Die Zuckerphobie nach 1933 und heute

1879 war Süßes noch nicht mit dem Makel der Ungesundheit behaftet. In dem Drama „Fips der Affe“ reimte Wilhelm Busch:

Dämmrung war es, als Adele
Mit dem Freunde ihrer Seele,
Der so gerne Pudding aß,
Traulich bei der Tafel saß.
„Pudding“, sprach er, „ist mein Bestes!
Drum zum Schluß des kleinen Festes
Steht der wohlgeformte große
Pudding mit der roten Soße
Braun und lieblich duftend da,
Was der Freund mit Wonne sah.

Ich habe aus aktuellem Anlaß mal die KI gefragt, ob 1933 unmittelbar vor der Türe steht. Was die Zuckerphobie betrifft: Eindeutig ja.

Die NS-Gesundheitsführung war stark von der Lebensreform-Bewegung beeinflusst. NS-Ärzte und Wissenschaftler wie der Bakteriologe und NSDAP-Funktionär Werner Kollath prägten Konzepte, die der heutigen Vollwertkost ähneln. Industriell verarbeiteter Fabrikzucker galt in der NS-Propaganda als „totes“, den Volkskörper schwächendes Nahrungsmittel. Er wurde für Karies, Übergewicht und die Schwächung der körperlichen Leistungsfähigkeit verantwortlich gemacht. Statt Zucker und Auszugsmehl forderte das Regime eine Rückkehr zu „natürlicher“ Nahrung. Ein prominentes Beispiel war die Arbeit des Reichsvollkornbrotausschusses ab 1939, der die Bevölkerung unter dem Motto „Rettet das Vollkornbrot“ zu einer vitalstoffreichen, zuckerarmen Ernährung drängen wollte.

Was das Führerpersonal betrifft, gab es natürlich eine Ausnahme. Es war schon damals wie heute, wo für das Volk Gemüse, Pellkartoffeln und Simonsbrot gepredigt wurde, schwelgte Adolf in Süßigkeiten. Zeitzeugen und Berichte schildern, daß er täglich teils bis zu einem Pfund oder mehr Pralinen verzehrte und viel Zucker in seinen Tee oder Wein gab. Er selbst behauptete oft, dass der Zucker eine notwendige Nahrung für seine Nerven sei. Selbst kurz vor seinem Tod soll er noch süßen Kuchen gemampft haben.

Es ist schon sehr interessant, daß ausgerechnet die SPD auf die Zuckersteuer drängelt, die sonst immer der AfD Nähe zum Nationalsozialismus vorwirft. Nun ist sie selbst der Buhmann. Haben die im Willy-Brandt-Haus niemanden, der sich ein bißchen mit Geschichte auskennt? Die SPD begründet die geplante Zuckersteuer wie die NSDAP mit dem Gesundheitsschutz. Angeführt von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil betont die Partei, daß freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie nicht ausreichen, um den Zuckerkonsum zu senken. Na gut, vom „Volkskörper“ schwurbelt der Schlankheitsexperte Klingbeil (der Stern berichtete von fast 100 kg, was einen BMI von 26 ergibt) nicht, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß er etwas ähnliches meint.