Lustige Anekdoten zur Zonenliteratur

Die WELT beklagt heute den Untergang der DDR-Literatur. Sie war ein glückloses Drumrumgeschreibsel. Gekonnt gelöst wurde die Beschreibung der dekadenten Machtverhältnisse nur im „König-David-Bericht“ von Stefan Heym. Den habe ich mehrmals gelesen. Das wars eigentlich.

Einmal im Jahr gab es in den 80ern in Weimar einen Trödelmärkt. Dort verkaufte ich aus einem Koffer die „Kofferbibliothek der Weltliteratur“, um alles loszuwerden, was nichts taugte. Dazu gehörte „Die Aula“ von Hermann Kant. Das war quasi das Hauptwerk des Wolfram Weimer der Zone.

„Die Aula, vom Schriftstellerpräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik für eine Mark“, rief ich über den Platz. Mir antwortete ein bekannter Weimarer Architekt: „Die Aula, vom Schriftstellerpräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik für 50 Pfennig“. Ich senkte den Preis: „Die Aula, vom Schriftstellerpräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik für einen Groschen“ Der Architekt senkte dann auf einen Pfennig. „Wenn du die Aula vom Schriftstellerpräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik mitnimmst, bekommst du einen Groschen dazu,“ antwortete ich. Das Publikum lachte bei diesem Wettbewerb entzückt, aber ich blieb auf der Aula sitzen, obwohl sie Pflichtlektüre in der Schule war. Jeder wußte halt was die Staatsliteratur für ein Rotz war und niemend traute sich den Müll zu kaufen, wenn Leute in der Nähe waren.

Einmal passierte mir beim Bücherverkauf ein böses Ding: Ich hatte mein Jugendweihebuch „Weltall, Erde, Mensch“ mit zum Markt genommen, und es kam tatsächlich ein etwa 12jähriger Junge und betrachtete andächtig die Schwarte. Nach einer Weile sprach er mich höflich an, und bedauerte, daß er für das Buch nicht genügend Geld mithabe. Ich fragte, wieviel er denn mithätte. Er sagte mir, daß er nur zwei Mark mithätte, und daß das bestimmt zu wenig wäre. Ich gab ihm den Schmarrn für eine Mark und er ging glücklich damit nach Hause. Nach einer Woche ging ich in den Kasseturm ein Bier trinken, und traf Dr. Führer. Dieser berichtete mir voller Schmerz, daß sein zwölfjähriger Sohn auf dem Trödelmarkt ein schreckliches Buch erworben hätte. Es handele sich um das Machwerk „Weltall, Erde, Mensch“, das aus lauter tendenziösen Beiträgen bestünde. „Scheiße !“ dachte ich und gab mich als Verkäufer des üblen Machwerks zu erkennen. Wir mußten beide herzlich lachen, ach wie klein und beschissen ist doch die Welt der Literatur.

Den größten Spaß machten immer die Bücher, die absolut unverkäuflich waren. Ich hatte zum Beispiel ein Aufklärungsbuch aus den 60er Jahren dabei. „Mann und Frau intim“ von Siegfried Schnabl. Mit dem Ruf „scharfe Pornographie, garantiert 3000 Jahre alt“, hielt ich das prüde Machwerk hoch. Aber es war absolut unverkäuflich.

Der Mitarbeiter Heiner S. von der Versuchseinrichtung der Hochschule sah aus wie der würdige Zigarrenraucher, der auf den Dannemann-Schachteln aufgedruckt war. Er baute in der Freizeit gerne an Modellen. In der Buchhandlung „Das Internationale Buch“ lag seit Wochen ein Bildband zum Modellbau im Schaufenster. Dieser Bildband hatte einen Einband, der hauptsächlich in den Farben rot und blau gehalten war. Der Kollege S. schob den Kauf immer wieder auf, weil der Band teuer war. Einmal war er ziemlich betrunken, und nach ein paar Gläschen ist man ja beim Geldausgeben etwas locker. Er ging in die Buchhandlung und kaufte den Bildband mit dem rot-blauen Einband. Am nächsten Morgen kam zum Kater die Enttäuschung. Er hatte im Suff zwar ein Buch mit rot-blauem Einband gekauft, es handelte sich aber um den Bildband „Die Frau im Sozialismus“ von Marlies Allendorf. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Die lieben Kollegen lachten sich fast tot, als das Mißgeschick bekannt wurde.

Im Fach Marxismus-Leninismus gab es drei Kurse: Marxistisch-Leninistische Philosophie, Politische Ökonomie des Kapitalismus sowie des Sozialismus und Wissenschaftlichen Kommunismus. Für Philosophie war Frau Prof. Rommeis zuständig. Sie hatte ein Lieblingsthema, mit dem sie die Studenten jedes Jahr wieder traktierte: Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen. Sie stützte sich in ihren Seminaren auf eine gleichnamige Schrift von Friedrich Engels, und diese Schrift sollten die Studenten mit Eifer lesen. Einmal kam in das Obergeschoß der Thüringischen Buchhandlung in Weimar ein Student. Er machte sich eine ganze Weile ohne Erfolg am Broschürenständer mit den roten Heftchen zu schaffen. Eine freundliche Verkäuferin wollte helfen und fragte ihn nach einer Weile nach seinem Begehr. Nicht ganz sicher hinsichtlich seines Buchwunsches sagte er etwas zögernd: „Ich such den Offen offem Wech zur Orbeit !“ Morgens mußte ich immer an diesem Bücherladen vorbei, wenn ich zur Arbeit ging. Jeden Morgen mußte ich grinsen und dachte: „Der Affe auf dem Weg zur Arbeit“.

Anekdotisch war die Zonenliteratur ganz gut.