Die Erosion der Volksparteien


Die erdrutschartigen Zustimmungsverluste für SPD und CDU/CSU bei der letzten Bundestagswahl könnten ja eine Anomalie sein, ein Zufall, ein Ausreißer oder Ausrutscher. Die Erosion der Volksparteien ist jedoch ein europaweites langfristig und kontinuierlich wirkendes Phänomen.

Noch in den sechziger und siebziger Jahren teilten sich Sozialdemokraten und Christdemokraten den Wählerkuchen zu 80 %, in Deutschland sogar zu 90. Gut, es gab einige Ausnahmen wie Irland mit seinen Soldaten des Geschicks (Fianna Fail), die sich nirgends einordnen ließen. Oder Frankreichs Gaullisten, die sich für die Schublade „Christdemokraten“ nicht ohne weiteres eigneten. In Italien waren die Kommunisten stark und in den Niederlanden und Dänemark die Liberalen. Aber das waren die Ausnahmen auch schon.

Die Volksparteien haben sich durch das Eindringen von Elitaristen von innen heraus zerlegt, indem zunehmend die Befindlichkeiten von Kleingruppen den Kampf um die Interessen und die Rechte der Mehrheitsgesellschaft verdrängt haben. Das begann bei den Jungsozialisten und im SPD-Bezirk Hessen-Süd, breitete sich in der SPD epidemisch aus und hat inzwischen auch die CDU erfaßt. Die aus klientelistischen Kleinparteien bestehende Konkurrenz wurde zudem mit Fördergeldern für Minderheiteninteressen hochgepäppelt. Ohne unüberschaubare Subventionsmilliarden wären die Grünen nie die Konkurrenz für Sozialdemokraten und Christdemokraten geworden, die sie jetzt sind. Auch das Umfeld der Liberalen wurde bis 2013 mit Geld zusammengehalten: Mit Honorarordnungen für Anwälte, Notare, Architekten, Rauchfangkehrer, Ingenieure, Mediziner, Apotheker usw. Natürlich ist auch die Linke ein Kunstprodukt, die mit Kampf-gegen-Rechts-Geldern am Leben erhalten wird.

Sehen wir uns mal an, wie diese Entwicklung seit der letzten Europawahl fortgeschritten ist: 2014 hatte die Europäische Volkspartei (EVP, Christdemokraten) 217 von 751 Mandaten errungen. Das waren 28,9 %. Die Sozialisten und Sozialdemokraten (S&D) hatten 189 Abgeordnete entsendet, also 25,2 %. Beide Blöcke zusammen hatten noch die Mehrheit und konnten den Posten des Parlamentspräsidenten untereinander auskungeln ohne Dritte zu fragen.

Inzwischen ist in den meisten Ländern gewählt worden. Wenn man die Ergebnisse der jüngsten nationalen Wahlen mal auf das Europaparlament hochrechnet, und davon ausgeht, daß das Vereinigte Königreich zwei Monate vor der Neuwahl des EU-Parlaments augetreten sein wird, ergibt sich folgendes Bild für EVP und S&D:

Land Sitze EVP % S&D % Sitze EVP Sitze  S&D
Belgien 21 16,6 20,5 4 4
Bulgarien 17 36,8 27,2 6 5
Dänemark 13 3,4 26,3 0 3
Deutschland 96 32,9 20,5 32 20
Estland 6 13,7 15,2 1 1
Finnland 13 18,2 16,5 2 2
Frankreich 74 15,8 7,9 12 6
Griechenland 21 28,1 10,4 6 2
Irland 11 25,5 6,6 3 1
Italien 73 23,8 25,4 17 19
Kroatien 11 36,3 33,8 4 4
Lettland 8 21,9 23 2 2
Litauen 11 21,7 14,4 2 2
Luxemburg 6 33,7 20,3 2 1
Malta 6 43,7 55 3 3
Niederlande 26 12,4 5,7 3 2
Österreich 18 31,5 26,9 6 5
Polen 51 29,2 7,6 15 4
Portugal 21 38,6 32,3 8 7
Rumänien 32 31,6 45,5 10 15
Schweden 20 27,9 31,0 5 6
Slowakei 13 11,4 28,3 1 4
Slowenien 8 30,3 6,0 2 0
Spanien 54 33,0 22,6 18 12
Tschechien 21 11,1 7,3 2 1
Ungarn 21 44,9 25,6 9 5
UK 0
Zypern 6 30,7 20,7 2 1
Summe 678 177 137

Die Christdemokraten hätten bei einer Neuzusammensetzung des EU-Parlaments entsprechend den aktuellen Wahlen nur noch 177 = 26,1 % der Mandate, die Sozialisten 137 = 20,2 %. Die Mehrheit ist futsch.

Und dann muß man noch in den Mikrokosmos dieser beiden Fraktionen hereinschauen. Zur EVP gehören die ungarischen Kollegen von Orbáns FIDESZ, die in unseren Medien als die schlimmsten Feinde der freien Welt gehandelt werden. Oder Berlusconis Forza Italia, die bei uns ebenfalls verteufelt wird. Oder die nach rechts gerückten Republikaner in Frankreich und Kurzens Volkspartei Österreichs.

Ähnlich sieht es bei S&D aus: Auf Krawall mit den deutschen Medien-Pseudoeliten sind aus unterschiedlichen Gründen die rumänischen und slowakischen Genossen gebürstet, mit Einschränkung auch die tschechischen.

Das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU wird einseitig den Sozialisten schaden, weil die britischen Konservativen nicht in der EVP, sondern in der eurokritischen EKR-Fraktion versammelt sind.

Das Durchregieren der sogenannten Euliten dürfte nach der nächsten EU-Parlamentswahl 2019 noch schwieriger werden. Der Zerfall der Volksparteien ist ein europaweit wirksamer Prozeß, der kaum gestoppt werden dürfte. Solange nur Minderheitenpolitik gemacht wird – zuletzt die Ehe für ganz Wenige, die uns als Ehe für Alle verkauft wurde – gibt es keine Grundlage für milieuübergreifende politische Konzepte.

In dezidierter Abgrenzung zur Antidiskriminierungs- und Fördertopfpolitik – als ausgesprochene Mehrheitsprojekte – könnten sich neue Volksparteien bilden. Das setzt jedoch aktive Kommunkationskonzepte voraus, die nur lang- und mittelfristig greifen können. Ob das im Fokus der Öffentlichkeit stehende, von wöchentlichen Umfragen geplagte Parteiführungen lange genug durchhalten?

 

 

 

4 Kommentare zu “Die Erosion der Volksparteien

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  2. „ Mit Honorarordnungen für Anwälte, Notare, Architekten, Rauchfangkehrer, Ingenieure, Mediziner, Apotheker usw. “

    Wie kann man bei bis zu 30 Jahren alten Honorarordnungen, davon reden, das Umfeld der Liberalen sei mit Geld zusammen gehalten worden?
    Als leidenschaftlicher libertäre Freiberufler wurde mir noch nie Geld für wenig oder Nichtleistung zugewiesen. Und das was ich abrechnen darf ist eine tägliche Ohrfeige dafür, dass mam freiwillig sich ausbeutet, um die erworbene Qualifikation und Qualität hoch zu halten.
    Liberal wäre für mich die Bestimmungen des BGB zur Honorarpreisfindungen in einem freien Markt ausreichend.

    • Lieber Carl Schurz, ich will Ihnen das mal an der Honorarordnung für Ingeniere aufzeigen: Von 1990 bis 1998 wurde unter Brüderle die Tabelle dreimal angepaßt. Von 1998 bis 2009 passierte unter Rotgrün und Schwarzrot gar nichts. Unter Brüderle wurde die Tabelle 2009 bis 2013 zweimal angefaßt. Habe ich noch gut in Erinnerung, weil ich teilweise nach dieser Tabelle abgerechnet habe.
      Auch ich hätte lieber ein marktwirtschaftliches System gehabt, wo man nicht von vornherein von der Auftragsvergabe ausgesperrt werden kann.

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