tochter meinte beispielsweise, daß das Projektjahr am Gymnasium (das dreizehnte) ein totaler Leerlauf und rausgeschmissene Zeit gewesen sei. Vielleicht müßte man die Uhr mal zurückdrehen und wieder zu den Lehrmethoden der Großväter und -mütter übergehen. Reformpädagogik wurde schon in der späten Kaiserzeit von Sozialisten, Nazis und Antisemiten betrieben – das ist was für Leute wie Lerz. Die Bildungsreformen haben nichts gebracht, außer Chaos an den Schulen.

 

2 Kommentare zu “Reformpädagogik ist ein Irrweg

  1. Sehr geehrter Herr Prabel,
    ein wunderbarer, heiterer Artikel. Ich habe zwischendurch herrlich gelacht. An einer Stelle fühlte ich mich an die Erzählungen meines Vater erinnert: Jahrgang 1917, wurde nach dem 2. Weltkrieg Lehrer; zunächst in einem Kaff in Schleswig-Holstein, ließ er sich 1956 nach Düsseldorf versetzen. Er hatte dort 2 Klassen à 90 (in Worten: neunzig!) Kinder zu unterrichten und trotzdem konnte man eine Stecknadel fallen hören. Meiner Einschätzung nach liegt der Grund dafür, daß es heute so ganz anders zugeht in der Schule, nicht allein in den unzähligen Schulreformen (und -versuchen) – auch wenn diese sicherlich die Hauptschuld tragen – sondern auch in mangelnder Erziehung seitens der Eltern und der übrigen Familie: kein Respekt vor dem Älteren, „Bitte“ und „Danke“ haben schon länger ausgedient, überhaupt Höflichkeit und Zuvorkommenheit kann ich bei heutigen Schülern nur noch in homöopathischen Dosen feststellen. Und daher auch das Problem mit der Lautstärke in den Klassen.
    Ich bin in einer Realschule großgeworden und habe damals schon gedacht, wir seien ein chaotischer und lauter Haufen, aber was ich heute so aus den Schulen mitkriege, lässt mich nur schaudern.
    Liebe Grüße
    Tiwell

  2. Ist ja lustig. 1960 wurde ich nicht weit von Ihnen in Plauen eingeschult. Wir hatten aber moderne Bänke. Als ich die erste Hausaufgabe, das Schreiben des A aufhatte, beschloß ich, daß ich Schule nicht mag. Die weitere Schulzeit mußte ich aufgrund des Arbeitswechsels meines Vaters im Norden verbringen. Meine Heimat wurde das nicht so recht dort. Kein Fasching, wenig Schnee und keine Berge, dafür von nun an jede Woche Fisch, leider. In Erinnerung blieb mir nur das Vorlesen von Zitterbacke in der Grundschule am letzten nTag und die Schauergeschichten der Lampen aus Menschenhaut. Da ich immer ein Sensibelchen war, hat mir meine Phantasie noch schlimmeres ausgemalt. Ich könnte koxxx, weil sie mich mein Leben angelogen haben. In Schönschrift war ich gut, durfte zur EOS und studieren. Die Gebote der Jungpioniere müßte man den Wänstern von heute einbleuen. Das Schulgeld heute ist billiger, je länger das Kind tagsüber in Kindergarten und Schule bleibt-kein Witz. Scholz hat ja mal von der Hoheit über den Kinderbetten gesprochen. Sozen sollte man zuhören und beim Wort nehmen, auch die übelsten Ankündigungen machen die wahr.

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