Mehr Schein als Sein
„Bundeskanzler beantragt Einstufung der Bundesrepublik als Großmacht“, titelt die Zellerzeitung in ihrem heutigen Leitartel. Aber ist der Buka damit auf dem richtigen Gleis?
„Mehr sein als scheinen“ war ein preußischer Grundsatz, der Authentizität, Bescheidenheit und Substanz über bloße Selbstdarstellung stellte. Er galt bis der ehrgeizige und großkotzige Wilhelm II. an die Macht kam.
Der Wahlspruch wurde durch den preußischen Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke (1800–1891) geprägt, der für seine Zurückhaltung und hohe Leistungsbereitschaft bekannt war. Das Gegenteil ist „Mehr Schein als Sein“, was auf Täuschung, Hochstapelei oder Größenwahn hinweist.
Bis 1890 ging es mit Preußen – mit einer Unterbrechung 1806 bis 1813 – aufwärts. Großsprecherei war noch unter Reichskanzler v. Bismarck verpönt. Man war sparsam und effizient. Sicher, Friedrich II. gönnte sich Sanscussi, aber verglichen mit Paris und Dresden sowie einigen kleiner Höfen in Deutschland war sein Auftritt bescheiden.
Das änderte sich 1890, als die Flottenrüstung begann, als man in die Welt herausposaunte, daß man auch seinen Platz an der Sonne haben wollte und sich vom Kaiser großartigen Zeiten entgegenführen ließ. Die geopolitische Lage zwischen zwei Machtzentren hätte mehr Ruhe und Besonnenheit verlangt.
Immer wieder verursachte Wilhelm durch impulsive Äußerungen internationales Misstrauen. Ob bei seinem Besuch in Damaskus 1898, wo er sich zum Ärger der in Arabien präsenten Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien als Freund der 300 Millionen Mohammedaner outete oder am 28. Oktober 1908, als er in „The Daily Telegraph“ folgende Erklärung abgab:
„Deutschland ist ein junges und wachsendes Reich. Es hat einen weltweiten, sich rasch ausbreitenden Welthandel. Ein berechtigter Ehrgeiz verbietet es allen vaterländisch denkenden Deutschen, diesem irgendwelche Grenzen zu setzen. Deutschland muß eine machtvolle Flotte haben, um seinen Handel und seine mannigfachen Interessen auch in den fernsten Meeren zu beschützen. Es erwartet, daß diese Interessen wachsen, und es muß fähig sein, sie machtvoll in jedem Viertel des Erdballs zu schützen. Deutschland blickt vorwärts, sein Horizont erstreckt sich weit, es muß gerüstet sein für alle Möglichkeiten im fernen Osten. Wer kann im voraus wissen, was sich in kommenden Tagen im Stillen Ozean ereignen mag, Tagen, nicht so fern, als man glaubt, aber Tagen, in jedem Falle, für die alle europäischen Mächte mit fernöstlichen Interessen sich mit Festigkeit vorbereiten sollten. Siehe den vollendeten Aufstieg Japans. Denken Sie an das mögliche nationale Erwachen von China und dann urteilen Sie über die weiteren Probleme des Stillen Ozeans. Nur auf die Stimme von Mächten mit starken Flotten wird mit Achtung gehört werden, wenn die Frage der Zukunft des Stillen Ozeans zu lösen sein wird. Und schon aus diesem Grunde muß Deutschland eine starke Flotte haben.“
In diesem Überschwang kam von 1890 bis 1914 keine berechenbare und kohärente deutsche Außenpolitik zustande. Mal hegte man Symphatien zu Russland gegen England, was den Interessen Österreichs und der Türkei widersprach, die der russischen Weltmacht auf dem Balkan und an den Dardanellen den Weg verlegten, mal spielte man die Österreichische und Türkische Karte, ohne die konsequente Annäherung an England zu suchen. Flottenrüstung und Bagdadbahn ärgerten England, die Rückendeckung für das Habsburgerreich und die Türkei ärgerte Russland. Deutschland schuf sich seine Welt von Feinden, seine Einkreisung selbst durch Übermut, Unüberlegtheit und Ungeschick.
Rückblickend schrieb Kronprinz Wilhelm 1923 in seinen Erinnerungen. „Als ich, bald nach jener Zeit der Arbeit im Reichsmarineamt, mehr und mehr auch in die Probleme der äußeren Politik des Reiches eindrang, fand ich immer wieder die von mir schon auf meinen Reisen beobachtete Tatsache bestätigt, dass unser Vaterland in der ganzen Welt wenig beliebt, vielfach geradezu verhaßt war. Abgesehen von der uns verbündeten Donaumonarchei, und etwa von den Schweden, Spaniern, Türken, Argentiniern mochte uns eigentlich niemand recht leiden. (…) Aber nicht Missgunst gegen die deutsche Tüchtigkeit allein hat uns die Abneigung der großen Mehrheit eingetragen; wir hatten es auch verstanden, uns durch weniger gute Eigenschaften, als Tüchtigkeit ist, missliebig zu machen. Unklug ist es, wenn sich ein Einzelner oder ein Volk in seinem Vorwärtsstreben über Gebühr vorlaut vordrängt; Misstrauen, Widerstand, Abwehr und Feindschaft werden dadurch geradezu herausgefordert. In diesen Fehler sind wir Deutschen amtlich wie persönlich nur zu oft verfallen. Das offenbar herausfordernde, laute Auftreten, das alle Welt bevormundende, fortwährend belehren wollende Gebaren mancher Deutschen im Auslande fiel den anderen Nationen auf die Nerven. Es richtete im Verein mit Torheiten und Geschmacklosigkeiten, die sich auf der gleichen Linie bewegten und die im Lande von führenden Persönlichkeiten oder von leitenden Stellen ausgingen und draußen hellhörig empfangen wurden, großen Schaden an.“
Diesen großen Schaden haben drei nacheinander gewählte Bundeskanzler seit 2010 wieder angerichtet. Die Außenpolitik richtete sich nicht mehr nach der sinkenden kommerziellen Kraft des Bundes, sondern phantasierte sich eine Potenz zusammen, die es immer weniger gab. Das ist zunehmend peinlich Merz ist ein wilhelministischer Traumtänzer.
Beitragsbild aus Zellerzeitung
