Grenzen der digitalen Welt
Die EU träumt von der Abschaffung des Bargelds und vom digitalen Euro. Technikfreaks wünschen sich die Bedienung ihrer Haushaltsgeräte vom Funktelefon aus. Die Energieversorger wollen Kunden per Fernwirkung an- und abschalten können. Der Phantasie von Technik- und Kontrollbegeisterten kennt kaum Grenzen.
Wer denkt, daß seine digitale Infrastruktur „in Ordnung“ ist, nur weil sie heute nicht abgestürzt ist, liegt falsch. Laut Dr. Richard Cook, einem Experten für Systeme und Sicherheit, arbeiten komplexe Systeme permanent im degradierten Modus. Es gibt immer aktive Fehler, immer Teile, die nicht funktionieren, und immer latente Fehler im Code. Der einzige Grund, warum es keine tägliche Katastrophe gibt, ist, daß menschliche Bediener ständig unsichtbar dispatchen und korrigieren.
Cook argumentiert, daß ein katastrophales Versagen in einem komplexen System das Zusammentreffen mehrerer kleiner Fehler erfordert, die für sich genommen harmlos wären. Die Suche nach einer einzelnen Ursache ist eine nachträgliche Vereinfachung, um unsere Angst zu beruhigen. In Wirklichkeit sei das System gescheitert, weil es komplex ist, nicht weil ein Teil kaputt gegangen ist. Komplexität ist der Rohstoff der Gefahr,
Jedes Mal, wenn wir ein Gimmick hinzufügen, um „das System sicherer zu machen“, fügen wir Komplexität hinzu. Diese Komplexität schafft neue Arten des Scheiterns, die es vorher nicht gab. Es ist ein Teufelskreis: Wir versuchen, Komplexität mit mehr Komplexität zu beheben. Am Ende wird das System so unüberschaubar, daß es kein einzelner menschlicher Geist es in seiner Gesamtheit erfassen kann.
Der Einbruch in eine Kryptobörse und die Entfrostung von Lebensmitteln in Kaufhallen sind ebenso wie das Abschöpfen von Daten der Berliner Verwaltung und der AfD Hinweise darauf, daß die Einschläge in die digitale Infrastruktur näher kommen. Wie leicht ist es heute einen Verteilerschrank des Internets, einen Strommasten oder ein Signalkabel der Eisenbahn zu schrótten? was ist vor Hackern noch sicher, die sich der KI bedienen?
Die Krise der Digitalität hat begonnen. Nicht nur mit KI, sondern auch mit billigen Drohnen kann man große Zerstörungen anrichten. Es ist im Interesse der Resilenz eigentlich vernünftig, die Komplexität in vielen Bereichen zu verringern, die Zentralität von Datenströmen auf das notwendige einzudämmen und auf solche Experimente wie den digitalen Euro zu verzichten.
Ein Beispiel für das Zurückrudern: Schweden ist ein Vorreiter des bargeldlosen Verkehrs. Dort beginnt man zu begreifen, daß Bargeld den Reiz hat, daß es auch zur Verfügung steht, wenn der Strom ausfällt, aus welchem Grund auch immer.
Schweden hat am 1. Juli 2026 ein neues Bargeldgesetz in Kraft gesetzt, das eine Pflicht zur Bargeldannahme einführt. Supermärkte und Apotheken sind seitdem gesetzlich dazu verpflichtet, wieder Bargeld anzunehmen. Hintergrund ist ein Umdenken wegen Sicherheitsrisiken wie Krieg, Stromausfällen, Internetpannen oder Cyberangriffen – wie etwa 2021, als hunderte Supermärkte nach einem Hackerangriff lahmgelegt wurden.
Es gibt inzwischen viele Gründe die Komplexität von Systemen zu verringern. Das betrifft die wacklige Energieversorgung, die überbordende Gesetzeskulisse, die übergriffige Datenhamsterung, die komplizierte Verwaltung und vieles mehr.
