Geschichtsbewältigung im Osten


Noch ein paar Sätze zur Reeducation. Dieses Mal über die Spezifik dieser Übung im Osten. Josef Stalin lag zwar schon lange unter der Erde, aber die Selbstkritik gab es noch lange nach seinem Tod.

Walther Victor war in der ersten Hälfte der 60er Jahre eine Größe des Weimarer Kulturlebens. Er hatte ein populäres Goethe- und ein Heinelesebuch verfaßt und dadurch Bekanntheit erlangt. Es wurde gemunkelt, er sei ein entfernter Verwandter von Goethes Frau gewesen, was aber ein Gerücht ohne jede Grundlage war. Man konnte damals noch nicht googeln, was die umherschwirrenden Fakenews an ihrer Entstehung auch nicht hinderte. Wenn AKK alle bösen Buben im Internet verortet, so irrt sie. Die Geschwätzigkeit hat sich nur digitalisiert.

Die „Neue Weimarer Zeitung“ veröffentlichte 1962 eine Selbstkritik des Schriftstellers. Solche Selbstkasteiungen waren damals üblich, insbesondere weil Victor einen minderen Grad der Parteimitgliedschaft hatte. Es war nämlich in der Zwischenkriegszeit nicht Bolschewist, sondern Sozialdemokrat gewesen. Gehörte also zu den Verblendeten, die Stalin nicht von Anfang an in blinder Nibelungentreue gefolgt waren. Sozialdemokraten waren damals eine Art politische Untermenschen, vergleichbar mit uns eingebornen Individuen, die der türkische Grünenpolitiker Karabulut heutzutage „Köterrasse“ nennen darf.

„Über der kleinen Arbeitsecke, von der aus ich am Tage die Ausläufer des Weimarer Goetheparks sehe, hängt das Bild eines Mannes, dessen weltgeschichtlicher Tat wir heute gedenken. Mein Freund, der Maler Fritz Dähn hat es gemalt: Lenin. Am Rahmen des Bildes aber hängt, schon solange wie das Bild selbst, ein rotes Halstuch, mit einer Reißzwecke befestigt. Daran ein rot-güldenes Abzeichen mit Spange: das der sowjetischen Pioniere. Vor 45 Jahren, ich war damals 23 Jahre alt, lag ich als Soldat der Armee Wilhelm II. tief in Rumänien. Wenn ich das rote Tuch ansehe, schäme ich mich, wie unsagbar dumm, verdummt ich damals war. Gewiß, ich haßte den Krieg. Ich wußte bereits ganz genau, wie falsch es in der Welt zuging, ich hatte mir bereits den heiligen Schwur getan, mein Leben der Veränderung von Verhältnissen zu widmen, die den Millionenmord des Weltkrieges ermöglichten. Aber als die Botschaft kam, daß Lenin diese Veränderung auf russischem Boden mit der revolutionären Tat begonnen hatte, die Erde ihr Antlitz bereits zu wandeln im Begriff war, da sah ich nur die Hoffnung des Friedens, – das Licht des Lebens! Ich schäme mich meines späten Erwachens zu diesem Licht. Ein Jahr später war ich Soldatenrat, trug die rote Fahne. Hielt ich sie fest genug, trug ich sie furchtlos genug voran, war ich zum Letzten entschlossen, was sie verkündete? Es hätte kein 1933 geben dürfen, zu geben brauchen! Auch ich bin schuld daran, und ich habe diese Schuld teuer bezahlt. An jedem Tag des Gedenkens an den der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution habe ich daran gedacht. Und als die Partei neuen Typs im Geiste Lenins auferstand, da war ich da. Und nun will ich ihrer Sache dienen bis zu meinem letzten Tag.“

Im bürgerlichen Leben kümmerte sich Victor einen Rotz um sein bestelltes Geseiere. Er lief immer im feinen grauen Anzug durch die Stadt, am liebsten in den Parks oder auf dem Weg zu den barocken Schlössern Belvedere und Tiefurt. Er schmarotzte an den feudalen und bürgerlichen Relikten der Weimarer Klassik. Wenn er meinem Vater begegnete, der ihn irgendwoher kannte, wurde über das Wetter und den Stand der Natur gesprochen. Nur keine Politik.

Länder unter Fremdherrschaft sind meistens Refugien des blanken Opportunismus. Das konnte man im ungarischen Gulaschkommunismus genauso studieren, wie im Gierek- Kommunismus in Polen oder in der Ulbicht-Zone. Kaum ein Mensch glaubte was gesagt wurde, aber alle lügelten mit. Ich kannte in meiner Kindheit zahlreiche Nationalsozialist*innen. Die unterschieden sich von der Restbevölkerung vor allem dadurch, daß sie standhaft an ihre Agenda glaubten.

Der Normalo war relativ immun gegen Glauben und Propaganda. Um 1960 kannte jedes Kind den Spruch: „Rechts, rechts, in der Ecke mäffts, links, links, in der Ecke stinkts.“

5 Kommentare zu “Geschichtsbewältigung im Osten

  1. Durchaus richtig, Herr Prabel.
    Trotzdem gibt es gravierende Unterschiede in der Auswirkung der versuchten Gehirnwäsche (im Osten) und der erfolgreichen Gehirnwäsche (im Westen) Deutschlands.

    Im Westen kritiklos und ohne jede Hinterfragung, weil mit materiellem Wohlstand verknüpft, zu einer Individualisierung und Verunklugung der Gesellschaft führend.

    Im Osten, weil existenzberührend, von materiellem Mangel und häufig von Repression begleitet, weshalb die Bürger nur kritisch bzw. mißtrauisch, erfinderisch und solidarisch überlebensfähig waren.
    Und nach wie vor sind.

    Deshalb auch der gravierende Unterschied im Verlangen nach neuen sozialistischen Experimenten in Ost und West.

    Man merkt einfach, dass den Wessis gewisse existentielle Erfahrungen fehlen.

    Diese Unterschiede prägen den gesamten europäischen Osten bzw. den (noch) wohlhabenden und sich deshalb überlegen fühlenden Westen.

    Der Westen hat fertig, aber leider wegen der angefressenen Speckschicht ein zähes Leben.

    • Hinsichtlich Ihrer Teilaussage „…im Verlangen nach neuen sozialistischen Experimenten…“ muss ich Ihnen in der Tat beipflichten.

      Mir dünkt allerdings, dass es sich hierbei großteils um eine Minderheit gutsituierter Rentner als auch deren blutsnahe Nachzucht östlich der Elbe und Werra handelt, welche Ihre Auffassung teilt. Ergo eine Minderheit.
      Selbige wird sich selbstredend der Mehrheit anpassen müssen oder in die ewigen Jagdgründe einfahren.

      Frohen Sphinxt-Abend!

      PS
      Und ja, die „erfinderische“, „misstrauische“ und „solidarische“ Elite können Sie täglich im Discounter Ihrer Wahl sichten.

      In welcher Epoche leben Sie eigentlich?

  2. @ Cindy
    Klasse, ich finde den Ausdruck „Verunklugung“ genau richtig. Um das treffendere Wort Verblödung zu vermeiden. 🤑

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