Herrschaft bricht erst zusammen, wenn alle Mitläufer tot sind


Die Tante aus Mönchengladbach hatte meiner Freundin und mir 1982 zum Abschied ihres Trips hinter den Eisernen Vorhang eine Flasche Asti Spumante aus dem Intershop geschenkt. Die Flasche bekam einen Platz unter den Vorräten, und es wurde beschlossen, mit der Flasche ein besonderes Ereignis zu begehen. Als naheliegender Grund den Korken knallen zu lassen erschien uns Breshnews Tod. Gevatter Tod wollte und wollte so schnell aber nicht an die Kremltüre klopfen, und die Flasche blieb Monate stehen. Immer wieder nervte meine Freundin, die Flasche endlich zu köpfen und am 10. November platzte uns der Geduldsfaden. Weil wir uns vorgenommen hatten, die Flasche auf die bessere Zukunft zu leeren, diskutierten wir bei deren Verzehr über die Zukunft Rußlands und Osteuropas und stellten zwei interessante Thesen auf: Erstens, daß nach dem Tod von Breshnew zunächst ein erfolgloser Reformer, dann ein erfolgloser Betonkopf und dann ein erfolgreicher Reformer das Zarenamt antreten würde. So sollte es auch kommen. Andropow, Tschernenko, Gorbatschow. Denn Nachfolger lassen an ihren Vorgängern ja selten ein gutes Haar und denken alles anders machen zu müssen. Und das fortgeschrittene Alter der meisten Diadochen ließ keine langen Amtszeiten erwarten. Soweit folgten alle Voraussagen den strengen Regeln der Logik und der Wahrscheinlichkeit.

Damals ging bezüglich des Alters der Parteiführung eine Anekdote um: Die Tagesordnung der Politbürotagung wird beschlossen: Zuerst wird das Lied „Wir sind die junge Garde des Proletariats“ geträllert. Danach werden die in Afghanistan erbeuteten Herzschrittmacher verteilt.

Beim Diskutieren über die Zukunft der SU verfloß an jenem 10. November die köstliche Zeit und genau um 22:30 war „Flasche leer“, wie Trappatoni das genannt hätte. Wir machten das Fernsehen an, um die Tagesthemen zu sehen. Der Moderator begann mit dem Satz: „Guten Abend, sehr verehrte Damen und Herren, seit einer Viertelstunde wird im sowjetischen Fernsehen getragene Musik gespielt. Das deutet im allgemeinen darauf hin, daß eine bedeutende Persönlichkeit gestorben ist.“ Es dauerte noch eine Weile, bis klar war, um wen es sich handelte, aber wir waren ganz sicher, daß Breshnew es sein müßte. Eine Sternstunde der fragilen Kremlastrologie!

Am nächsten Tag wurde bestätigt, daß es sich um den roten Zaren handelte, und in den volkseigenen Betrieben war ausreichend Alkohol vorhanden, um neben dem Beginn der fünften Jahreszeit, es war ausgerechnet der 11.11., gleich den Beginn einer neuen Epoche zu begießen. In vielen Stuben und Werkhallen begannen vor dem Mittag regelrechte Trinkerfestspiele. Der Sicherheitsbeauftragte der Kombinatsleitung und der Gewerkschaftsfunktionär Weißenborn begannen im Haus rumzulaufen und die Werktätigen zur Trauer anzuhalten. Sie wollten das närrische Treiben unterbinden, und kamen alle paar Minuten zum Stören in die Zimmer. Ab einem bestimmten Alkoholspiegel war nichts mehr zu machen, und bis zum Feierabend kreisten die Flaschen. Fast alle Leute hatten damals noch kein Auto und schwankten betrunken nach Hause. Der Chef der Abteilung hieß Klose. Er war Abstinenzler und blieb neben den genannten Sicherheitsleuten als Einziger nüchtern. Es hat ihm nichts genutzt. Bald nach Erreichen der Rente ist der nette Mann gestorben.

Was können wir daraus lernen?

Die bösen Geister der Merkelzeit werden nicht unmittelbar mit ihrem politischen Tod verjagt werden. So wie im sowjetischen Politbüro werden in Berliner Redaktionsstuben und Parteizentralen langwierige Kämpfe um den zeitgemäßen Kurs ausbrechen, die nicht sofort entschieden werden. Die kompromittierten Kader werden sich irgendwo festkrallen und gegenseitig schützen. Der Stalinismus war auch nicht plötzlich nach der geheimen Parteitagsrede von Nikita Chrustschow am 25. Februar 1956 mausetot. Die ganzen Kader, die die Verbrechen mit begangen hatten, überlebten mit wenigen Ausnahmen die Säuberungen. Der Personenkult war nach 1956 keineswegs erledigt. Ich erinnere mich an einen „Augenzeugen“ (das war in den Kinos die politische Wochenschau vor dem Hauptfilm), wo Nikita und Walter Ulbricht im Maisfeld gezeigt wurden, um die Kampagne „Die Wurst am Stengel“ persönlich zu befeuern. Nur ein Beispiel. Bei der desaströsen Kampagne für die Offenställe war schon wieder Nikita vorne dran und in jeder Wochenschau. Und die von Russen und Tartaren bewohnte Krim „verschenkte“ er mit einem Federstrich an die Ukraine.

Auch die Entnazifizierung verlief ähnlich schleppend wie die Entstalinsierung. Der frustrierte Adenauer sagte mal: „Wenn ich kein sauberes Wasser habe, kann ich das dreckige nicht wegschütten“. Pragmatismus vom Feinsten.

Die Entstalinisierung nach 1990 blieb genauso im Bonner und Berliner Morast stecken. Noch heute beherrschen SED-Topkader und Geheimdienstleute den öffentlich-rechtlichen zwangsfinanzierten Medienapparat.

Ähnlich schleppend wird die Entmerkelisierung in CDU, CSU und SPD verlaufen. Die Delegierten für die Parteitage werden nur alle zwei Jahre neu gewählt. Und es ist keinesfalls sicher, daß bereits kurz nach dem Sturz von Merkel überall neue Leute gewählt werden, die frische Luft wollen. Zwischen dem Tod Stalins und der geheimen Parteitagsrede 1956 vergingen beispielsweise drei Jahre. Und danach durfte nur Stalin kritisiert werden, nicht jedoch sein System. In SPD, CDU und SED waren noch in den 60ern zahlreiche PGs an wichtigen Stellen. Ich nenne nur mal Wirtschaftsminister Schiller und Bundeskanzler Kiesinger.

Der Kampf um die Demokratisierung Deutschlands wird nach Merkels Sturz Jahre dauern. Naive Träume vom sofort ausbrechenden Völkerfrühling werden wie Seifenblasen platzen. Statt dessen steht eine wirtschaftliche Konsolidierungsperiode von biedermeierlichen Ausmaßen bevor. Diese Zeit von 1818 bis 1848 war durch die Beseitigung der in den napoleonischen Kriegen entstandenen Schäden und die mühsame Abtragung der Kriegsschulden gekennzeichnet. Nach Merkel sind unter anderem die Sozialsysteme zu sanieren, die Folgen der mißglückten Energiewende zu begradigen, die Eurofolgen zu verhackstücken und illegal eingereiste Kriminelle und Fanatiker auszuschaffen. Alles keine billigen Themen.

 

17 Kommentare zu “Herrschaft bricht erst zusammen, wenn alle Mitläufer tot sind

  1. Genau, Herr Prabel. So haben wir es erlebt.
    Nur der (deutsche) Westen denkt, er sei unsterblich, weil gut, demokratisch und reich – also unfehlbar. 🙂
    Deshalb ist tatsächlich die einzig wirksame Lösung (woanders längst mit teilweise anderer Motivation praktiziert), für eine begrenzte Zeit den Ausnahmezustand zu proklamieren, um dieses Land wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen.
    Die Zahl der rotzdoofen, korrupten, ideologisch verbrämten und unfähigen Guten, Grünen und Roten in den Amtsstuben, Klassenzimmern, Gerichtssälen und Redaktionsstuben ist zu groß, als es für kluge, bodenständige, solidarisch und pragmatisch Denkende auf „normalem“ Wege möglich wäre, die notwendigen Änderungen herbeizuführen.

    Ausnahmezustand her – zur wirksamen Bekämpfung des moralisch-geistig-wertebewußten-verantwortlich handelnden Ausnahmezustandes in diesem Land.

  2. Sorry, wer Gorbatschow als erfolgreichen Reformer betrachtet, hat wohl die Nachtigall noch nicht trapsen gehört? Gorbatschow war einfach unfähig, ein Land zu regieren und ,wie sich später herausstellte, einfach ein bezahlter Landesverräter. Letzteres hat er kürzlich vor Studenten der Lomonossow-Universität wieder zugegeben.

    • Für uns Europäer war er ein Glücksfall. Für Rußland sicher nicht optimal. Er hatte zu viele Illusionen. Aber bei seinem Nachfolger ging es ja auch drunter und drüber.
      Rußland und ganz Osteuropa haben von 1914 bis 2000 fast hundert Jahre verloren.

      • Es geht überhaupt nicht darum, dass die Sowjetunion aufgehört hat, zu existieren. Die wäre früher oder später zerfallen, auch ohne Gorbatschow. Es geht um das Chaos, dass Gorbatschow organisiert und ermöglicht hat, dass sich seit 1990 ein Weltpolizist etablieren konnte, der in Welt ungeheures Leid und unzählige Kriege beschert hat.

        • Bei uns gilt ja das Prinzip der Meinungsfreiheit, zumindest in den Freien Medien. Mehr habe ich zu Ihren wirren Gedankengängen einfach nicht zu bemerken!

  3. Bei uns hat damals am 11.11. der sog. Sektionsleiter 11:11 Uhr die Feier im Studentenclub abgesagt. Wir sind dann weiter zur Mensa und haben erst so richtig Leichenfeier begangen.

    • Stimmt, am 11.11. wurden von der Partei und der Stasi alle Feierlichkeiten abgesagt bzw. verboten. Es liefen viele Leute mit bunten Hüten durch die Stadt und machten sich mit dem trüben Ochsengalle-Bier aus Ehringsdorf Stimmung. „Ihringsdorfer unerreicht, eins gesoffen, drei geseicht“, hieß es damals.

  4. Deutschland, das Land der Millionen Diederich Heßling´s, der naiven verblödeten Gutmenschen und der selbsternannten Blockwarte, der Denunzianten und Spitzel, der kadavergehorsamen und devoten Parteisoldaten und, wie schon immer in der deutschen Geschichte, der skrupellosen Wendehälse. Es hat sich nichts geändert. Und auch nach Merkels Abgang wird man allerorten Ex-CDU-Karrieristen die altbekannten Märchen, Mythen und Legenden in die Welt setzen hören, sie wären ja schon immer dagegen gewesen, hätten aber gegen Merkel und deren Entourage von Kauder, Altmeier & Co. einfach nichts machen können. Gefolgt von den vielen ehemaligen Zujublern in Medien aller Art und den devoten und oftmals in vorauseilendem Gehorsam handelnden Staatsbediensteten, die das System wieder einmal bis 5 nach 12 am Laufen gehalten haben. Es wird wie 45 und 89 verschwiegen werden, daß ohne all diese vielen Mitläufer das Ganze nicht zu bewerkstelligen und nicht so lange und in diesem Ausmaß überhaupt möglich und denkbar war!

    • @ treu:
      Bitte etwas genauer sein. Die Analyse stimmt, allerdings nur für den Westteil des Landes bzw. seine in den Osten emigrierten Staatsdiener.

  5. Bei uns war es wohl Greifswalder Bier, das es damals noch gab.
    Vom Geographenkeller ging es dann zur Mensa, wo die Theologenrunde sass und besonders geloest wirkte…

  6. MIt einem plötzlichen Dahinscheiden der „Mutter aller Völker“ (Achtung: Metapher zum „Vater aller Völker“!) wäre jedoch schon mal ein deutlich sichtbares Zeichen gesetzt.
    Und was lehrt uns die Story mit dem Asti Spumante noch?
    Heraus mit den gehorteten Alkoholika und festlich verkonsumiert! Und am Abend den polit-medialen Komplexfunk einschalten. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt…

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