Das Lesen zwischen den Zeilen

von Manfred Haferburg

In der DDR war ich so eine Art Masochist. Ich tat mir jeden Tag das „Neue Deutschland“, das Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands an. Die täglich dort dargebotene Wirklichkeitsverweigerung, die verkappten Lügen, die Jubel-Halbwahrheiten und das Totschweigen führten bei mir zu einem Adrenalinausstoß, den ich mit dem gruseligem DDR-Kaffeemix niemals erreichen konnte. Und über die Jahre lernte ich etwas ganz Wichtiges im Umgang mit Medien: wichtiger als das was geschrieben ist, war das was nicht geschrieben war. Die fehlenden Informationen konnte ich mir leicht beim klassenfeindlichen Deutschlandfunk beschaffen und mich dann so richtig über die Verlogenheit der offiziellen Mitteilungen ärgern. So lernte ich das perfekte „Lesen zwischen den Zeilen“. Eine Fähigkeit, die mir erhalten geblieben ist.

Die Fähigkeit des Lesens zwischen den Zeilen ist mir heute wieder sehr nützlich. Zwar ist der Kaffee ungleich besser geworden, aber der Adrenalinstoß beim Konsumieren der Medien stellt sich in den letzten Jahren immer öfter ein. Es ist das bekannte Ärgern über den medialen Versuch, mich für dumm zu verkaufen. Und wieder ist es das Wichtigste, was da nicht geschrieben oder gesagt wird.

Heute ist es das Internet, was die fehlenden Informationen liefert. Da gehen in Paris 1,5 Millionen Menschen friedlich für die Familie demonstrieren und es ist den deutschen Medien kein Wort wert. Da werden Parks und Straßenzüge in Deutschland von Drogendealern in rechtsfreie Räume umgewandelt und in mancher S-Bahn ist man seines Lebens nicht mehr sicher, doch die Medien finden einen Kriminologen, der das Problem wegstatistikt. Da sind Innenstädte von Bettelbanden und jugendlichen Taschendieben geflutet und die Zeitung erklärt mir, dass das Ärzte und Ingenieure sind, die zu uns kommen, um  unsere Renten zu erarbeiten. Da wird gar die Zwangsfernsehgebühr vom Staatsfernsehen zur „Demokratieabgabe“ hochgejubelt.

Nun ist es nicht mehr die Abteilung „Agitation und Propaganda“ des SED-Zentralkomitees, die dafür sorgt, dass die Massenmedien ein Instrument zur Durchsetzung der Politik der SED sind. Nein, heute ist es die Beflissenheit und Selbstzensur vieler politisch korrekter Journalisten. Sie sind angetreten, nur ja dafür zu sorgen, dass Ihre gut gemeinten Ziele nicht durch abweichende Meldungen beeinträchtigt werden. Die Beglückungsideen politischer Tagträumer dürfen nicht konterkarieren werden. Eventuell vorhandene Vorurteile nicht geschürt oder vermeintliche Klischees tumber Stammtischproleten dürfen nicht bedient werden. Der Zeitgeist mogelt den moralisch erhobenen Zeigefinger in die Artikel und Sendungen.

Da wird schon mal wohlmeinend eine Statistik uminterpretiert oder eine abweichende Meinung im Namen der Netiquette wegzensiert. Die Werkzeuge heißen Totschweigen, Kleinreden, Uminterpretieren, Verunglimpfen, Hochjubeln und Lügen. Die Aktuelle Kamera und das Neue Deutschland lassen grüßen.

Das führt auf lange Sicht dazu, dass veröffentlichte Meinung mit der öffentlichen Meinung kollidiert. Immer wenn das in den Medien aufgezeigte Bild zu weit von der eigenen Wahrnehmung abweicht, reagiert die sich gefoppt fühlende Öffentlichkeit gnadenlos, Manipulationsversuche werden als solche enttarnt und als Umerziehungsmaßnahmen interpretiert. Und wer kauft schon eine Zeitung, die, anstatt zu unterhalten und zu informieren, umerziehen will. Daher kommt das viel beklagte „Zeitungssterben“. Wir haben nämlich neben der Medienkrise eine handfeste Glaubwürdigkeitskrise der Medien. Die Öffentlichkeit ist zutiefst frustriert über die wohlgemeinten Versuche, die Welt so darzustellen, wie sie idealerweise sein sollte. Wenn die Illustrierten schreiben: „Unsere Erde ist rund“, dann weiß heute jedes Kind: „Unsere Erde ist eckig“ – um es frei nach Biermann zu sagen.

Was wundert es einen da, das ausgerechnet im Osten Deutschlands die Volksseele überkocht. Sitzen doch dort die geübtesten „zwischen den Zeilen-Leser“. Und die haben oft das Gefühl, dass sie aus der Zukunft kommen, wenn sie die Morgenzeitung aufschlagen und den neuesten Bericht über eine Wundertechnologie lesen, welche demnächst die Energiewende doch noch zum endgültigen Erfolg führt, oder dass ein „25igjähriger Mann“ bei einem Streit zweier Familien mit einer Pistole schwer verletzt wurde. Über die alltäglichen noch viel krasseren Fälle von Desinformation soll hier gar nicht geredet werden. Der Leser hat den Eindruck, dass die Wahrheit auf der Strecke bleibt und reagiert unfroh. Das wiederum frustriert die Journalisten und sie schlagen mit der Populismuskeule um sich, ohne zu bemerken, wie hoffnungslos besserwisserisch und arrogant ihre erzieherische Attitüde wahrgenommen wird. Die beflissenen Journalisten bemerken in ihrem Eifer gar nicht, dass sie Öl ins Feuer gießen und womöglich gerade das erzeugen, was sie unbedingt vermeiden wollen.

Liebe Journalisten, lasst Euch raten: gut gemeint ist das Gegenteil von gut. Ihr seid KEINE Meinungsmacher, denn Meinungsmacher sind Manipulatoren. Vertraut euren Lesern ein bisschen mehr, sie sind keine tumben Stammtischparolenbrüller. Seid redlich, lasst keine unbequemen Wahrheiten weg, dichtet keine wünschenswerten Unwahrheiten herbei. Lasst ein bisschen nach in eurem missionarischen Eifer. Dann zahlen die Leser auch wieder für eine Zeitung, weil es erhellend ist, sie zu lesen. Die Leute denken sowieso, was sie wollen. Und darauf haben sie sogar ein Recht.