Was tun angesichts zusammenbrechender Sozialsysteme?

Kardinal Meißner hat wieder einmal alle provoziert. In einem Interview mit der “Stuttgarter Zeitung” warf er Frau Merkel eine falsche Strategie in der Bevölkerungspolitik vor. Statt auf Zuwanderung zu setzen, müssten Frauen “öffentlich ermutigt werden, zu Hause zu bleiben und drei, vier Kinder auf die Welt zu bringen”. SPD, CDU und Grüne reagierten reflexhaft wie der Stier auf das rote Tuch. Also relaxed bleiben und mal sehen, ob Kardinal Meißner rechnen kann. Wir müssen dazu die Demografie mal radikal vereinfachen, um die Sache nachvollziehbar zu machen.

Stellen wir uns einen demografischen Gleichgewichtszustand vor. 50 % Männer und 50 % Frauen, alle sind verheiratet und haben im Durchschnitt mit 20 Jahren pro Familie 2 Kinder bekommen. Das Alter der Leute ist gleichmäßig verteilt. Alle werden 80 Jahre alt. In diesem Gleichgewicht werden jedes Jahr 12,5 pro Tausend Einwohner geboren und genau so viele sterben. Die Bevölkerungszahl ist konstant. Die Bevölkerungszahl ist keine Pyramide, auch kein kopflastiger Atomexplosionspilz, sondern ein Viereck.

 

Männer

Frauen

Gesamtbevölkerung

40 Mio

40 Mio

20 bis 65 Jahre alt

22,5 Mio

22,5 Mio

Bis 20 Jahre alt

10 Mio

10 Mio

Rentner

7,5 Mio

7,5 Mio

Es wären in diesem mathematischen Modell 45 Mio Einwohner im arbeitsfähigen Alter.

Die Praxis weicht von diesem einfachen Modell ab. Zunächst gibt es Krankheiten, so daß Leute früher sterben. Manche leben auch länger. Einige können keine Kinder bekommen. Andere wollen keine Familie und keine Kinder. Es gibt Kriege und Sportarten, die bestimmte Alterskohorten dezimieren. Die Leute bekommen eine unterschiedliche Zahl von Kindern. Es gibt kinderlose Kardinäle und Bundeskanzlerinnen, also unterschiedliche Lebensziele.

Wir gehen trotzdem weiter von diesem stark vereinfachten Modell aus und untersuchen zwei Fälle: Szenario 1 geht davon aus, daß die Frauen arbeiten und mit 20 Jahren 1 Kind bekommen. Fall 2 geht davon aus, daß die Frauen nicht arbeiten und um das Alter von 20 Jahren 4 Kinder bekommen. Wie groß ist die arbeitende Bevölkerung nach 20 und 40  Jahren? Bei Variante 1 gibt es 20 Jahre lang 500.000 Kinder im Jahr, bei Variante 2 beträgt die Zahl 2 Millionen.

Variante 1 (Vollberufstätigkeit) nach 20 Jahren:

 

Männer

Frauen

Gesamtbevölkerung

40 Mio – 10 Mio gestorben + 5 Mio geboren = 35 Mio

40 Mio – 10 Mio gestorben + 5 Mio geboren = 35 Mio

20 bis 65 Jahre alt

22,5 Mio – 10 Mio + 10 Mio

22,5 Mio – 10 Mio + 10 Mio

davon im Arbeitsmarkt

22,5 Mio

22,5 Mio

Bis 20 Jahre alt

5 Mio

5 Mio

Rentner

7,5 Mio

7,5 Mio

Zunächst verringert sich nur die Kinderzahl und damit die Gesamtbevölkerung. Am „Arbeitsmarkt“ ändert sich 20 Jahre lang nichts. Ansonsten lebt die Gesellschaft von ihrer Vergangenheit. Aber das kann nicht ewig so weitergehen. Irgendwann beginnt sich die niedrige Geburtenzahl bei Variante 1 auf den Arbeitsmarkt auszuwirken, und zwar genau nach 20 Jahren. Ab dem 21. Jahr treten nicht mehr 1 Mio. Leute in das Erwerbsleben ein, sondern nur noch 500.000. Und ab dem 21. Jahr werden nur noch 250.000 Kinder im Jahr geboren. Dann wackelt die Rente endgültig.

Variante 2 (Hausfrauenmodell) nach 20 Jahren:

 

Männer

Frauen

Gesamtbevölkerung

40 Mio – 10 Mio gestorben + 20 Mio geboren = 50 Mio

40 Mio – 10 Mio gestorben + 20 Mio geboren = 50 Mio

20 bis 65 Jahre alt

22,5 Mio – 10 Mio + 10 Mio

22,5 Mio – 10 Mio + 10 Mio

davon im Arbeitsmarkt

22,5 Mio

0 Mio

Bis 20 Jahre alt

20 Mio

20 Mio

Rentner

7,5 Mio

7,5 Mio

Auch bei Variante 2 ändert sich am Arbeitsmarkt noch nichts, nur die Zahl der Kinder und Heranwachsenden steigt. Diese Kinder kommen allerdings nach 20 Jahren in das arbeitsfähige bzw. gebärfähige Alter.

Variante 1 (Vollberufstätigkeit) nach 40 Jahren:

 

Männer

Frauen

Gesamtbevölkerung

40 Mio – 20 Mio gestorben + 7,5 Mio geboren = 27,5 Mio

40 Mio – 20 Mio gestorben + 7,5 Mio geboren = 27,5 Mio

20 bis 65 Jahre alt

22,5 Mio – 20 Mio + 15 Mio

22,5 Mio – 20 Mio + 15 Mio

davon im Arbeitsmarkt

17,5 Mio

17,5 Mio

Bis 20 Jahre alt

2,5 Mio

2,5 Mio

Rentner

7,5 Mio

7,5 Mio

Die Zahl der Leute im arbeitsfähigen Alter wird deutlich zurückgehen. Die Zahl der Rentner bleibt immer noch konstant. Ab dem 21. Jahr werden nicht mehr 500.000 Kinder jährlich geboren, sondern nur noch 250.000, weil ja nur noch die Hälfte an 20jährigen vorhanden ist. Die Zahl der erwerbstätigen geht deutlich zurück, während die Zahl der Rentner konstant bleibt.

Variante 2 (Hausfrauenmodell) nach 40 Jahren:

 

Männer

Frauen

Gesamtbevölkerung

40 Mio – 20 Mio gestorben + 60 Mio geboren = 80 Mio

40 Mio – 20 Mio gestorben + 60 Mio geboren = 80 Mio

20 bis 65 Jahre alt

22,5 Mio – 20 Mio + 30 Mio

22,5 Mio – 20 Mio + 30 Mio

davon im Arbeitsmarkt

32,5 Mio

0 Mio

Bis 20 Jahre alt

40 Mio

40 Mio

Rentner

7,5 Mio

7,5 Mio

Ab dem 21. Jahr werden nicht mehr 2 Mio. Kinder geboren, sondern 4 Millionen, weil ja die doppelte Zahl Mütter vorhanden ist. Die Zahl der Rentner bleibt immer noch konstant.

Ab dem 42. Jahr übersteigt die Zahl der Männer im arbeitsfähigen Alter bei der Hausfrauenvariante 2 die Zahl der Leute im arbeitsfähigen Alter bei Variante 1, wo beide Geschlechter Vollzeit arbeiten. Die Zahl der Erwerbstätigen wächst gegenüber der Zahl der Rentner.

Wenn man alle Leute zur Arbeit schickt (wenn man die Inbrunst zur Kenntnis nimmt, mit der die Erwerbstätigkeit der Frau propagiert wird, kann man schon fast von Zwangsarbeit sprechen), dann schrumpft der Arbeitsmarkt nach 40 Jahren deutlich, auch wenn beide Geschlechter zu 100 % Vollzeit arbeiten und jeden Tag drei Überstunden machen. Spätestens dann bricht das Rentensystem vollständig zusammen. Die Alten werden dann in Müllkübeln wühlen. Oder sie werden anderweitig für sich selbst vorgesorgt haben.

Nach dem 30jährigen Krieg stand die Frage nach der Bevölkerungsentwicklung auch. Die deutsche Bevölkerung war kriegsbedingt von etwa 18 auf 6 Millionen zurückgegangen. Um 1800 war wieder eine Bevölkerungszahl von 20 Millionen erreicht, weil die Frauen nicht Vollzeit mit Überstunden gearbeitet haben, sondern neben der Arbeit mehrere Kinder zur Welt gebracht und großgezogen haben. Damals wurde die Bevölkerungsentwicklung übrigens unter Bedingungen hoher Kinder- und Müttersterblichkeit in Ordnung gebracht. Allerdings bestimmten nicht Bundeskanzler und Politiker mit einer Halbwertszeit von 5 Jahren, sondern Fürsten, die im Schnitt 20 Jahre regierten und ihr kleines Reich dann vererbten. Die dachten einfach langfristiger.

Praktisch ausreichen würde ein Mischsystem aus beiden Lebensentwürfen. Denn wenn es nur Mütter mit 4 Kindern gebe, würde die Bevölkerung in 50 Jahren explodieren und man müßte Werbung für Klöster und Ganztagsjobs für Frauen machen. Bei einem Mischsystem könnte sowohl die Bevölkerung wie auch die Zahl der Beschäftigten konstant bleiben oder gemäßigt wachsen. Aber dieses Mischsystem wollen CDU, Grüne und SPD nicht. Sie wollen die Gesellschaft, die Familie, die Wirtschaft, die Sozialsysteme und das Leben durch Zwangsarbeit ruinieren.

Der Ansatz, den Gebärstreik durch Zuwanderung zu kompensieren ist überhaupt nicht verantwortbar, hat bisher nicht funktioniert und ist dazu noch arrogant. Wer gibt den Arbeitgeberbonzen und den Mainstreampolitikern das Recht, sich aus anderen Ländern immer die Besten abzuwerben, die in diesen Ländern auch gebraucht werden? Von überall aus der Welt den Rahm abschöpfen, das funktioniert nicht. Und: Wer geht freiwillig in ein Hochsteuerland wie Deutschland, wo sich arbeiten wirtschaftlich nicht lohnt und wo auch noch schlechtes Wetter herrscht? Die Medien behaupten, junge Spanier und Griechen würden Deutschland wieder verlassen, bevor ein Jahr rum ist. Kein Wunder bei einem Winter, der von Oktober bis April dauerte. Es ist viel einfacher Unterqualifizierte aus aller Herren Länder anzulocken, als Hochqualifizierte. 

Derzeit erkennen die Politiker, daß das Rentensystem wegen zu wenig Nachwuchs kollabieren wird. Statt für mehr Geburten zu sorgen, um übermorgen eine vernünftige Alterspyramide zu erreichen, werden die Frauen als letzte Reserve in die Schlacht um ausbleibende Sozialbeiträge geworfen.

Kurzfristig können die Arbeitgeberfunktionäre und ihre Befehlsempfänger aus den Medien und der Politik mit Kardinal Meißner nichts anfangen, weil nach seinem Vorschlag die Zahl der Arbeitskräfte erst mal zurückgehen würde. Und damit die Sozialbeiträge und Renten. Mittelfristig liegt er mathematisch aber richtig. Und langfristig sowieso. Es konnte auf Dauer noch nie jemand ernten ohne zu säen. Die nächsten 40 Jahre werden für die Rentner so oder so kein Zuckerschlecken. Danach könnte alles wieder im Lot sein, wenn die Politiker mal anfangen würden wie Investoren zu denken. Daß sie vernünftig handeln werden ist unwahrscheinlich. Darum sollte man die Altersvorsorge in die eigene Hand nehmen – mit Kindern, einem Garten, Kleinwald, einer selbstgenutzten Immobilie. Und wenn es ein bißchen Luxus sein soll mit Edelmetallen.