Die Stadt ist was für Besserverdienende
In der vergangenen Woche bin ich dreimal ins Tal nach Weimar gefahren, Was ich da an Parkgebühren bezahlt habe raubt den Verstand. Meine Rente ist, wenn ich die Versicherungen, die Steuern, Wasser, Abwasser, Strom, Geschwindigkeitsstrafen, Müll, GEZ und Telefon gezahlt habe, etwa Mitte Juni alle. Eigentlich gehts nur, weil ich neben der Rente noch andere Einkünfte habe. Ein Normaler kann sich Weimar schon lange nicht mehr leisten. Meine Jugendfreunde sind inzwischen wie ich fast alle in die umliegenden billigen Dörfer gezogen.
Ein Nachbar hat auf einem EDEKA-Parkplatz beim Krankenhaus zehn Minuten zu lange gestanden: 72 Euro Strafe. Grad ist ein Neuer zu uns aufs Dorf gezogen. In Weimar hatte er 3.000 € Miete gezahlt. Also nicht im Jahr, sondern im Monat. Eigentumswohnungen wurden in dem Ilmathen mit über 4.000 € pro Quadratmeter verklingelt.
Wenn man sich die Bodenrichtwerte ansieht, wird einem schwindlig. In Weimar werden stellenweise 900 € erreicht, in Jena ist das ungefähr der Mindestwert. Die Grundsteuer B (bebaute/unbebaute Grundstücke) beträgt in Weimar skandalöse 480 v. H., die Gewerbesteuer: 430 v. H. Die Hundesteuer für den ersten Hund beträgt 60 €. Meine Freundin hatte ihren Pickup auf einen öffentlichen Parkplatz gestellt und die Seitentür hatte danach Dellen. Da merkt man, daß es sich nicht nur um eine Beamten- sondern auch um eine Kultur- und Studentenstadt handelt.
Warum geht sich alles so teuer aus? Die Stadt leistet sich per esempio ein Theater, dessen Beschäftigtenzahl verheimlicht wird. Durch Insider weiß ich, daß es etwa 450 sind. Wenn man gut vernetzt ist, weiß man auch, wo der Intendantensamen überall hineingeflossen ist. Lassen wir den löchrigen Vorhang der Diskretion über die verluderten Schlachtszenen der wüstesten Wollust fallen! Zur Goethezeit enthielt der Spielplan nix von Elfriede Jelinek und der Geh. Rath kam mit einem Zehntel des Ensembles aus. Teure Affären und übles Postengeschiebe gabs damals auch schon. Der Herzog schnackselte ab 1801 mit der Schauspielerin Karoline Jagemann, die 1817 Goethe verdrängte und die Intendanz des Hoftheaters übernahm. Ganz schlecht sah sie nicht aus, und sie hatte – glaubt man der Malerei – einen geilen Schlafzimmerblick.
Die Stadtverwaltung beschäftigt 900 Leute, da sind die städtischen Gesellschaften noch nicht bei. Auf 72 Einwohner kommt ein Bediensteter. Das sind neben einem üppigen Etat für politische Schmutzeleien, dem Sitz des Landesverwaltungsamtes und zweier Hochschulen beste Voraussetzungen für die sog. Gentrifizierung der Stadt.
Beitragsbild: Der Geh. Rath und der junge Herzog
