700 Intellektuelle beten eine Windmühle an
Die Zeiten ändern sich. Früher beteten die Künstler einen Öltank an, heute eine Windmühle. Bert Brecht wütete gegen Elektrizität, während Lenin sie vergötzte. Das war wieder mal mangelnde Parteidisziplin.
1926 stellte Bert Brecht ein Spottgedicht über den technischen Fortschritt her. Der Hintergrund ist folgender: Die Intellektuellen der Jugendbewegung waren insbesondere nach 1880 technikfeindlich und naturvernarrt. um 1925 gab es erste Lockerungsübungen. Im Zuge der Neuen Sachlichkeit wagten es einige Intellektuelle die Technik nicht mehr so heftig zu geißeln.
Die Schneise von den Wandervögeln zur sozialistischen Technikbegeisterung wurde bereits vor 1933 und nicht wie man vielleicht vermuten könnte nach 1933 geschlagen. Bei den italienischen Futuristen reimte sich schon 1909 amore auf motore, auch Ernst Jünger hatte 1929 in „Feuer und Blut“ den Weg von der Technikfeindlichkeit Nietzsches zur Technikbegeisterung Hitlers vorweggenommen:
„Ja, die Maschine ist schön, sie muß schön sein für den, der das Leben in seiner Fülle und Verhältnismäßigkeit liebt. Und in das, was Nietzsche, der in seiner Renaissancelandschaft für die Maschine noch keinen Raum hatte, gegen den Darwinismus gesagt hat, daß das Leben nicht nur ein erbärmlicher Kampf ums Dasein, sondern ein Wille zu höheren und tieferen Zielen ist, muß auch die Maschine einbezogen werden. Sie darf uns nicht nur ein Mittel zur Produktion, zur Befriedigung unserer kümmerlichen Notdurft sein, sondern sie soll uns eine höhere und tiefere Befriedigung verleihen. Wenn das geschieht ist manche Frage gelöst. Der kümmerliche Mensch, der in ihr plötzlich seine Ganzheit statt einer zweckmäßigen Zusammensetzung aus Eisenteilen sieht, der Stratege, der sich vom Banne des Produktionskrieges loszulösen strebt, sie sind an dieser Lösung ebenso tätig wie der Techniker und der Sozialist.“
Kein Mittel zur Produktion, sondern ein Mittel zur Kriegführung sollte die Maschine sein, Jünger war Soldat. „Erst unsere Generation beginnt sich mit der Maschine zu versöhnen, und in ihr nicht nur das Nützliche, sondern auch das Schöne zu sehen.“
Das mußte den Kommunarden Brecht ärgern. Er replizierte:
700 Intellektuelle beten einen Öltank an
1
Ohne Einladung
Sind wir gekommen
700 (und viele sind noch unterwegs)
Überall her, wo kein Wind mehr weht
Von den Mühlen, die langsam mahlen, und
Von den Öfen, hinter denen es heißt
Daß kein Hund mehr vorkommt .
2
Und haben dich gesehen
Plötzlich über Nacht
Öltank .
3
Gestern warst du noch nicht da
Aber heute
Bist nur du mehr .
4
Eilet herbei, alle!
Die ihr absägt den Ast, auf dem ihr sitzet
Werktätige!
Gott ist wiedergekommen
In Gestalt eines Öltanks .
5
Du Häßlicher
Du bist der Schönste!
Tue uns Gewalt an
Du Sachlicher!
Lösche aus unser Ich!
Mache uns kollektiv!
Denn nicht, wie wir wollen:
Sondern, wie du willst
6
Du bist nicht gemacht aus Elfenbein
Und Ebenholz, sondern aus
Eisen .
Herrlich! Herrlich! Herrlich!
Du Unscheinbarer!
7
Du bist kein Unsichtbarer
Nicht unendlich bist du!
Sondern sieben Meter hoch .
In dir ist kein Geheimnis
Sondern Öl .
Und du verfährst mit uns
Nicht nach Gutdünken noch unerforschlich
Sondern nach Berechnung .
8
Was ist für dich ein Gras?
Du sitzest darauf .
Wo ehedem ein Gras war
Da sitzest jetzt du, Öltank!
Und vor dir ist ein Gefühl
Nichts .
9
Darum erhöre uns
Und erlöse uns von dem Übel des Geistes .
Im Namen der Elektrifizierung
Der Ratio und der Statistik!

Wenn ich den Autor raten müßte, würde ich auf Böhmermann tippen: banal und ohne Humor.