Am Feuer der Oktoberrevolution wärmten sich Wandervögel


Mit dem Ausscheiden Rußlands aus der Entente im Frühjahr 1918 waren Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten als Feinde an der Westfront verblieben. Bis zum Waffenstillstand von Compiegne tobte in den Köpfen der deutschen Intellektuellen ein ideologisch noch klarer umrissener Kampf der idealistischen Kultur mit dem westlichen Mammonismus und Demokratismus.

In den „Betrachtungen eines Unpolitischen“, die 1918 erschienen, als Russland aus dem Krieg schon ausgeschieden war, schüttete Thomas Mann seine gelb gewordene Galle über den wahren Feind der Menschheit aus. Der westlichen Zivilisation stellte er die deutsche Kultur als Leitbild entgegen: Dem Begriff der deutschen Kultur entsprächen der „Wille zur Macht und Erdengröße“ sowie „das Soldatische“, während „Deutschlands Feind im geistigsten, instinktmäßigsten, giftigsten, tödlichsten Sinn (…) der pazifistische, tugendhafte, republikanische Rhetor-Bourgeois“ sei. Dessen Attribute eskortierte Mann allesamt mit Gänsefüßchen, um beim Leser den Verdacht zu implizieren, dass alles Heuchlerei sei. Der deutsche kosmopolitische Bürger der geographischen, sozialen und seelischen Mitte bleibe Träger deutscher Geistigkeit, Menschlichkeit und Anti-Politik.

Wo Thomas Mann und andere von Geistigkeit träumten, da wähnten sich Ökonomen und Philosophen wie Friedrich Naumann, Edgar Jaffé, Werner Sombart, Johann Plenge und Oswald Spengler im Reiche des Deutschen Sozialismus, der in Wirklichkeit die Verzunftung bzw. Kartellierung von Industriestrukturen meinte. Nicht nur in Deutschland erfreute sich der Durchschnittsökonom am knock-out des Kapitalismus; auch auf das Ausland wurde diese Sichtweite projiziert: Der Nationalökonom und Kathedersozialist Lujo Brentano feierte die russische Oktoberrevolution als nationalen Aufstand gegen das anglo-amerikanische Kapital. Dabei war die russische Industrie in Wirklichkeit schon zur Zarenzeit überwiegend staatlich gewesen.

Der Friede im Osten war von Deutschland organisiert worden: Lenin durfte durch Deutsches Staatsgebiet nach Stockholm fahren, um Russland zu erreichen und zu revolutionieren. Mit deutschen Millionen wurde die bolschewistische Parteipresse zur leistungsfähigsten in Russland gemacht. Im Juli 1917 druckten die Bolschewiki 320.000 Zeitungen täglich. Im Dezember 1917 sollen 15 Millionen Reichsmark den Weg zum Waffenstillstand von Brest-Litowsk geebnet haben.

Der außenpolitisch immer bewegliche, um nicht zu sagen umtriebige Kaiser Wilhelm II regte folgerichtig an, zu untersuchen, ob man mit dem bolschewistischen Russland nicht in ein Bündnis- oder Freundschaftsverhältnis kommen könne. Genauso tat es sein reformistischer Untertan Thomas Mann.

„Wenn Seelisches, Geistiges überhaupt als Grundlage und Rechtfertigung machtpolitischer Bündnisse dienen soll und kann, so gehören Russland und Deutschland zusammen: ihre Verständigung für jetzt, ihre Verbindung für die Zukunft ist seit den Anfängen des Krieges der Wunsch und Traum meines Herzens, und mehr als eine Wünschbarkeit: eine weltpolitische Notwendigkeit wird diese Verständigung und Verbindung sein, falls (…) der Zusammenschluß des Angelsachsentums sich als dauerhaft erweisen sollte.“

Am Tage des Waffenstillstands mit Russland schrieb er:

Friede mit Russland!, Friede zuerst mit ihm! Und der Krieg, wenn er weitergeht, wird weitergehen gegen den Westen allein, gegen die „trois pays libres“, gegen die „Zivilisation“, die „Literatur“, „die Politik, den rhetorischen Bourgeois!“

Kundige Zeitgenossen hatten sehr früh eine dunkle Ahnung vom mehr jugendbewegt-elitären und weniger proletarisch-marxistischen Charakter der Oktoberrevolution: Im Januar 1918 schrieb Alfons Paquet, der mit dem bolschewistischen Kommissar Karl Radek im ständigen Gedankenaustausch stand, in sein Stockholmer Tagebuch, Russland sei ein asiatischer Elefant, geritten von zwei Zürcher Privatdozenten, Lenin und Trotzki. Ähnlich wie Rudi Dutschke 60 Jahre später sah er den Bolschewismus als nichts anderes als einen nach Links gewendeten russischen rechtgläubigen fanatischen Imperialismus. Die Wahrnehmung der intellektuell-elitaristische Seite der revolutionären Aktivitäten implizierte wie wir im Folgenden sehen werden bei vielen jugendbewegten Intellektuellen das Suchen nach Affinitäten.

Der frühere Redakteur der Frankfurter Zeitung, Gustav Mayer befand sich wie Paquet im Auftrage des Auswärtigen Amts in Stockholm, lernte den Kommissar Karl Radek ebenfalls kennen und rühmte „die stärkste geistige Persönlichkeit, der ich bisher begegnet bin“. Ostjuden und Russen trügen noch weite Flächen unbebauten Brachlandes in der Seele, dort, wo bei uns jedes Grundstück bebaut und jeder Garten bestellt sei.

„..sie aber, die Neuen, die Jungen, ihnen ist die heutige Welt, an der sie keinen Teil haben, dem Untergange geweiht. Aus Krieg und Revolution sehen sie die Umrisse einer neuen Welt auftauchen.“

Der Literat Arthur Luther äußerte sich ähnlich; daß unser ganzes westeuropäisches Leben eng und klein gegenüber dem uferlosen russischen Idealismus sei. Die Metaphorik des Zarathustra überwucherte bei den Jugendbewegten jeden rationalen und vernünftigen Gedanken. Zusätzlich ergötzte man sich an der antibürgerlichen Aufmachung der Kommissare. Lederhosen, Ziegenbärte, Lederjacken: das war 1917/18 Jugendmode. Kommissar Radek führte in seinem Auto am 6. Juli 1918 eine antibürgerliche Kiste Handgranaten mit sich, als er nach dem Attentat auf den deutschen Gesandten Graf Mirbach in der deutschen Gesandschaft kondolierte.

Nach dem Brester Frieden im Frühjahr trafen sich Paquet immer wieder mit Karl Radek, um ihm politische Geheimnisse zu entlocken. Im August 1918 muß sich Radek mehrmals in dem Sinne geäußert haben, dass er mit dem deutschen Imperialismus bzw. der deutschen Kriegspartei zusammenarbeiten würde, ja wenn er nicht auf der Seite des internationalen Proletariats stünde, würde er für die deutsche Sache kämpfen.

Im Oktober gar soll Lenin die Aufstellung von 3 Millionen Rotarmisten befohlen haben, um Deutschland gegen die Entente zu Hilfe zu kommen. Er entwickelte die biologistische Metapher der „Zwei Kücken unter einer Schale“, Deutschland und Russland sollten gemeinsam die imperialistische Schale zerbrechen, um der pax americana Paroli zu bieten. Dazu hätte es neben der russischen einer deutschen Anstrengung bedurft. Allein in Deutschland stießen die Vorschläge des Reichskanzlers Max von Baden und von Walther Rathenau zu einer letzten Generalmobilmachung im Oktober 1918 auf taube Ohren. Die Sozialdemokraten Ebert, Scheidemann und Noske hatten sich auf einen Waffenstillstand und den Friedensschluß festgelegt, egal zu welchen Bedingungen, gerade um den Einfluß Russlands zu begrenzen.

Exemplarisch für viele andere Intellektuelle sei hier die Reaktion von Alfons Paquet auf die deutsche Niederlage und auf die ausbleibende elitäre Revolution dargestellt: Er notierte in sein Tagebuch, dass das deutsche Volk es nicht besser verdient habe, als jetzt am Ende eines mit wahnsinnigen Opfern geführten Krieges als Bettler dazustehn. Es sei unaufrichtiges schielendes Gesindel, Sklavenmasse, Dickköpfe. Unsere „Helden“ wollten ohne Genie einen Krieg gegen die ganze Welt gewinnen, nur mit roher Kraft. „Hol sie der Teufel.“ Innerhalb von Stunden waren aus den Helden der Kulturnation schieläugige Untermenschen geworden. Paquet war fertig mit Deutschland und träumte von der Oktoberrevolution, obwohl er außer einer dreitägigen Marx-Lektüre und hochwertigem Rotwein bei Radek nie etwas mit der Arbeiterbewegung zu tun gehabt hatte. Den Haß auf England, den Kapitalismus und die Demokratie konnte man als Sympatisant der Bolschewiki abarbeiten, und vorerst nicht mehr als deutscher Geistiger. „Nirgends ein klarer Blick und fester Wille“ notierte er in Berlin. Die vormalige übergroße Verehrung für alles Deutsche schlug von Stund an in Selbsthaß um, nur um die Fiktionen des „geistigen Aristokratie“, der „Brücke über dem Abgrund“ und des „Hörens auf die Erde“ zu retten.

Heinrich Vogeler beispielsweise malte von Stund an keine „nordischen Marienbilder“ im Worpsweder Moor mehr, sondern den Kreml als transluzente Kegelpyramide. Käthe Kollwitz kämpfte nicht mehr um die angemessene Höhe der Vergütung originär deutscher Kunstwerke, sondern für die KPD. Bertold Brecht waren deutsche Ehre und Würde nicht mehr aller Opfer wert, er wurde Autor von widerlichen stalinistischen Lehrstücken. Ein Teil der literarischen Koterie übte den in der KPD generalstabmäßig organisierten Hochverrat, wurde erst Leninist und dann Stalinist, um nur noch einem zweifellos aristokratisch aufgestellten ausländischen Geheimdienst devot untertan zu sein. Im Zweifel ließ man sich von dieser Tscheka oder GPU wollüstig zermalmen. Einige Führer des deutschen Expressionismus endeten als Eisbärfutter in Sibirien, z. B. Walden und Vogeler, andere überwinterten wie Bertold Brecht lieber unversehrt in der wohlgeheizten Zentrale des erzkapitalistischen Satans, den verhaßten Vereinigten Staaten.

Gerd Koenen hat die Frage bewegt, in welchem Maße und warum sich Alfons Paquet dem bolschewistischen Russland trotz aller ihm bekannten Greuel immer mehr verbunden fühlte.

„Am offenkundigsten ist der Zusammenhang mit dem Verlauf des Weltkriegs. Paquets Attachement wuchs in dem Maße, in dem der Stern der deutschen Armeen im Westen sank. Über alle militärisch-politischen Kalküls hinaus ging es um eine neue Weltteilung, in der die „alten“ bürgerlich-kapitalistischen Mächte des Westens einem Block „junger“ Mächte gegenüberstehen würden. (…) es war klar, dass der Krieg, wenn, dann mit ganz neuartigen, eben revolutionären Methoden weitergeführt werden musste; und dass gerade nach einer militärischen Niederlage neue Wege der „ideologischen“ und politischen Unterminierung gefunden werden mussten. (…) Dazu passte Paquets Vorstellung von den Bolschewiki als den „neuen Warägern“, einem verschworenen politisch-militärischen Machtorden mit Zügen einer neuen Aristokratie, der einen Staat neuen Typs auf einem immensen Territorium mit heterogener Bevölkerung gründete, aber auch überall sonst auf der Welt zu operieren vermochte. Hatte er in seinen Vorkriegsschriften von einem „Sendlingswesen großen Stils“ als Medium deutscher Weltpolitik geträumt, einem „deutschen Weltorden“, der „nach den alten Regeln des Gehorsams, der Armut und Reinheit“ leben sollte, so schien dieser Weltorden in Gestalt der Bolschewiki und ihrer neuen Internationale Tat zu werden. (…) Erschienen die „Großrussen“ in seinen Kriegsschriften noch als konservativ, unbeweglich und als Träger einer überkommenen Despotie, so wirkten sie im Lichte der Revolution nun ganz anders: „Man kann Russland und den Russen viel Gutes und viel Böses nachsagen, nur Philister sind sie nicht. Der Deutsche aber ist selbst heute noch in erster Linie Philister“. Kurzum, im Vergleich zu den Nichtrussen und selbst zu den Deutschen erschienen die Russen ihm jetzt als das ungleich leidenschaftlichere, aktivistischere Volk, das sich über alle spießerhaften Eigeninteressen zu erheben vermochte, wo es um Menscheitsfragen ging.“

Ausreisend aus Russland fabulierte Paquet von „Schönheit der Verwilderung“, „Jubel des Untergangs“, „anarchischer Geburt des neuen Wesens“. Das verhaßte Zeitalter der Geschäfte sei wahrhaftig hingemordet.

„Roh und gespenstig bauen sich größte Entwürfe, unsichtbare Türme eines entfesselten idealen Willens in das geräumige Nichts“.

Paquet hatte aus dem Zitatenschrein Zarathustras alle abgefahrensten Verheißungen ausgekramert, als er in das besiegte Deutschland zurückfuhr.

Als sich der Trubel der Rätekongresse gelegt hatte, bekannte sich Alfons Paquet immer noch hartnäckig zu der Doktrin, dass die Revolution und nicht der Friede an die Stelle des Krieges treten werde. So wie Kaffeetrinker in der Not zur Zichorienwurzel als Kaffeeersatz griffen, so wurde die Revolution für Alfons Paquet wie für viele deutschen Intellektuellen zum Kriegsersatz. Der Weltkrieg selbst wurde im Nachhinein neu ausgedeutet: Der russische Bolschwismus sei bereits die Eröffnung eines allgemeinen Kriegs gegen Mammonismus und Imperialismus, und in erster Linie gegen den englischen Hyperimperialismus, gegen den der „nachahmende“ deutsche Imperialismus 1914 vergeblich angetreten sei. Als Kampf gegen den außerordentlich mächtigen und selbstsicheren Imperialismus und Kapitalismus der Ententeländer wäre der Weltkrieg ein Kampf mit untauglichen Mitteln gewesen. Die Rolle Deutschlands wurde nicht nur von Paquet, sondern von vielen ehemaligen Kriegstreibern umgekehrt dargestellt, als bei Kriegsbeginn. Vom uneingeschränkt idealistischen, antikapitalistischen Widerpart Englands zu einem materialistischen, kapitalistischen Nachahmer Englands. Diese nachträgliche Systemberichtigung war erforderlich, um die per Definition erklärte Sieghaftigkeit des Idealismus über den Mammonismus angesichts der deutschen Niederlage festzunageln.

Die Nietzschekenner unter den Intellektuellen konnten Deutschlands Niederlage leichten Herzens verkraften, bewegte sich sein Denken doch in keinem nationalen Gefängnis, sondern vom Anfang an im Wahn einer Weltherrschaft, die sich nun als Weltherrschaft des internationalen Proletariats offenbarte. Darum auch die zahlreichen Vergleiche, die Alfons Paquet zukünftig zwischen Napoleon und Karl Radek konstruieren sollte.

Paquets Charakterisierung der Deutschen als „unaufrichtiges schielendes Gesindel, Sklavenmasse“ könnte ebenfalls direkt durch Nietzsche inspiriert sein:

„Der deutsche Geist ist meine schlechte Luft: ich athme schwer in der Nähe dieser Instinkt gewordnen Unsauberkeit in psychologicis, die jedes Wort, jede Miene eines Deutschen verräth. (…) Aber Psychologie ist beinahe der Maassstab der Reinlichkeit oder Unreinlichkeit einer Rasse. (…) Und wenn man nicht einmal reinlich ist, wie sollte man Tiefe haben? Man kommt beim Deutschen, beinahe wie beim Weibe, niemals auf den Grund, er hat keinen. (…) Das erste, worauf hin ich mir einen Menschen nierenprüfe, ist ob er ein Gefühl von Distanz im Leibe hat, ob er überall Rang, Grad, Ordnung zwischen Mensch und Mensch sieht, ob er distingiert: damit ist man gentilhomme; in jedem anderen Fall gehört man rettungslos unter den weitherzigen, ach! So gutmüthigen Begriff der canaille. Aber die deutschen sind canaille – ach! Sie sind so gutmüthig… Man erniedrigt sich durch den Verkehr mit Deutschen: der Deutsche stellt gleich…“

Auf einen weiteren Aspekt ist hinzuweisen: Die säuberliche Trennung zwischen Leninismus, Rechtsautokratismus und Faschismus hat es erst in der rückwärtsblickenden Perspektive nach 1945 gegeben. Alfons Paquet beispielsweise unterschied in roten, weißen und schwarzen Bolschewismus, wobei er unter dem weißen Bolschwismus den der Vegetarier und Pazifisten verstand, unter dem schwarzen Bolschwismus eine rachsüchtige uniformtragende Variante. Er ließ es offen, ob er die russischen Schwarzhunderter oder die italienischen Schwarzhemden meinte oder beide. Der Bolschewismus als Überbegriff sollte wohl den aktivistischen auf die Tat gerichteten Kern der jeweiligen Lehre treffen.

Neben der KPD bildete sich eine weitere widerwärtige Dependance des Bolschewismus, die DDP. Nicht nur Rathenau schwärmte von Räterußland, auch andere führende Mitglieder bauten ein bolschewistisches Deutschland als Drohkulisse gegen die Siegermächte auf: Max Weber schlug in der „Frankfurter Zeitung“ im März 1919 vor, mit Russland eine Interessengemeinschaft zu bilden. Der ehemalige Kolonialstaatssekretär Dernburg, nun frischgebackener DDP-Abgeordneter in der Nationalversammlung drohte im „Berliner Tageblatt“:

„Wir können den Damm aufrecht erhalten, aber wir können auch die Schleusen öffnen. … Kommen Deutschland aus dem Westen nicht die Hoffnung und die Sicherheit seiner Fortexistenz…, so muß es entschlossen sein Auge nach Osten richten.“

Hjalmar Schacht als Präsident der Nationalbank träumte im April 1919 vom zukünftigen Hauptwirtschaftsgebiet Sowjetrußland. Im Februar 1920 insistierte Rathenau im Namen von deutschen Industriellen gegenüber Reichspräsident Ebert schon wieder für eine natürliche Interessengemeinschaft mit Russland und gegen eine Politik des Abwartens. Maximilian Harden druckte zum selben Zeitpunkt – ein Schelm, der wegen der zeitlichen Nähe zu Rathenaus Aktivität und der Bekanntschaft zwischen beiden eine koordinierte Aktion vermutet – in seiner Zeitschrift „Zukunft“ ein Plädoyer für den Einsatz deutscher Fachleute als Pioniere der Zusammenarbeit.

Diese Drohungen mit einer Bolschewisierung bzw. der engen Anlehnung an Sowjetrußland waren ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Sie wurden in Ungarn und München in die Tat umgesetzt. Die ungarischen Kommunisten forderten die deutschen Arbeiter zum endgültigen Bruch mit Paris und zum Bündnis mit Moskau auf. Letztendlich hatte die deutsche Reichsleitung soviel Angst vor der physischen Vernichtung durch die Bolschewisten, dass man die Münchner Räterepublik durch militärische Reichsexekution möglichst schnell aus der Welt beförderte.

Die völkischen und bündischen Freideutschen fraternisierten mit Sowjetrußland, die SPD-Marxisten zerschlugen den Liebknechtputsch wie auch die Münchner Räterepublik und hielten Abstand. Das sagt mehr über den Charakter der Oktoberrevolution aus, als tausend Worte.

Eine weitere aufschlussreiche Episode der deutsch-sowjetischen Freundschaft spielte sich in der Berliner Wohnung des Freiherrn von Reibnitz ab. Der Kommissar Radek war nach Liebknechts Januarputsch im Zuchthaus Moabit festgesetzt worden. Dort verwandelte sich seine Zelle im Laufe von Monaten in einen diplomatischen Salon. Der Staatsgefangene empfing Walther Rathenau und Felix Deutsch vom Elektrokonzern AEG, den Herausgeber der „Zukunft“ Maximilian Harden, den Aktionisten Arthur Holitscher, den Chefredakteur des „Vorwärts“, Friedrich Stampfer, den ehemaligen Außenminister Admiral von Hintze, die von der Entente gesuchten Jungtürken Enver und Taalat Pascha, Alfons Paquet und verschiedene KPD-, USPD- und SPD-Größen. Im Dezember 1919 siedelte er mit behördlicher Genehmigung in oben genannte Wohnung des Freiherrn über. Dort stellte sich als Frühstücksgast Oberst Max Bauer vor, der Erfinder der „Judenzählung“ im Heer 1916 und der „Dolchstoßlegende“. Im Auftrag der „Nationalen Vereinigung“, eines konspirativen Zusammenschlusses von Wehrverbänden und Militärs erkundete er die sowjetrussische Haltung zu einer ostpreußischen Militärrevolte, die als Ludendorff-Lüttwitz-Putsch wenige Wochen später auch stattfand. Radek schrieb 1926 in seine Erinnerungen, dass die Putschoffiziere verstanden hätten, dass Sowjetrußland unbesiegbar sei und Verbündeter Deutschlands im Kampf gegen die Entente.

Auf den Ludendorff-Lüttwitz-Putsch werde ich zu dessen 100. Jahrestag zurückkommen, bis dahin die Feststellung, daß das Feuer der Oktoberrevolution die enttäuschten Herzen eines Teils der deutschen Pseudoeliten, die die offizielle Geschichtsklitterung heute eher „rechts“ einordnet, angesichts der deutschen Kapitulation wärmte. Man hatte eine neue Projektionsfläche für alte Ressentiments gefunden, sozusagen schwarz-rot-weißer Wein in roten Schläuchen.

Literatur: Gerd Koenen: der Russland-Komplex, C.H.Beck

13 Kommentare zu “Am Feuer der Oktoberrevolution wärmten sich Wandervögel

  1. Mal kurz zum Charakter der sog. Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Quellen: Starikov, Die Enträtselung der russischen Revolution; Suchomlinov, russ. Kriegsminister im 1. Weltkrieg u.a. im russischen Original.
    Das war keine Revolution, das war ein Putsch gegen den russischen Staat. Initiator war ein Netz um Kerenski, bereits zu Zeiten in Simbirsk als Aron Kirbiz bekannt mit der Familie Uljanowsk, alias Lenin. Lenin war der Deckname, den ihm die russische Go gegeben hatte, als er in ein Dorf an der Lena verbannt war.
    Die Versuche, das Russische Imperium zu zerstören, begannen mit dem Krieg um Port Arthur 1904, bei dem der Großbankier Jakob Schiff Japan durch großzügige Kredite angespornt hatte, gegen Russland einen Krieg vom Zäune zu brechen. Durch Sabotage bei der Lebensmittelversorgung, Aufbau einer Gegenregierung mittels Arbeiter- und Soldatenräten, bei denen Kerenski, der Ministerpräsident war ebenfalls eine ausschlaggebende Funktion einnahm und dabei Maßnahmen seiner Regierung, der er vorstand, hintertrieb, Auflösung der Armee, wurden alle staatlichen Strukturen zerstört.
    Lenin, der nach völlig legalem Grenzübertritt über Schweden nach Finnland einreiste und mit großem Pomp im Bahnhof von St. Petersburg empfangen wurde und eine Rede hielt, zog sich danach aus taktischen Gründen in ein sog. Versteck zurück. Zu dieser Zeit schipperte Trotzki mit einer großen Geldsumme und amerikanischem Pass ganz offiziell nach Russland und konnte das Geld für das Anfachen einer “ revolutionären Situation“ benutzen.
    Der Sturm des Smolny, Sitz des Ministerrats war ein Spaziergang von einem knappen Dutzend revolutionärer „Todesmutiger“. Propaganda und Verschleierung machten aus diesem Staatsputsch eine Revolution. Ich glaube, dass diese Propaganda daraus eine Revolution machte, um ein Jahr später in Deutschland genaue das Gleiche nochmals abzuziehen und die Massen darauf vorzubereiten und zu suggerieren, dass so ein Putsch etwas Heroisches, Zukunftweisendes ist, um sich von der stinkenden Rückstandigkeit des vergangenen Jahrhunderts, des 19., zu lösen.
    Ich traue einer gewissen KGE nicht einmal ein intellektuelles Minimum zu, aber eine kürzliche „Diskussion“ in einer Propagandasendung der Absolventin der Stasisektion Journalismus an einer Leipziger Bildungsstätte, bei der o.g. Thüringer Spitzenpolitikerin Herrn Dr. Gauland vorwarf, er vertrete eine völlig rückwärtsgewandt Politik des 20. Jahrhunderts, hat mich an den Verlauf dieser sog. Revolution erinnert.

        • Ich habe leider nicht Ihre Geheiminformationen. Nur normalen Geschichtsunterricht der Jahre 1966-1974 eines westdeutschen Gymnasiums.

          • @ eloman Sag ich doch. Deshalb habe ich auch festgestellt, dass Sie Geschichtsexperte und ich verbreite meine Phantasien.

      • @Eloman:
        Grämen Sie sich nicht!
        Ich habe mir schon vor geraumer Zeit abgewöhnt, die abstrusen geistigen Ergüsse des Herrn B. überhaupt zur Kenntnis zu nehmen! Auch wenn das blinde Huhn mal ein Korn findet: Das „Gesamtkunstwerk“ ist verheerend!
        So etwas an den Hacken zu haben ist vergleichbar damit, eine Eisenkugel ans Bein angeschmiedet bekommen zu haben. Es behindert nur das weitere Fortkommen.
        Hoffentlich haben solche Faker auch in Zukunft nirgendwo etwas zu entscheiden! Das sage ich als Absolvent einer Erweiterten Oberschule des Jahres 1981 in der DDR (vulgo: Gymnasium).

  2. Ich will ja nicht beckmessern, aber liegt der Gedanke völlig fern, dass weder der westdeutsche noch der mitteldeutsche Geschichtsunterricht eine wirklich von ideologischen Vorgaben freie Erzählung „so wie es wirklich war“ geliefert haben?
    Dass vielleicht ein paar an den Rand gedrängte Autoren bessere Quellen haben können?

    • Ich versuche immer möglichst viele Originalzitate aus der Zeit einzubetten, also unbehandeltes Rohmaterial. Die Geschichtsbücher, die nach 45 in Ost und West geschrieben wurden, haben sich vor Details gescheut und rückblickend ein Panorama entworfen, welches den jeweiligen Bedürfnissen der Nachkriegszeit entsprach und der Legitimation der neuen Herrscher.

      • Mein Beitrag bezog sich auch nicht auf Sie, sondern auf die Diskussion weiter oben, falls das nicht deutlich geworden war. Ich sehe das genau wie Sie hier schreiben.

  3. Die »Novemberrevolution 1918« auf einen „Putsch“ zu reduzieren, vernebelt deren fundamentale Ideologie des „Marxismus–Leninismus“ samt deren „Diktatur des Proletariats“. Alle DDR-Doktoranden mussten diesen „Putsch“ mit einem Kapitel über den „Marxismus /Leninismus“ beschreiben (nicht nur über den „Leninismus“, wie hier a.O. formuliert). Das selektive Ausblenden der Ideologie führt ferner zu falschen Schlussfolgerungen und Gewichtungen, so wenn behauptet wird, dass die »Novemberrevolution 1918« ..“kein politischer, kultureller, ökonomischer Bruch“.. (W. Prabel, 13.11.18) gewesen sei. Ihre Ziele wurden in der DDR in allen diesen Bereichen umgesetzt und vielfach in der BRD von „68igern“ und anderen „Linken“ realisiert, z. Bsp. in der „Kultur“ proletarischer Gleichheit im Bildungswesen, eindimensionalen Denken, Architektur usw. Das ist (noch) gegenwärtige Realität.

  4. Ein sehr gut geschriebenes Buch ist Service, Robert: Trotzki: Eine Biographie, 2012. Service ist ein amerikanischer Historiker, der sich dem Thema historisch nähert. Für ihn ist die Epoche abgeschlossen, er muss keine politische Stellungnahme abgeben. Er beschreibt die Stimmung in Rußland und der Ukraine, dürfte so auch in Österreich-Ungarn gewesen sein.

  5. Noch besser wäre es, die im vergangenen Jahrhunderts fast völlig ausgeblendeten zeitgenössischen Theoretiker des „Bolschewismus“ und „Proletkult“ zu lesen, wie etwa Alexander A. Bogdanow, Anatol Lunatscharski u.A. Dort könnte man sich kundig machen, wie die proletarische Kultur den Geist der „Oktober- und Novemberrevolution“ widerspiegeln und beflügeln sollte. Deutlich wird auch, dass nicht alles falsch war und deshalb bis in unsere »Moderne«“ überlebte, ferner, warum die Nazis versagten, eine adäquate moderne Kultur dagegen zu setzen. Nur als Beispiel seien genannt: Die von Lenin geforderte Einheitsschule, die Abschaffung der Noten, die Besetzung der Lehrstühle mit politisch genehmen Professoren und die kommUNIstische VerEINfachung des Stoffs, um dem Arbeiter Abschlüsse in allen Schulebenen zu ermöglichen. Nicht zu reden vom „Proletkult“ als Fundament einer „universellen“ proletarischen Klasse. Das müsste einem eigentlich aus vergangener und gegenwärtiger bundesdeutscher Bildungs- und Gesellschaftspolitik bekannt vorkommen.
    Welche pseudowissenschaftliche Ignoranz hier herrscht (vermutlich aus Furcht, in die Nazi–Ecke gestellt zu werden), zeigt allein »Wikipedia«, bei der es keine Seite über den „Bolschewismus“ gibt, vielmehr auf die englische »Wikipedia« verwiesen wird; die Seite über „Bolschewiki“ erwähnt dann den „Proletkult“ mit keinem Wort. Auf den englischen Sites wird der Zusammenhang ungeniert dargestellt, wie etwa von »University of California Press« 1990.

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