Der Süden schaut in die Röhre


Es sind nicht gerade kleine und unbedeutende Bundesländer, die in Berlin von der Groko abgemeldet worden sind.  Daß Sachsen und Franken die Stiefkinder der Berliner Republik sind, ist ja schon Tradition. Aber nun hat es auch noch Baden-Württemberg erwischt. Dieses für die deutsche Wirtschaft zweitwichtigste Land entsendet keinen Minister mehr, nachdem Dr. Schäuble aufs Altenteil abgeschoben wurde.

Kleinere Völker wie Alemannen, Franken und Thüringer haben ohnehin schlechte Karten. Eus, zwoi, trü, foifetrüsk. (eins, zwei, drei, fünfunddreißig). So klingt es am Bodensee, wenn die Fußballergebnisse oder die Höhe einer Parkstrafe verkündet werden. Der fränkische Söder-Darsteller Stephan Zinner fragte öfter mal: „Wie hieß das Wort mit G? – Ach ja: Grieminalidäät!“ Über das  „Hietrabra“ – das Tablett – freut sich ganz Deutschland. Und auch thüringische und sächsische Töne sind in Berlin verpönt.

Doch kommt der Sachse nach Berlin, dort könn’se ihn nich‘ leiden!
Da wolln’sen eene drüber ziehn, da wolln’se mit ihm streiten!

Das Sachsenlied von Jürgen Hart wurde übrigens 1979 geschrieben, stammt also aus der tiefsten Russenzeit. Es gibt Rassenhaß und Ressentiments, die die politischen Systeme überleben. „Sachsen, raustreten, zum Probehängen“, hieß es bei der NVA. Naja, der Sachse hats mit Humor getragen:

Und dud ma’n ooch verscheißern, sein Liedschen singt er eisern!

Zurück zum Ernst des Lebens. Und zum Erfolg des Strebens. Ich hatte schon angekündigt, eine Tabelle zur regionalen Zusammensetzung der Bundesregierung zu veröffentlichen, sie ist nun fertig. Spalte drei zeigt den Anspruch nach Bevölkerungszahl, in Spalte vier stehen die Namen der Minister.

Einwohner Minister
Millionen Stück
Saarland 1 0 Altmeier, Maas
Rheinland-Pf. 4,1 1 Klöckner, Barley
Hessen 6,2 1 Braun
Bremen 0,7 0
Niedersachsen 7,9 2 Heil, vdLeyen
Schleswig-Holst. 2,9 1
Hamburg 1,8 0 Scholz
Nordrhein-Wf. 17,9 3 Spahn, Karliczek, Schulze
Berlin 3,5 1 Giffey
Bayern 12,8 2 Seehofer, Müller, Scheuer
Baden-Württ. 10,9 2
Thüringen 2,2 0
Brandenburg 2,5 1
Mecklenburg-V. 1,6 0 Merkel
Sachsen-Anhalt 2,2 1
Sachsen 4,1 1
82,3 16

Der Regionalproporz ist derb mißlungen. Allerdings nicht zum ersten Mal. Ich kann mich seit 1990 an zwei thüringische Minister im Bundeskabinett erinnern. Von 1994 bis 1998 war Claudia Nolte Familienministerin. Wolfgang Tiefensee, eine Fettbemme (so werden die Gerschen genannt) war 2005 bis 2009 Bundesverkehrsminister. Die einzige Sächsin am Berliner Hofe in immerhin 28 Jahren war Johanna Wanka, Wissenschaftsministerin. Der letzte Franke am Kabinettstisch war 2005 bis 2009 Wirtschaftsminister Michel Glos. Dorothee Bär ist 2018 knapp an einem Ministeramt vorbeigeschrammt. Sie war schon im Gerede, aber dann hat ihr der Oberbayer Seehofer die Tour vermasselt.

Wenn aus den drei sächsischen Bundesländern mit einem Bevölkerungsanteil von mehr als 10 % der Bundesbürger nicht ein einziger Minister zugelassen wird, dann ist das eine gezielte Provokation. Wir sollten Bundesminister aus Berlin in unserer Heimat so empfangen, wie sei es verdienen. In der Stadt mit drei O (Chemnitz) wurde Heiko Mass verjagt.

Ich habe einen Blogkobold. Der kommentierte: „Regional verteilte Ansprüche auf Bundesminister-Posten? – Wie langweilig. Und – seit wann vertreten Bundesminister regionale Interessen? Gibt’s dafür nicht den Bundesrat?“

Ich habe ihm geantwortet, daß sehr viele Minister was für ihren Wahlkreis getan haben. Bestes und teuerstes Beispiel der Autobahnnring um Gießen. Weil der Leber-Schorsch 1966 bis 1978 Bundesminister war, darunter auch sechs Jahre Bundesverkehrsminister, und Gießen sein Wahlkreis. Über die Verteilung von Lottomitteln und Fördergeldern durch SPD- und CDU-Minister in ihren Wahlkreisen könnte ich stundenlang referieren.

Ein Wort noch zu Baden-Württemberg. Nachdem die Grünen stabil bei 30 % in den Umfragen liegen und die AfD bei 15 % sind die dortige SPD und CDU zu Splitterparteien mit 10 bzw. 20 % Wähleranteil geworden. Das reicht scheinbar nicht mehr, um in Berlin ernstgenommen zu werden. In Sindelfingen wird das Geld verdient, in Berlin wird es zum Fenster rausgeworfen. An Spree und Panke werden sparsame Schwaben weggeekelt. Wenn der Kanzlern was nicht lieb – Weg damit, ist ihr Prinzip.

3 Kommentare zu “Der Süden schaut in die Röhre

  1. Die Sachsen müssten schon immer auch derbe Späße aushalten und könnten das auch großzügig. Auch in der DDR kannte man Lokalpatriotismus, obwohl es die Länder gar nicht gab. Jeder wusste Bescheid. In Nordhausen hatte man mich als Sachse eingeordnet, obwohl ich aus Sachsen-Anhalt kam. Und wenn wir im Studentenwohnheim am Wochenende unseren Alkoholbedarf bestritten hatten, hieß es auf dem Flur: wenn Sachsenblut von Messer tropft, mein Herz ganz laut vor Freude klopft. Und alle hatten Spaß.

  2. Bei Dynamo in Dresden wurde skandiert: „Ein Baum, ein Strick, ein Preussengenick.“

    Nix fuer Generation Schneeflocke.

  3. Und für eine Truppe, die zwar keinen deutschen Stamm verlässt hieß es: Berliner Faustregel zum Probehängen.
    Ich finde es heutzutage sehr kurios, dass sie schon früher dermaßen viele „geistige Vorturner“ aus dem Saarland kommen. Worauf ist das zurückzuführen?

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