Das Bauhausmuseum als Wendepunkt


Die thüringische Linksregierung feiert in Weimar gerade 100 Jahre Bauhaus und hat ein Museum eröffnet, das eher wie ein Tresor oder ein Mausoleum wirkt. So links und modern, wie oft behauptet, war das Bauhaus nicht. Es war eher ein irrlichterndes Querfrontprojekt, das zeitgenössisches linkes und rechtes Gedankengut zusammenführte.

Im vorrepublikanischen Weimar waren Friedrich Nietzsche mit seiner Idee des „Neuen Menschen“, Harry Graf Kessler mit der des „Neuen Weimar“ und die Kunstgewerbeschule mit dem Jugendstilarchitekten Henry van de Velde ansässig gewesen. Als die Nationalversammlung tagte, strömten die wichtigsten Maler des „Blauen Reiters“ nach Weimar ins Bauhaus. Viele suchten den langen Schatten Goethes oder zumindest wollten sie vom Ruf Weimars als Kulturstadt profitieren, an der deutschen Klassik schmarotzen. Die kulturgeschichtlichen Phänomene der Jahrhundertwende, die der Republik zeitlich unmittelbar vorausgingen, kreisen um Weimar, so daß der Name Weimarer Republik einen hintergründigen tieferen Sinn hat. Die nachklassische Weimarer Kultur war im wesentlichen ein Zusammentreffen verschiedener Rückwege in die Archaik des Nationalsozialismus und Bolschewismus.

Die beginnende Weimarer Republik begleiteten ein manirierter Spät-Jugendstil sowie dessen Derivate, sowohl in der Illustration, in der Malerei als auch auf dem Wahl- und Agitationsplakat. Nicht nur der Jugendstil, fast alle Reformsekten wie Expressionisten, Okkultisten, Nudisten, Aktivisten, Vegetarier, Völkische, Siedler, Schwundgeldfans, Futuristen und Ästhetizisten retteten sich über den Weltkrieg hinweg. Vom Blauen Reiter strömten die Maler ins Bauhaus, die Kriegsliteraten wurden die schärfsten Kritiker der Rüstungsindustrie, die Expressionisten und Wandervögel begehrten in Scharen Einlaß in die KPD und in völkische Landkommunen, die Kriegsplakatillustratoren und „litterarischen“ Heldenverschönerer wurden Pazifisten. Da die Lebensreform viel mehr war als ein Protest gegen das verkrustete Kaiserreich, da sie das konservative Kaiserreich der siebziger und achtziger Jahre mit dem Transport eines neuen biologistischen und vitalistischen Welt- und Menschenbildes in die Gesellschaft kulturell aufrieb, weil sie darüber hinaus die Verlierer der Industrialisierung ansprach, so überlebte sie den Kaiser. Für die jüngeren Reformisten war und blieb das Ziel nach wie vor der Marsch in die biologistisch, vitalistisch, sozialistisch, kosmogen und / oder rassistisch geprägte Zukunft.

Der hohe Anspruch einer der Reformfraktionen wurde 1918 z.B. im Manifest des absoluten Expressionismus formuliert, unter anderem als Wahnvorstellung von einem glühenden rotierenden Rad, das in den Raum geschleudert wurde, und dort kreisend nach vorne reißt. Viele kosmogene Phantasien der Vorkriegszeit wurden in der Nachkriegszeit weitergeführt, dem Neuen Menschen wurde nach 1918 so gehuldigt, wie vor dem Kriege.

Zwischen der Vor- und der Nachkriegszeit gab es keinen essentiellen Unterschied: Die kulturellen Pseudoeliten trachteten vorher und nachher danach, alle neuen und unübersichtlichen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft unter ihre ideologische Kontrolle zu bringen. Es war der Abschied vom Marxismus und Liberalismus des 19. Jh. als Abschied von allen evolutionären und revolutionären Fortschrittsgedanken.

Das Bauhaus war wie andere kulturelle Erscheinungen der Zeit auch ein Zersatzprodukt des Jugendstils und des Werkbunds, aber auch jüngerer Einflüsse, wie des Expressionismus, und des italienischen Futurismus, der zu den bunten Quadraten die vielen Zahnräder beisteuerte. Nicht nur inhaltlich, auch personell lässt sich eine Kontinuität herleiten. Wassily Kandinsky, Paul Klee und Lyonel Feininger kamen vom Münchner „Blauen Reiter“ nach Weimar und bildeten 1924 mit Alexej von Jawlensky die Gruppe „Die Blauen Vier“

„Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!… Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte!“

So hieß es im Manifest des Bauhauses von Walter Gropius. Wichtig ist auch der Hinweis auf den „Neuen Menschen“ im Manifest. Durch diesen Hinweis läßt sich die ideengeschichtliche Genese des Bauhauses auch abseits vom Handwerkskult rekonstruieren, der herrschende Geist auf Nietzsche zurückverfolgen.

Dem Bauhaus vorausgegangen war vor dem ersten Weltkrieg der Jugendstil, der ein Versuch war, der Industriemassenware einen handwerklichen Zuckerguß zu verpassen bzw. die industrielle Ware durch vom Handwerk beeinflußte Designereinzelanfertigungen zu ersetzen. In diesem Spannungsbogen zwischen Industrieform, Zuckerguß, Designerware und Kunsthandwerk bewegten sich der Jugendstil und auch das frühe Bauhaus. Bereits am Anfang des Jugendstils gab es Quertreiber, die gegen das Ornament und die Dekoration zu Felde zogen. Adolf Loos verfaßte den Artikel „Ornament und Verbrechen“, er erreichte 1903 große Bekanntheit durch die karge schmucklose Gestaltung des „Cafe Museum“ in Wien, das den Spitznamen „Cafe Nihilismus“ erhielt. Der Werkbündler Hermann Muthesius verfaßte bereits 1902 den Aufsatz „Stilarchitektur und Baukunst“, in dem er sich darüber beklagte, daß „die Forderung, neben den historischen Stilen einen neuen Stil, den Stil der Gegenwart zu erfinden, nur auf reine Äußerlichkeiten abziele.“

Die Diskussion im Werkbund verlief kontrovers, viele Teilnehmer des Diskurses forderten die Industrieform, hingen in der Praxis aber der geschwungenen Linie und der handwerklichen Ausführung an, ein prominentes Beispiel ist Henry van de Velde. Selbst wenn rein industrielle Maschinenmöbel hergestellt wurden, wie in Hellerau, so nannte sich diese Fabrik bezeichnenderweise „Deutsche Werkstätten für Handwerkskunst“.
1908 griff der Reformpolitiker Friedrich Naumann mit seinem Aufsatz „Die Kunst im Zeitalter der Maschine“ in die Werkbund-Debatte ein. Er beschwor den Gedanken, daß die Zukunft der deutschen Industrie zu einem guten Teil von der Kunst abhinge, die den deutschen Produkten ihren Wert geben würde.

„Den Spielraum des Lebens, den wir unserem Volke von Herzen wünschen, können wir ohne Erhöhung seiner künstlerischen Leistungen gar nicht erlangen. Und zwar handelt es sich dabei gar nicht blos um Erziehung von Ingenieuren und Zeichnern, nein, es handelt sich um eine ganz in sich einheitliche Kultur, die sich anderen Völkern einprägt und aufprägt, um deutschen Volksstil im Maschinenzeitalter.“

Naumann beschwor die Wichtigkeit des handwerklichen Designs für den Erfolg der Industrie.

„Als die Maschine sah, daß sie nur geringe Arbeit machte, setzte sie sich wieder hinter den Handwerker und sah ihm, nun selber geduldiger werdend, seine Kunst ab….Und die Maschine muß sich demütigen und sagen: je besser die Ware, desto mehr bin ich nur Dienerin! bei geringer Produktion ist sie Herrin und erniedrigt die Menschen zur Sklaverei, auch bei guter Massenware ist sie noch das Maßgebende, sie gibt das Tempo an und verlangt nur gut geleitet zu werden, aber je höher der Formenwert der Herstellung steigt, desto mehr steigt der schaffende Mensch wieder in die Höhe, und das Ziel ist der Mensch, den die Maschinen umgeben, wie willige Tiere, der über ihnen steht, ihr Herr und Meister.“

Nach dem Ersten Weltkrieg differenzierte sich die Stellung zur gestalterischen Qualität immer mehr, aber was alle Umschwünge in der Formensprache überdauerte, was letztlich blieb, was die Konstante war: der Gedanke der handwerklichen Produktion, die Illusion, die Industrie auf Dauer als Kunstgewerbe in die Knechtschaft von handwerkelnden Künstlern und künstelnden Handwerkern zu zwingen. Mit dem Aufstand von Adolf Loos gegen das Ornament wurde der Weg in die Neue Sachlichkeit geebnet. Das missing link zwischen dem handwerkelnden kunstgewerblichen ornamentalen Jugendstil und der sich der Industrieform annähernden Neuen Sachlichkeit war das von der Industrieform träumende, handwerkelnde kunstgewerblich-abstrakte Formen schaffende Weimarer Bauhaus. Das Weimarer Bauhaus schuf geometrische Formen mit handwerklichen Mitteln, es war ein Jugendstil ohne geschwungene Linien. Es ging umgekehrt zu, als wie bei des Kaisers neuen Kleidern: Die Bauhäusler zeigten dem geneigten Kunden nicht den leeren Maschinenwebstuhl, sondern sie zeigten Gewebe vom Handwebstuhl vor, und sie behaupteten, daß das Zeug auch mit einem maschinellen Webstuhl hätte gefertigt werden können.

Walter Gropius machte alle künstlerischen und ideologischen Moden zeitnah mit. 1911 schuf er die erste industriell gefertigte Glasfassade für ein Industrieunternehmen, machte also einen frühen Ausflug zur Industrieform und zur klassischen Moderne. 1914, zeitnah zum Ausbruch des Weltkriegs, passend zum byzantinischen Führungsstil Wilhelms II. ägyptisierte er Glas-Stahlfassaden, 1919 begab er sich in das Spannungsfeld von Expressionismus, Handwerk und Kunstgewerbe, um nach 1923 schrittweise wieder zur Industrieform zurückzukehren (unter dem Motto: „Kunst und Technik – eine neue Einheit). Diese Rückkehr hatte ihre Tücken, 1931 war er Teilnehmer eines Architektenwettbewerbs für den Sowjetpalast in Moskau. Im Erläuterungsbericht beschrieb er die Grundidee:

„Der Sowjet-Palast ein neuer Pol! Ein Monument der Idee der UdSSR. Deshalb: ein einziger gewaltiger mit einem Blick erfaßbarer Raumkörper über dem Kreis, als dem Symbol der Bindung der Volksmassen zu einer menschlichen und politischen Großeinheit.“

Der Entwurf war über konzentrischen Kreisen aufgebaut, wobei der große Saal für 15.000 und der kleine Saal für 6.000 Plätze als Kreissegment dienten für Massendurchzüge und Demonstrationen. Dieser radiale Aufbau der Baugruppe sollte sowohl den Inhalt ausdrücken als auch den schnellen Zu- und Abgang der Menschenmassen ermöglichen. Wie bei Brechts epischem Theater sollte die „Aktivierung aller Teilnehmer an profanen und feierlichen Schauvorgängen durch organisierte Wechselbeziehungen zwischen Zuschauerplatz und Aktionsfläche“ erzielt werden. Gropius blieb auch nach seiner Rückkehr zur Industriearchitektur solange er in Deutschland weilte, ein Baumeister des Führerkults, ein Bühnen- und Kulissenbauer des Neuen Menschen in der Spezies des homo sowjeticus und ein Kämpfer gegen die sogenannte Kulturknechtschaft des Proletariats.

Manchmal möchten die Linken aus dem Bauhaus einen fortschrittlichen modernen Laden und aus Gropius einen Demokraten machen. So einfach ist das nicht. Schon der Einfluß des italienischen Futurismus auf das Bauhaus bereitet ernste Abgrenzungsschwieriegkeiten auch nach rechts. Der Futurismus war nun einmal zuerst die Kinderstube des Faschismus, und nach dessen Scheitern der faschistische Rückzugsraum; Mussolini kann man nicht einfach in die heimatkünstlerische Ecke stellen oder in einen Gegensatz zur sogenannten Moderne bringen.

Ein weiterer Hinweis auf das in den 20er Jahren nur sehr unvollkommen erfolgte Schisma zwischen links und rechts war das persönliche Lebensumfeld von Walter Gropius, und zwar gerade in der Gründungszeit des Bauhauses. Von 1915 bis 1920 war er mit Alma Mahler-Gropius-Werfel verheiratet, die Antisemitismus und Lebensphilosophie anhing. In diese beiden Disziplinen eingeführt wurde sie durch Max Burckhard, der bis 1898 Direktor des Wiener Burgtheaters war. Ab 1895 förderte Max Burckhard als ständiger Gast im Hause Moll Almas erwachendes Interesse an klassischer und neuerer Literatur, brachte in Waschkörben die Basisliteratur der Klassik und Moderne, aber als Antisemit schulte er auch ihre Judenfeindlichkeit. Besonders die Philosophie Nietzsches schmiedete die beiden als «Verschworene im Geiste» aneinander, sein Satz «Wer fällt, den soll man auch noch stoßen!» wurde zu einem Lebensmotto Almas, unter dem viele ihrer erfolglosen Bewunderer zu leiden hatten.“ Über ihre erste Liebesbeziehung mit Alexander von Zemlinsky schrieb sie beispielsweise in ihr Tagebuch: „Er so häßlich – so klein, ich so schön – so groß“. Sie nahm alsbald vom Gedanken an eine Heirat Abstand, sonst müßte sie ja „kleine degenerierte Judenkinder zur Welt bringen“. Nach der Heirat mit Gropius hinderte sie nichts daran, ihren frischgebackenen Ehemann mit Oskar Kokoschka zu hintergehen.

Legitime Eifersucht von Gropius beantwortete sie ungnädig: „Auf die Knie vor mir, wenn ich bitten darf!“ „Doch schon war ein anderer Bock aufgetaucht: der damals revolutionär gesonnene Lyriker Franz Werfel, in Almas Originalton „ein O-beiniger, fetter Jude mit wülstigen Lippen und schwimmenden Schlitzaugen“. Gropius „war der einzige Mann, der sich nach ihren Worten «rassisch mit ihr messen konnte». „Gropius war arisch und blond. Sonst habe ich immer Juden gehabt, der Mahler war so und der Franz Werfel auch“, zog sie rückblickend die Bilanz ihrer sexuellen Aktivität. Noch während ihrer Ehe mit Gropius war Alma Anfang 1918 von Werfel schwanger geworden, das Baby Martin kam infolge und während des Geschlechtsverkehrs mit Werfel als Frühgeburt zur Welt. Es war zehn Monate später tot, eine Folge von Werfels «verkommenem Samen», wie Alma es ausdrückte. Während Gropius und Werfel sich in Frau Alma teilen mussten, ließ Oskar Kokoschka eine Puppe aus Stoff und Holzwolle nähen, die ihr nachgebildet war. Von einer Zofe musste diese wie ein Tamgotchi rum um die Uhr im Fullservice betreut werden. Die Puppe wurde von Kokoschka eines Tages geköpft, mit Rotwein bekleckert und in den Garten geworfen; die Zofe verschwand spurlos. Das häusliche Sodom des Bauhaus-Gründers Gropius korrespondierte mit seinem beruflichen Gomorrha. Alma schwärmte der Reihe nach für die Politiker Mussolini, Hitler und Franco, warum sollte Gropius nicht versuchen, Baumeister des Genossen Stalin zu werden?

Zum anderen wurde die hochmütige Mauer zwischen Handwerk und Kunst in Weimar nicht eingerissen. Durch den eitlen und anmaßenden Führungsanspruch der Künstler wurden die Weimarer Handwerker verprellt, und ebenso die Adressaten der designerischen Bemühungen, die Industriellen. In Weimar entstand schnell ein ablehnendes Klima. Vielfach wird es auf den reaktionären Geist der Stadt zurückgeführt. Zum Krieg zwischen Bauhaus und Stadtgesellschaft trug aber auch die mangelnde Diplomatie der Bauhäusler und eine manifeste Überheblichkeit bei, die feststehende Überzeugung, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Am sogenannten Vestibülstreit zog sich das Feldgeschrei hoch, wenn man die Akteure des Streits um die Gestaltung des Eingangs des Bauhauses näher betrachtet, so war es ein Streit zwischen abstrakt orientierten Bauhäuslern einerseits und Vertretern der klassischen Moderne andererseits, zwischen Expressionisten und Impressionisten. Richard Engelmann, Felix Meseck oder Alexander Olbricht kann man nicht einfach in die reaktionäre Heimatstil-Ecke stellen, sie waren beim Jugendstil und beim Weimarer Impressionismus stehen geblieben, waren also auch der Lebensreform- und Jugendbewegung verpflichtet, aber sie weigerten sich, die neuesten Moden mitzumachen, darum ging der Streit. Es war ein sektiererisches Zerwürfnis innerhalb der Reformbewegung.

Achim Preiss deutet die Formergebnisse dieser frühen Moderne als ideologische Herrschaftszeichen, die ohne eine despotische Gesellschaftsverfassung nicht durchsetzbar waren und ohne diese Geistesdespotie auch nicht sinnvoll gewesen wären.

„Demokratische Tugenden wie der Respekt vor Minderheiten oder die Tolerierung von Gegenmeinungen gingen den Anhängern dieses Stils völlig ab, und an einen Fortschritt aus dem Spiel der freien Kräfte glaubten sie auch nicht. Vor dieser Vision verblaßten natürlich die tatsächlichen Probleme und Nöte der Bevölkerung, die nicht im Detail oder gar individuell gelöst werden sollten, sondern mit einer generellen Umstrukturierung der Gesellschaft. Die angestrebte Zusammenarbeit mit der Industrie war daher auch nur pathetischer Natur, es ging um die Indienstnahme eines Herrschaftsinstruments zwecks Massenverbreitung der modernen Formideen in allen Lebensbereichen. Dabei verkannten die Modernen die tatsächliche Funktionsweise der Industrie, die ohne eine Massenkundschaft nicht existieren kann, die herstellen muß, was der Markt verlangt, die Entwürfe braucht, die den Geschmack des Publikums treffen und für die schließlich die Veränderung des Geschmacks zuerst eine Frage des Investitionsaufwands und der Gewinnerwartung darstellt. Sie hatten nicht begriffen, daß auf dem industriellen Markt nichts vorgeschrieben sein darf, um alles anbieten und verkaufen zu können. Durch den Marktgang der Moderne wurden aus den sehr konsequent ausgearbeiteten Kunstwerken exotische, den meisten Kunden völlig unverständliche Warenangebote, die nur als Komplettsatz, als Gesamtausstattung gekauft werden konnten, da sie mit anderen Produkten nicht kombinierbar waren. In das Haus am Horn konnte man keine anderen Möbel stellen, als die von den Bauhaus-Werkstätten hergestellten, auf die Architektur exakt abgestimmten. Die Benutzung und der Konsum setzte Gesinnungsgenossenschaft voraus, die Moderne wurde zum Etikett einer intellektuellen Elite und erreichte nie die soziale Kompetenz, die sie aber ständig beanspruchte.“

Die Bauhausmeister Johannes Itten und Georg Muche waren Mazdaznanjünger und glaubten als solche durch strikte Befolgung von Ernährungsvorschriften ihre baldige Vergeistigung zu erreichen. Kandinsky war Okkultist und Gropius wegen der schlechten Behandlung durch seine Frau Alma Masochist. Als Gropius 1923 von Handwerk auf Industrie umschaltete kam es zum Streit mit und zur Kündigung von Itten. Bis 1932 hatten nach dem Wechsel von Gropius zu Meyer und nach der Übernahme durch Mies van der Rohe alle Altmeister gekündigt. Jeder Leitungswechsel war mit konzeptionellen Änderungen verbunden und jede Änderung wegen der ideologischen Aufladung der Bauhauslehrinhalte mit reformistischen Zerwürfnissen. Gropius hatte das Bauhaus 1919 extrem ideologielastig konzipiert: Er wollte eine Gemeinschaft der Geister gründen, kleine in sich abgeschlossene Bünde, Logen, Hütten, Verschwörungen, die ein Geheimnis, einen Glaubenskern hüten.

Im ach so progressiven Bauhaus herrschte dank den dort zelebrierten Werten von Friedrich Nietzsche reformistische Frauenfeindlichkeit. Gropius verortete in seiner allgemeinen ahistorischen Formen- und Raumlehre das Dreieck, die Farbe rot und den Geist bei der Männlichkeit, das Quadrat, die Farbe blau und die Materie bei den Weibern. „Klee definierte das Genie selbstverständlich als männlich, als er es 1928 in der Zeitschrift „bauhaus“ mit „zeugung“ verglich. Er stand damit in einer Denktradition für die, ausgehend von Nietzsche, Schöpfertum und Männlichkeit weitgehend identisch waren.“ In Weimar und Dessau waren Männer Kulturwesen und Frauen Naturwesen. Folglich verfrachtete der Meisterrat die Frauen in die Webereiwerkstatt, die als „Frauenabteilung“ geführt wurde. Aus dieser Rollenverteilung kam man als Frau nur mit Protektion heraus. Im Bereich Bau und Ausbau gab es unter den Absolventen folglich nur vier Schneewittchens unter hunderten Zwergen.

„Fahren Sie eine Woche nach Weimar, und sie können den Rest ihres Lebens keine Quadrate mehr sehen.“ So lautete ein zeitgenössischer Witz über das Bauhaus. Auch Meyer lästerte über die roten, blauen, gelben, grauen, schwarzen und weißen Würfel von Gropius nur und politisierte das Bauhaus. Kommunistische Ideen wetteiferten in Meyers Denkerstirn mit den alten völkischen Ideen des Volkslebens, der Volksseele und der Volksgemeinschaft sowie des neuen Menschen und des jungen Menschen. Auch dem darauffolgenden Chef Mies van der Rohe war jede reformistische Richtung recht: er wollte die „Frankfurter Zeitung“, die „Rote Fahne“ und den „Völkischen Beobachter“ bestellen, um allen reformistischen Bedürfnissen gerecht zu werden. Den sozialdemokratischen „Vorwärts“ oder ein katholisches Blatt gab es im Bauhaus bezeichnenderweise nicht zu lesen. Statt dessen durfte Hans Freyer, der Propagandist der „Revolution von Rechts“ und des „totalen Staats“ im Bauhaus einen Vortrag halten. Gegen jeden demokratischen Luftzug wurden alle Ritzen des Bauhauses hermetisch abgedichtet, jede totalitäre Kakerlake durfte hereinschlüpfen.

Die Demokratie- und Glaubwürdigkeitsdefizite, die mit elitaristischen Konzepten einhergingen, zeigten sich auch in der Stellung und Hierarchie der Meister: Die Formmeister des Bauhauses wurden grundsätzlich höher vergütet, als dessen Handwerksmeister. Während die proletarischen Käufer von Dessau-Törtens Wohnsilos mit straßenweiser einfacher Gleichheit abgespeist wurden, wurde in den Meisterhäusern am anderen Ende von Dessau avantgardistisches Geltungsbewusstsein zelebriert.
Ob Törtens Billigwohnzeilen, das Meisterhaus am Horn in Weimar oder die Meisterhäuser in Dessau, alle diese Experimentalbauten waren nicht nachhaltig und hatten gewaltige Baumängel. Das Verhältnis von Kubatur zu Außenfläche war durch das Würfelstapeln nicht immer günstig, am ungünstigsten bei den Dessauer Meisterhäusern; der Bau litt an dünnen Wändchen, Wärmebrücken und Feuchteschäden und war somit bautechnischer Pfusch.

Bauhausarchitektur in Tel Aviv. Auch im besseren Wetter eigentlich Pfusch, Foto: Prabel

Das Dessauer Bauhaus war tendenziell bereits ein anderes, als das Weimarer mit seinen kunsthandwerklichen Schrulligkeiten. Ähnlich waren sich das Weimarer und das Dessauer Institut noch im elitaristischen Anspruch. Dieser zeigte sich unter anderem in der teutonischen Phraseologie. Die einfache Wahrheit form follows function wurde sehr deutsch und „innerlich“ ausgedrückt. Die Dinge seien durch ihr Wesen bestimmt und das Wesen des Dings müsse zunächst erforscht werden, damit das Ding richtig funktioniert. Mit dem Dessauer Bauhaus erfolgte dennoch der Übergang zur neuen Sachlichkeit. Bereits in der baulichen Hülle der beiden Bauhaus-Standorte Weimar und Dessau zeigt sich das. Dieser Übergang zur Moderne wurde vom Bauhaus nicht alleine gerade um 1925 vollzogen. Das Jahr 1925 ist eine Zäsur in der darstellenden Kunst überhaupt.
Der Jugendstil und das Weimarer Bauhaus sind aus der handwerklichen Tradition Deutschlands und einer gegen die Industrie gewandten Grundstimmung zu erklären. Die Neue Sachlichkeit und die Suche nach der Industrieform waren Aufstände der jüngeren Generation gegen 30 Jahre krummen Ornamentenschwulst und reine Formen sowie der beginnende Aufschwung des Industriedesigns.

C. Northcote Parkinson, ein Professor an der Raffles University of Malaya, veröffentlichte 1957 sein Buch über das Parkinsonsche Gesetz. In Kapitel VI „Das vorgeplante Mausoleum“ erläuterte er seine Beobachtung, daß lebendige und produktive Institutionen in schäbigen Unterkünften untergebracht sind. So ein Bau war zum Beispiel der Deutsche Bundestag, solange er in Bonn weilte. Oder die legendäre SPD-Baracke in Godesberg.  Northcote schreibt, daß eine Perfektion der Planung nur von jenen Institutionen erreicht wird, die sich am Beginn des Ruins befinden. Parkinson bemerkte, daß die Wissenden nach jeder Übergabe eines perfekten Gebäudes traurig die Köpfe schütteln würden, pietätvoll ein Tuch über die Leiche ziehen und auf Zehenspitzen hinausschleichen – in die frische Luft.

3 Kommentare zu “Das Bauhausmuseum als Wendepunkt

  1. Wow Wolfgang Prabel,
    was für eine langatmige Abhandlung über quadratische Hundehütten. Schon Adolf, einer der hervorragendsten Architekten im Reich, nahm Anleihen am Bauhaus-Hype, schuf großartige Bauwerke mit Festungscharakter und ließ auch den Sicherheitsaspekt (Bombenwerfer etc.) nicht links liegen. Die Buden waren mit einem tausendjährig haltbaren Beton ummantelt, also praktisch unkaputtbar und, einmal verrammelt, für osteuropäische Diebesbanden uneinnehmbar. Bei uns im Pott kann man noch viele dieser oftmals mit Graffitis verschönerten Bauhausbunker finden und bestaunen.
    Kunst gebar also Kunst, noch heute sichtbar und allgegenwärtig. Wenn Adolf, der große Erbauer und zugleich Förderer der alliierten Abrissbirne, all das nur geahnt hätte 😂

  2. Das Bauhaus- Museum in Weimar- Schock und unendliche Tristesse
    Das neue Bauhaus- Museum wurde am 5. April 2019 in Weimar eröffnet. Albert Einstein wird das
    Zitat zugeschrieben: „ Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit.“
    Nach Besichtigung des neuen Museums in Weimar kann man dem Zitat noch hinzufügen: „ …und
    die Einfallslosigkeit der Architektin und der Entscheidungsträger, die dieses Museum an diesen Ort
    gebaut haben.
    Das Wort Museum leitet sich aus einem altgriechischen Wort ab und bedeutet: „Heiligtum der
    Musen“. Ein Heiligtum jedoch baut man an einen prädestinierten Ort, würdigt die Exponate im
    Inneren des Museums entsprechend und sollte versuchen eine Interaktion zwischen den
    Exponaten und dem Besucher zu erreichen, gerade vor dem Hintergrund zurückgehender
    Besucherzahlen. All das ist an und in diesem Gebäude kläglich gescheitert.
    Als erstes scheint schon mal die Standortauswahl völlig am Thema vorbeigegangen zu sein. Das
    Gelände, der Minolplatz, befindet sich außerhalb der historischen Stadtmauern von Weimar und
    weit entfernt vom gesamten Ensemble der heutigen Bauhaus- Universität. Im Asbachviertel
    gelegen, wirkt das Gebäude wie ein einziger Fremdkörper. Umgeben vom Gauforum, gebaut in
    den dreißiger Jahren, wirkt es nicht wie ein Museum, sondern eher wie das Heizkraftwerk für die
    umliegenden Büros des Landesverwaltungsamtes.
    Das Museum fällt völlig aus jedem städtebaulichen Gedanken heraus. Der Blick wandert über die
    im Norden liegenden Mietwohnungen über das Gauforum und versucht am Museum halt zu finden.
    Aber dieses Museum hat nichts, an dem es sich lohnt, seinen Blick verweilen zu lassen. Es ist
    eine grenzenlose Tristesse. Ein riesiger grauer Betonklotz, ohne jede stilistische Auflockerung,
    ohne jeglichen künstlerischen Anspruch an sich selbst. Das Gebäude hat kaum Fenster und die
    Fenster die vorhanden sind, wirken konzeptlos mutwillig verteilt, mit riesigen Einleibungen
    versehen.
    Die gesamte Außenfassade ist steril, kalt, sie kann und will gar nicht den Versuch unternehmen,
    sich der Stadt in irgendeiner Form anzupassen. Auch die Außenanlagen unternehmen gar nicht
    den Versuch dieses Monster an Gebäude in die Umgebung aufzunehmen.
    Schwer vorstellbar das der Besucher nach diesem Schock, der schon vor Eintritt in das Museum
    ihn ereilt, im Inneren des Museums einen Aha- Effekt mit nimmt. Das Museum verwehrt einen
    Blick ebenso von innen nach außen, wie von außen nach innen. Man hat nicht das Gefühl
    Exponate zu betrachten, sondern eher eine lieblose Ansammlung von allseits bekannten
    Deponaten die hier abgestellt wirken und darüberhinaus teilweise mit der Weimarer Zeit des
    Bauhauses nichts zu tun haben.
    Bei geschätzten Kosten von 27 Millionen Euro für diesen Schandfleck, stellt sich mir die Frage
    wieviele Radwege, Schultoiletten und allgemein man hätte in die Infrastruktur von Weimar mit
    diesem Geld investieren können.
    Aber das Geld kam ja nicht aus der Stadt Weimar, so hat man sich vermutlich gesagt, es ist zwar
    hässlich, aber umsonst, „nehmen wir erstmal“. Legt man mal den Preis von 100 Euro pro
    Kubikmeter Beton zu Grunde, fragt man sich was an diesem Klotz 27 Millionen gekostet hat.
    Was war die Idee des Bauhauses, als es 1919 in Weimar gegründet wurde? Eine Vorstellung war,
    die Architektur als Gesamtkunstwerk mit den anderen Künsten zu verbinden. Dazu hat man junge,
    mutige, kreative Menschen nach Weimar geholt. Menschen, die neugierig waren.
    Das Bauhaus stellte damals mit der Zusammenführung von Kunst und Handwerk etwas völlig
    Neues dar. Die Kreativität kannte keine Grenzen. Viele Projekte waren aufgrund der
    technologischen Fertigungsprozesse und Industriestandards mit den damaligen Mitteln jedoch
    nicht zu produzieren.
    Ganz anders heute. Die Fertigungsprozesse haben sich verbessert, neue Werkstoffe sind
    dazugekommen, es gibt 3- D Drucker. Was hätten diese Köpfe von damals heute getan? Mit
    Sicherheit nicht so ein Museum gebaut!
    Die Provinzialität hat das Bauhaus damals schon nicht länger als 6 Jahre in Weimar halten
    können. Die Weimarer betiteln das Museum schon als Bunker. Ein Bunker hat ja zumindest noch
    eine Funktion gehabt. Den Schutz der Menschen im Krieg vor dem Bombenhagel. Aber dieses
    Museum hat keine Funktion, es ist an Langeweile nicht zu überbieten.
    Bei der derzeitigen kritiklosen Huldigung des Museums werde ich an Hans Christian Andersen
    Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ erinnert. Unkritische Akzeptanz und leichtgläubiges Vertrauen
    auf angebliches Expertenwissen lassen die meisten Menschen verstummen. Nur ein kleines Kind
    an der Hand der Mutter sagt,.. „Mama, ich will da nicht rein“.
    Stellt sich die Frage, wo die kreativen Menschen sind, die in der Lage gewesen wären die
    Bauhaus-Idee zeitgemäß umzusetzen. Oder gibt es die nicht mehr? Aufgezehrt zwischen
    Bauvorschriften, Budgetplanungen und falschen Kompromissen die jede Kreativität wie ein
    schwarzes Loch absorbieren. Am Ende bleiben dann nur der Verwalter einer „Kunst“, deren
    Resultat nun zu besichtigen ist.
    Vielleicht kann ja Amazon oder Zalando das Gebäude einer sinnvollen Verwendung zuführen und
    ein Hochlager z. Bsp. für Damenschuhe mit Größen 36-39 mit Lagerverkauf einrichten.
    Ansonsten wäre das Bauhaus wohl endgültig damit in Weimar beerdigt und hätte eine Gruft gefunden.

    Frank Pulina

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