100 Jahre faschistischer Stil


Schon wieder ein hundertjähriges Jubiläum. Das des faschistischen Stils. Der populäre italienische Dichter Gabriele D´Annunzio hatte bereits im September 1919 ganz im Gedenken seines Landsmanns Garibaldi ein Expeditionschorps aus Freischärlern, sogenannten Arditi, gebildet und die im Schandfrieden von Trianon Jugoslawien zugeordnete, jedoch überwiegend von Italienern und Ungarn bewohnte Stadt Rijeka (it. Fiume) an der Adria besetzt. Das war neben der Oktoberrevolution in Rußland definitiv die zweite Generalprobe für die Etablierung der totalitären und lebensreformerischen Regierungspraxis in Europa. England, Frankreich und die Vereinigten Staaten reagierten überhaupt nicht auf den Nadelstich, Italien verwickelte die faschistische Stadtrepublik erst Ende 1920 in einen Krieg, der binnen weniger Wochen zum Zusammenbruch der usurpierten Macht und zum Abzug der Arditi führte. Viel zu spät, denn die Früchte der jugendbewegten Propaganda hatten bereits kräftig ausgesamt.

Fünfzehn Monate, bis zum Dezember 1920, regierte Gabriele D´Annunzio Fiume als unabhängigen Stadtstaat nach den Vorstellungen der Jugendbewegung. In Italien hatte diese nicht zuletzt die spezielle Ausprägung des Futurismus. Hier das Manifest des Futurismus von Tommaso Marinetti, um einen Einblick in die Ideologiekulisse zu geben. Gegen das Manifest wirkt „Mein Kampf“ gerdezu moderat und pazifistisch:

„Wir blieben all die Nächte auf, meine Freunde und ich, unter hängenden Moscheenlampen mit Kuppeln aus filigranem Messing, sternbesät, wie unsere Ideen, scheinend wie die gefangenen Strahlen von elektrischen Herzen. Für Stunden kehrten wir unsere atavistische Trägheit unter reiche orientalische Teppiche, diskutierend über die letzten Überzeugungen der Logik und schwärzend viele Bögen mit unserer Wahnsinnsschrift.“

Wir wünschen die Liebe zur Gefahr zu besingen, die Gewohnheit der Energie und Verwegenheit.

Kühnheit, Frechheit und Revolte werden grundlegende Elemente unserer Poetik.

Bis zum jetzigen Zeitpunkt hat die Literatur eine schwermütige Unbeweglichkeit, Verzückung und Schlaf gepriesen. Wir wünschen die aggressive Aktion, ein schlafloses Fieber, des Rennpferds Schritt, die Todesspirale, die Ohrfeige und die Faust zu preisen.

Wir behaupten, dass der Welt Herrlichkeit durch eine neue Schönheit erreicht worden ist: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein rasendes Automobil, dessen Karosse mit großen Auspuffrohren verziert ist, wie Schlangen mit explosivem Atem –  ein röhrendes Auto, das auf Weinbeeren zu fahren scheint, ist schöner, als die Siegesgöttin von Samothrace.

Wir wünschen den Mann am Steuerrad zu besingen, der die Lanze seines Geistes gegen die Erde schleudert, entlang dem Zirkel ihres Orbits.

Der Dichter muß sich mit Inbrunst, Freigiebigkeit und Edelmut selbst aufopfern, um das enthusiastische Fieber der primären Elemente anzufachen.

Ausgenommen im Kampf, gibt es keine Schönheit mehr. Kein Werk ohne einen aggressiven Charakter kann ein Meisterwerk sein. Die Dichterei muß gefasst werden als eine gewaltsame Attacke auf unbekannte Kräfte, um sie zu verkleinern und niederzuschlagen in Gegenwart von Männern.

Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! … Warum sollten wir zurückschauen, wenn das was wir wollen, das Niederbrechen der geheimnisvollen Tore des Unmöglichen ist? Zeit und Raum starben gestern. Wir leben immer im Absoluten, weil wir die innere, allumfassende Geschwindigkeit erfunden haben.

Wir wollen den Krieg glorifizieren – die einzige Hygiene der Welt – Militarismus, Patriotismus, die zerstörerische Geste der Freiheitsbringer, herrliche Ideen, die es Wert sind dafür zu sterben, und Verachtung für die Frauen.

Wir werden die Museen zerstören, die Bibliotheken, die Akademien aller Art, werden Moralismus, Weiblichkeit, jede bequeme oder nützliche Feigheit bekämpfen.

Wir werden über große Massen, die durch ihr Werk erregt sind singen, im Vergnügen und in der Ausschweifung; wir werden über die bunten polyphonen Wellen der Revolution in den modernen Hauptstädten singen; wir werden über das schwingende nächtliche Fieber der Arsenale und Werften singen, die hell erleuchtet sind von gewaltigen elektrischen Monden; von gefräßigen Bahnhöfen, die von dampfenden Schlangen verschlugen werden; von Fabriken die voll Wolken der gekrümmten Linien ihres Rauchs hängen; von Brücken, die die Flüsse wie gewaltige Gymnasten überspannen und in der Sonne aufflammen, mit dem Glanz von Messern; von abenteuernden Dampfern, die den Horizont wittern; von langbrüstigen Lokomotiven deren Räder auf den Schienen stampfen, wie die Hufen von riesigen Stahlpferden, deren Röhrenwerk im Zaum gehalten wird; und vom weichen Flug der Flugzeuge, deren Propeller mit dem Wind schwatzen wie Fahnen und anzufeuern scheinen wie eine enthusiastische Menge.

Aus Italien lancieren wir dieses unser gewalttätiges, umstürzlerisches brandstiftendes Manifest in die Welt. Mit ihm etablieren wir heute den Futurismus, weil wir dieses Land zu befreien wünschen von seinen stinkenden Kraken von Professoren, Archäologen, Fremdenführern und Antiquitätenhändlern. Zu lange ist Italien ein Verkäufer von Gebrauchtwaren gewesen.

Du hast Einwände? – Genug, Genug! Wir kennen diese. Wir haben verstanden! Eure feine trügerische Intelligenz sagt uns, dass wir die Wiedergänger und Seelen unserer Vorfahren sind – Vielleicht! Wenn es nur so wäre! – Aber wer sorgt sich? Wir wollen nicht verstehen! Jammer über jeden, der uns diese infamen Parolen wieder sagt! Hebt eure Hände! Aufrecht zum Gipfel der Welt, immer wieder schleudern wir Trotz gegen die Sterne!“

Der Dichter-Politiker D´Annunzio hatte 1910 den Roman „Forse che si forse che no“ (Vielleicht, vielleicht auch nicht) geschrieben, der als Prototyp einer neuen maschinenbegeisterten Flugdichtung gilt, bei der Nietzsches Übermensch als kriegerischer antiweiblicher Sportheroe erscheint. Der Romanheld Tarsis überwindet seine Todesfurcht, indem er mit der Maschine verschmilzt und sich im Rausch der Geschwindigkeit aus »weiblicher Schwer-Kraft«, von »Mutter-Erde« befreit.

Da sieht man den Unterschied zwischen Germania und Italia. Deutschland hatte es mit Blut und Boden, Italien liebt die Luft. Volare, Dipinto di blu. Es ist eben ein unbegründetes Märchen, daß nur die deutschen Intellektuellen für den Ersten Weltkrieg warben. Die französischen, russischen und nicht zuletzt die italienischen taten es auch.

D´Annunzio schuf einen von Mussolini und Hitler, ja sogar von Stalin immer wieder kopierten Stil der politischen Liturgie. Kunstvolle Uniformen, spezielle Zeremonien, Sprechchöre, Reden vom Balkon des Rathauses vor Massenpublikum als Dialog mit dem Führer (in Havanna noch 50 Jahre später praktiziert) und spezielle Symbole und Feldzeichen hatten wenig später ihren festen Platz im faschistisch-nationalsozialistischen Kostüm- und Zeremonienfundus. Die schwarzen Hemden der Arditi, die Hymne „Giovinezza“ (Jugend), Massenkundgebungen (soweit das die Bevölkerungszahl Fiumes erlaubte)  und der zum römischen Gruß erhobene rechte Arm waren ebenfalls Neuerungen des Dichter-Staatschefs.

Die politischen Ziele der Fiumesen wurden durch den Syndikalismus, eine in Deutschland nicht geläufige Form der nichtmarxistischen, anarchistisch geprägten Gewerkschaftsbewegung, beeinflußt. Im August 1920 hatten die Syndikalisten Alcestre de Ambris und O. A. Olivetti die erste korporative Verfassung des 20. Jahrhunderts fertiggestellt, die die Gleichberechtigung der Geschlechter, eine für anarchistische Lehren obligate Dezentralisierung und relativ demokratische Strukturen der korporativen Organe beinhaltete. Im Dezember 1920 besetzte Italien Fiume und vertrieb die Freischärler. Politisch wurde Gabriele D´Annunzio besiegt, kulturell blieb er für die folgenden sieben Jahrzehnte ein sogenannter „Sieger der Geschichte“. Die Zeremonien seines Stadtstaats sollten für die nächsten Jahrzehnte die politische Liturgie Europas bestimmen. Zu vielen politischen Ereignissen der Zwischenkriegszeit gibt es fast keine Fotos. In Fiume war vom ersten bis zum letzten Tag immer ein Fotoapparat zur Hand.

Der faschistische Stil verbreitete sich in anfällige gesellschaftliche Biotope wie eine hochansteckende Krankheit. Bereits im Frühjahr 1920 führten die italienischen Fasci Flaggen, schwarze Hemden, Uniformen und das Tragen von Dolchen ein. Am Ende der Zwanziger tauschten sich die Diktatoren Mussolini und Stalin über liturgische Fragen aus.

Ohne zeitliche Verzögerung schwappte die neue Stilistik auch nach Deutschland herein. Im Mai 1920 entwarf der Starnberger Zahnarzt Krohn die Hakenkreuzfahne für die Gründungsversammlung der NSDAP-Ortsgruppe. Hitler erkannte sofort die Werbekraft des bis dahin schon weitverbreiteten Reformsymbols und machte es zum verbindlichen Parteiabzeichen. Die italienischen Standarten wurden als Feldzeichen der deutschen Sturmabteilungen übernommen, ebenso wie der römische Heilsgruß, der den international unerfahrenen Volksgenossen fortan als „Deutscher Gruß“ verkauft wurde. Der Germanenprinz Arminius drehte sich im Angesichte dieses späten kulturimperialistischen Triumphes der Römer im Grabe herum, ja er muß geradezu rotiert haben. Hitler durchforschte 1920/21 alte Kunstzeitschriften und die heraldische Abteilung der Münchner Staatsbibliothek nach einer Vorlage für einen respekterheischenden Adler des NSDAP-Geschäftsstempels. Hitlers erstes Rundschreiben als Vorsitzender der NSDAP vom 17. September 1921 widmete sich keinem anderen Thema als der Parteisymbolik und dem Tragen des Parteiabzeichens.

Genauso früh wurde der Stil der nationalsozialistischen Massenveranstaltungen entwickelt. Während sich Deutschlands Politiker mit der Ruhrkrise und der Inflation plagten, entwickelte Hitler die ganze Parteitheatralik, an deren ästhetischen Grundlagen er bereits in Wien und München gewerkelt hatte. D´Annunzios frische Ideen verbanden sich mit den alten Massenszenen Richard Wagners und Spektakelelementen, wie sie auch Brechts episches Theater wenig später verwendete. Schrille Werbung für Hitlers Auftritte, Heilrufe im Forum des zu klein gewählten Saals vor der Ankunft Hitlers, Marschmusik, Begrüßungsparolen, Fahnen, Sprechchöre, für alle Details war Hitler persönlich zuständig, er organisierte seine Redemarathone mit allem propagandistischen Beiwerk als Gesamtkunstwerke im Wagnerschen Sinne, schriftliche Veranstaltungshinweise regelten alle Details. Und es war wirksam so.

Der faschistische Stil ist noch nicht tot. Die schwarzen Hemden unserer Künstler, Intendanten, Architekten usw. und ihre kahlrasierten Schädel sind eine fiumesische Erfindung.

Das Beitragsbild „Nachts unter hängenden Moscheenlampen mit Kuppeln aus filigranem Messing, sternenbesät“ habe ich in Köszeg (Güns) in der Wirtschaft „Ibrahim Kávézó És Étterem“ am Hauptplatz 17 aufgenommen. Ist zu empfehlen, dieses Kaffeehaus mit Speisewirtschaft.

 

Ein Kommentar zu “100 Jahre faschistischer Stil

  1. Solche Texte wie das „futuristische Manifest“ sind ganz einfach zu erklären. Im 19. Jahrhundert wurde viel mit Drogen experimentiert (wie schon bei Sherlock Holmes beschrieben). Zunächst medizinisch, als Schmerzmittel, dann inspirierte sich zunächst die schreibende Zunft damit: Dichter wie Oscar Wilde und Philosophen wie Karl Marx. Neben Alkohol und Opium gab es Cannabis, Coca, Mescal, und seit der Erfindung der Injektionsnadeln nach 1840 auch Morphine und Heroin. Damals kannte man noch nicht die gesundheitlichen Risiken und die irreversiblen Hirnschäden, wie Veränderungen der Persönlichkeit und Realitätsverlust.

    Meiner Überzeugung nach kann der Einfluß von Drogen auf die Ereignisse der letzten 150 Jahre gar nicht überschätzt werden.

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