Der deutsche Drang nach Nahost


1899 war die deutsche Presse ganz wild darauf, daß sich Deutschland in der Türkei engagiert. Es ging um den Bau einer Eisenbahnstrecke von Konya nach Bagdad.

„Die anatolische Bahn wird ja augenblicklich von der deutschen Presse, welche sonst so wenig hat, in den Himmel gehoben. Aber als Geschäft? Du lieber Himmel! Da bleibt sie immer eine Nebensache, wie der Klub der Harmlosen. Mir persönlich war diese Bahn recht nützlich, weil seit dieser Zeit die Leute angefangen haben, an mich zu glauben, und das ist nützlich, wenn man ernsthaft große Dinge verfolgt, aber diese Bahn selbst ist nur ein toter Strang und die Begeisterung Seiner Majestät für Mesopotamien ist ohne tieferen Wert für die deutschen Interessen.“

Diese Zeilen stammen aus einem privaten Brief des Direktors der Deutschen Bank, Georg von Siemens vom November 1899 und beziehen sich auf den Bau der Bagdadbahn 1903 bis 1918. Seine Majestät wollte diese Bahn von deutschen Firmen unbedingt bauen lassen und setzte die Deutsche Bank unter Druck zu finanzieren. Die britischen Banken hatten sich vor diesem Wahnsinnsprojekt gedrückt. Mit Erfolg. Die Deutsche Bank ging schließlich ins fatale Minusgeschäft, um den Verlust der Gunst seiner Majestät nicht zu riskieren.

Um es kurz zu sagen: Siemens hatte mit seinen Befürchtungen recht. Die Bahn war wirtschaftlich ein Mißerfolg, zumal sie nach dem Ersten Weltkrieg durch französische und britische Mandatsgebiete führte. Politisch war sie eine Katastrophe, weil sie das britische Mißtrauen in die deutsche Außenpolitik stärkte. Man befürchtete in London einen deutschen Militärstützpunkt im heutigen Irak und eine Bedrohung Indiens. Zusammen mit der deutschen Flottenrüstung und den Freundschaftsbekundungen des Kaisers gegenüber den Moslems beschleunigte die Bagdadbahn den Zusammenschluß Englands mit Frankreich und Rußland in der Entente. Denn diese drei Staaten beherbergten reichlich Moslems in ihren Kolonialreichen.

Der Kaiser hatte einen krankhaften Islamtick. Am Grab des Sultans Saladin in Damaskus hatte sich Wilhelm II. 1898 zum „Freund“ der „dreihundert Millionen Mohammedaner“ erklärt. Im Ersten Weltkrieg stand den Deutschen mit ihren wenigen Verbündeten – darunter die Türkei – das Wasser bis zum Hals und man versuchte Aufstände in Arabien gegen Engländer und Franzosen zu initiieren. Zu den skurrilen Einfällen der Propagandaabteilung gehörte die Verbreitung des Gerüchts, Wilhelm II. sei Moslem geworden und nenne sich Hadschi Wilhelm Mohammed. Verschiedene Emissäre wurden in den Nahen Osten geschickt, um Moslems aufzuhetzen, aber bewirkten fast nichts.

Nach dem verlorenen Krieg wurde der Orientalist Friedrich Rosen von Mai bis Oktober 1921 Reichsaußenminister. Von ihm stammt das Bonmot, im Auswärtigen Amt hätte man im Krieg „fest an die grüne Fahne des Propheten und den Heiligen Krieg“ geglaubt, doch „wie Voltaire als der Vater der Französischen Revolution angesehen wird, so konnte man Karl May als den Vater unserer Orientpolitik dieser Zeit betrachten“.

Diese romantische und ahnungslose Islambegeisterung – Karl May war genauso wie Dr. Merkel im Gegensatz zu Lawrence von Arabien nie als Gast eines Clans vor Ort gewesen – ist scheinbar eine Konstante deutscher Politik über alle Systembrüche hinweg. Hitler teilte diese perverse Vorliebe mit dem Kaiser, genauso wie Claudia Roth, Joschka Fischer oder Merkel.

Alles wiederholt sich, denn aktuell berichtete die Systempresse, die deutsche Regierung habe die Prüfung der Modernisierung der türkischen Eisenbahnen zugesagt. Bei einem Besuch des CDU-Wirtschaftsstaatssekretärs Thomas Bareiß Ende September 2018 in der Türkei soll es Gespräche über die Finanzierung geben, berichtete der SPIEGEL. Die Türkei wünsche sich staatliche Exportbürgschaften und einen zinsgünstigen Kredit. Kostenpunkt 35 Milliarden €.

Das ist in eine absolut instabile Region mit unberechenbaren Clanstrukturen investiert ein unverantwortbares Klumpenrisiko für den deutschen Steuerzahler. Alles mögliche kann passieren: Die Türkei kann in Konflikte mit den wilden Kurden, mit dem nationalsozialistischen Syrien, dem hochgerüsteten Rußland, Israel, Griechenland und den fanatischen Persern verwickelt werden. Im Innern können Clan- und Stammeskriege ausbrechen. Die Finanzen könnten zusammenbrechen, so daß im Ernstfall der Schuldendienst für die Anleihen nicht bedient werden kann.

Besser wäre es wie in Geheimrat Goethes Osterspaziergang unbeteiligt und in aller Ruhe zuzusehen, wie fern in der Türkei die Völker sich die Köpfe spalten. Wie auch Georg von Siemens feststellte: Die Türkei hat keinen tieferen Wert für deutsche Interessen.

Die von Schwaben und anderen Westvölkern beschickte Bundesregierung hält es leider lieber mit Ludwig Uhlands „Schwabenstreichen“, wo ein Ritter mit seinem Schwert sich zur Zeit des Kaisers Barbarossa in die nahöstlichen Händel einmengte:

Zur Rechten sieht man, wie zur Linken,
Einen halben Türken heruntersinken.“

Auf die Frage des Kaisers, wer ihn solche Streiche gelehrt hätte, antwortet er:

„Die Streiche sind bei uns im Schwang;
Sie sind bekannt im ganzen Reiche,
Man nennt sie halt nur Schwabenstreiche.“

Gut, daß wir Thüringer und Sachsen in der Bundesregierung nicht vertreten sind. Wir können später sagen: „Mit den Schwabenstreichen haben wir überhaupt nichts zu tun“.

3 Kommentare zu “Der deutsche Drang nach Nahost

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Prabel,

    eigentlich lese ich Ihre Beiträge ja sehr gerne, aber in diesem Beitrag zitierten Schwabenstreiche will ich so nicht stehen lassen. Als Schwaben würde mich jetzt doch mal brennend interessieren, wo Sie die vielen Schwaben in der Regierung verortet haben. Ich kann in der aktuellen Regierung keinen einzigen finden. Und selbst in der letzten Legislaturperiode dürfte es schwierig sein, einen zu finden. Schäuble ist zum Beispiel keiner!

    Mit freundlichen Grüßen

    H. Betzler

    • Ja, den Schäuble haben sie ins Altenteil abgeschoben. Wahrscheinlich ein Racheakt der Kanzlerin gegen die CDU von Baden-Württemberg, daß kein Schwabe in der Regierung ist. Ich geb mich geschlagen…

  2. Abgesehen von den Schwabenstreichen, die keine sind (Schäuble ist Badenser, und die Regierungsmitglieder sind nicht aus BaWü), richten Sie Ihren Blick dankenswerterweise zu Recht auf die Kontinuität der Islambegeisterung der deutschen Politik. Wenn Sie dieser mal nachgingen, ähnlich wie der Zeitgeistwelle der „Lebensreform“, wäre ich sehr froh, denn das ist eine Frage, die mich auch schon lange umtreibt.
    Gegenwärtig sehe ich bei der „Refugees welcome“-Fraktion, wenn man die mal als „Spitze“ ansehen und provisorisch so benennen darf, so eine Art Gefühlslage wie bei den Bolschewismusverherrlichern im Deutschland der 20er Jahre: die Begeisterung für „Zielklarheit“ und „Eigenheit“, auch wenn das das Ende des eigenen Lebens ist, also so eine Art Heßling-Drama.
    Eine andere ist die, daß die europäische Politik seit jeher vergeblich irgendwelche Bündnisse mit „dem Orient“ sucht und es sie nie juckt, wenn der sich den Nachbarn krallt, solange sie selbst die Zipfelmütze aufbehalten kann.
    Dazu kommt das Phänomen der aufgeblähten Para-Staatsjobs inkl. Akademikerschwemme, was Sie als schon zur Jahrhundertwende als ein Phänomen konstatierten.

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