Gastbeitrag: Das Wunder von Erfurt

Eine Parabel aus dem Land der Sieben Zwerge

Ein Mann stand mitten auf der Straße. Er trug nichts als ein langes weißes Hemd. Keiner der Vorübereilenden nahm von dem Mann Notiz. Nur ab und zu schaute eine Frau hin. Doch weil es nichts zu sehen gab, ging auch sie weiter.

Am nächsten Morgen war der Mann immer noch da. Man sah jetzt, dass er nackte Beine hatte. Das lag nicht daran, dass das Hemd kürzer geworden wäre. Nein, das war es nicht. Der Mann war über Nacht gewachsen. Nun schauten die ersten Frauen etwas genauer hin. Ein großer Mann mit nackten Beinen will schließlich betrachtet sein.

Am dritten Tag stand der Mann immer noch auf der Straße. Er war weiter gewachsen. Nun war das Hemd so kurz, dass es mit Mühe seinen Bauchnabel bedeckte. Deshalb stieg das Interesse der vorübergehenden Frauen. Viele blieben stehen und sahen auch mehr als nur einmal hin.

Am vierten Tag schließlich war der Mann nicht mehr allein. Er war umringt von Frauen, die es ihm nachgemacht hatten. Auch sie trugen nichts als ein weißes Hemd. Was die Frauen unterschied, war die Länge der Hemden. Darunter auch einige, die sehr kurz waren. Nun blieben auch die Männer stehen. Man kann es verstehen.

Am fünften Tag schließlich war die Straße schwarz vor Menschen. Männlein und Weiblein in weißen Hemden unterschiedlicher Länge. Der Verkehr stockte und das normale Leben erstarb. Im Regierungspalast wollte der Ministerpräsident wie immer mit dem Regieren beginnen. Es ging nicht. Niemand hatte ihm einen guten Morgen gewünscht. Niemand hatte ihm gesagt, was er heute regieren sollte. Nicht einmal die Minister waren zum Regieren erschienen. Da war der Ministerpräsident ratlos. Eine solche Situation war in der Geschäftsordnung nicht vorgesehen.

Da traf der Ministerpräsident eine Entscheidung. Er griff zum Telefon. Das hatte er ohne Kabinettsbeschluss noch nie getan. Er rief den Intendanten des Fernsehens an. Der meldete sich sofort. Aber auch er wusste nicht, was los war. Weil er aber nicht wollte, dass der Ministerpräsident das merkte, sagte er: „ Das sind wir der öffentlichen Meinung schuldig.“ Dem Ministerpräsidenten lag auf der Zunge „Du Esel“ zu sagen. Doch er sagte lieber nichts und legte auf.

Weil er jetzt schon Übung hatte, fasste der Ministerpräsident den nächsten Entschluss. Er beschloss, selbst nachzusehen, was los war. Er sah aus dem Fenster des Regierungspalastes. Auf dem weiten Platz davor standen sie dicht bei dicht in ihren weißen Hemden. Und, weil er gerade beim Beschlüssefassen war, beschloss der Ministerpräsident vor die Tür zu treten und die Leute selbst zu fragen, was sie da täten.

Der Ministerpräsident konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal zu Fuß gegangen war. Er stellte zu seiner Erleichterung fest, dass er es noch konnte. Er ging mit offenen Armen auf die Leute vor dem Regierungspalast zu. Aber niemand nahm ihn zur Kenntnis. Auch kamen ihm die andern schrecklich groß vor. Er reichte kaum bis zum unteren Rand ihrer weißen Hemden. Er blickte das eine oder andere Mal diskret hin. Dann wandte er sich ab.

Der Ministerpräsident ging zu der Bank vor dem Regierungspalast zurück. Da saß sonst nie jemand. Auch heute saß da keiner. Der Ministerpräsident begann sich zu entkleiden. Er spürte Erleichterung, als er den italienischen Designeranzug ordentlich auf die Bank gelegt hatte. Er mochte den sowieso nicht, weil er unter den Armen kniff. Bald stand der Ministerpräsident im weißen Unterhemd da, das ihm seine Frau morgens rausgelegt hatte. Erneut ging er auf die Leute zu. Er mischte sich unter sie. Plötzlich konnte er verstehen, was sie sagten. Er fühlte sich so eins mit ihnen, dass ihm die Tränen kamen.

Am kommenden Morgen wachte der Ministerpräsident wie gewohnt in seinem Bett auf. Der italienische Designeranzug lag bewegungslos da und wartete darauf, den Ministerpräsidenten unter den Armen zu kneifen. Doch er blieb liegen, wo er war. Der Ministerpräsident putzte ausgiebig seine Zähne, lächelte seinem Ministerpräsidentenspiegelbild längere Zeit glücklich zu und schlüpfte in sein Unterhemd. So trat er aus der Haustür. Auf der Straße wurde er festgenommen.

©Helmut Roewer, Zeichnung Bernd Zeller, März 2020