Die intolerante Medienwelt


Carin Pawlak mußte im Februar 2014 den Stuhl des stellvertretenden Chefredakteurs des Focus räumen. Letztlich wegen sinkendem Schiff, sprich sinkender Auflage. Sie darf jedoch dann und wann noch für den Focus schreiben. Gestern hat sie das wieder einmal getan. Sie hat Helene Fischer für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Das wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Dann könnte man nämlich die Reden von Joachim Gauck mit dem Hubert-Burda-Preis für junge Lyrik und die Reden Angela Merkels mit dem Franz-Kafka-Literaturpreis adeln.

Pawlak selber hat ihre Reputation als unabhängige und unbestechliche Journalistin durch zahlreiche Preisverleihungen verloren: Mitteldeutscher Journalistenpreis 2002. Ravensburger Medienpreis 2002, Dr. Georg Schreiber-Medienpreis 2008, Auszeichnung beim Hansel-Mieth-Preis 2009, Auszeichnung beim Katholischen Medienpreis 2009. Da sie immer schon politisch korrekt war ist sie seit 2006 Vorjurorin für den Henri-Nannen-Preis, seit  2007 gehört sie der Auswahlkommission der Zeppelin University an. Ein Leben im Preis-Hamsterrad mit preisgesenkten Preiselbeeren beim Preisverleihen und Preisempfangen.

Und nun schlug sie Helene Fischer in niederträchtiger Absicht für den Nobelpreis vor und begann gleich abzulästern:

„Was für ein Jahr! So richtig schön war es nie. Der Songtext „Lieb’ mich! Wir verbrennen, doch das ist egal!“ passt da recht gut in die große Lage. Überhaupt ist „Die Helene Fischer Show“ im ZDF ein Grund, dringend für den Weltfrieden zu beten.“

Und dann macht sich Pawlak weiter über die Texte der Fischern lustig:

„Achtung: „Ich will alles oder gar nichts, ich will hundert Prozent! Kann es sein, dass dieser Wahnsinn uns irgendwann trennt?“, singt Helene Fischer im ZDF.
Da geht noch mehr, und das ist erst mal nicht „Atemlos durch die Nacht“. Sondern: „Barfuß durch das Feuer will ich immer mit dir gehen. Und wenn du morgen gehst, geht mein Herz mit dir!“ Oder: „Küsse auf der Haut wie ein Liebes-Tattoo.“ Wieso bläst gerade jetzt ein atemloses Alpenhorn? Ist doch gar kein Stroh da!

Habt Ihr das gehört, Ihr Friedriche, Johann Wolfgangs, Heinriche, Bertolte und Rainer Marias? Aber vielleicht ist ja gar kein allzu großer Unterschied im lyrischen Miteinander. Quizfrage: Hat Goethe „Lieb’ mich! Wir verbrennen, doch das ist egal“ geschrieben? Oder Helene Fischer „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide“ gesungen? Für den Literaturnobelpreis 2017 reicht das allemal, take that, Bob Dylan! Darauf einen doppelten Hexameter auf Ex!“

Dieser sarkastische Umgang mit den Lieblingsliedern derer, die schon immer hier waren, wäre kein Problem, wenn die Helene-Fischer-Show nicht eine der letzten Bastionen der Popularmusik im Lügenfernsehen wäre. Andreas Gabalier und Helene Fischer, das wars. Hardcore-Volksmusiker wie Stefanie Hertel, Heino, die Schürzenjäger und die Wildecker Herzbuben lasse ich mal außen vor.

Man muß immer bedenken: Für das Fernsehen zahlt ja zwangsweise nicht nur die Elite, sondern auch das sogenannte „Pack“. Und das Pack wegen seiner Anzahl deutlich mehr, als die Medien-, Politik-, Kommunikations- und Kunstwissenschaftler. Das Pack mag Helene.

Die in den Medien herumherrschenden Elitaristen können Leute einfach nicht mehr ertragen, die nicht exakt den gleichen miefigen Stallgeruch haben, als sie selber. Eine intolerante Vernichtungsmaschinerie wird in den Medien regelmäßig in Gang gesetzt, wenn irgend etwas dem selbstdefinierten Zeitgeist nicht entspricht. Eine Art Wanseekonferenz für Lieder, wo beschlossen wird, welche Tonkonserven ins Gesangs-Auschwitz abtransportiert gehören.

Im Sommer 2003 weigerten sich beispielsweise sämtliche deutsche Musiksender, den Nummer-1-Hit „Burger Dance“ von DJ Ötzi zu spielen. Bei dem Titel handelte es sich um ein harmloses Kinderlied, mit einer Aufzählung von Fast-Food-Anbietern.

Ein Lied, das wirklich Spaß macht. Der schwule Musikmoderator Peter Illmann verkündete damals das vernichtende Urteil: „Dieser Song ist eine Unverschämtheit.“ Es brauchte kein staatliches Verbot, sondern nur das Verdikt von intoleranten Gesinnungswächtern um das lustige Lied aus dem ideologietechnisch gleichgeschalteten teutonischen Radio zu verbannen.

In Italien wird „Burger Dance“ in den Sommermonaten dagegen auf jedem Zeltplatz jeden Abend zum Babydance abgespielt. Italien hatte eben nur den relativ toleranten Faschismus und nicht den fanatischen Nationalsozialismus, der sich heute als „Antifaschismus“ tarnt und genauso humorlos ist, wie seine Projektionsfläche. Deutsche Eltern schaffen ihre Kinder im Sommer extra an die Adria, damit sie mal etwas Spaß haben können – unter anderem mit Musik von Ötzi.

Auch Helene Fischer hat es bei den Herrschenden irgendwie verschissen. Weil sie das falsche Pack-Publikum hat? Weil sie die deutsche Nationalmannschaft mit „Atemlos“ begrüßt hat? Weiß nicht warum. Falls sie beim ZDF ausgelistet wird, sollte der Sturm auf die deutsche Medien-Bastille beginnen.

6 Kommentare zu “Die intolerante Medienwelt

  1. Pingback: Schlagzeilen des Tages vom 29.12.2016 › Opposition 24

  2. Naja. Also die Schlagerbranche ist seit jeher (jedenfalls ab Ende der 70er Jahre mit Beginn der NDW) Gegenstand von Spott gewesen. Und sie hat es überlebt. Und Helene Fischer kann gedisst werden soviel sie will. Sie ist und bleibt erfolgreich. Da machen auch die Medien nichts dran. Und was ist in den 80er und 90 Jahren über Musik von Dieter Bohlen hergezogen worden. Hat ihn trotzdem nicht daran gehindert über 200 Millionen Tonträger zu verkaufen. Man kann das so ein bisschen mit der völlig übertriebenen Kritik (Denunziation) der etablierten Parteien an der AfD vergleichen. Je mehr ungerechtfertigt und an der Sache vorbei auf diese eingeschlagen wird, desto erfolgreicher ist sie. Denn: Alles glauben die Leute heute auch nicht mehr. Auch, wenn’s in der Zeitung steht.
    Einen guten Rutsch ins und alles Gute im neuen Jahr!!!
    Lars Bäcker

  3. Carin Pawlak ironisch-bissige Meinung geht für mich in Ordnung.
    Grenzen des guten Geschmacks hat Frau Pawlak nicht überschritten.
    Die Fans von Helene Fischer werdens überleben und das ZDF wird sie sicher nicht auslisten.
    Außerdem gibt es schlimmeres …
    [Ironie an]
    Richtig gruselig war es dagegen bei der ARD, die mit der Ausstrahlung von „Nuhr 2016 – Der Jahresrückblick“ schon mal zeigte, was Gutmenschentum im Endstadium bedeutet.
    Nuhr [sic] schade, dass mein Fernseher an der Wand befestigt war.
    Sonst hätte ich ihn bei laufendem Programm aus dem Fenster geworfen.
    Also den Fernseher.
    Nicht dass das falsch ausgelegt wird …
    [Ironie aus]

  4. Hallo Herr Prabel,

    guter Artikel.

    Was Helene getan hat?
    Sie kann hervorragend singen und spricht deutsch, ist nicht tätowiert, nimmt keine Drogen, ist nicht lesbisch, pädophil und fährt auch nicht betrunken Auto und steht auf die männliche deutsche NATIONALmanschaft.
    Das reicht doch. Oder nicht?
    Nicht? Na außerdem ist ist sie bescheiden, zurückhaltend, hält sich nicht für was besseres…..

    Gruß Paule

  5. Hallo Herr Prabel und wieder einmal danke für den informativen Artikel.

    Mein „Focus“-Abonnement kündigte ich bereits vor Jahren als die Inhalte begannen, immer mehr denen des „Stern“, des „Spiegel“ oder der anderer linker Kampfblätter zu ähneln. Wer braucht einen solchen Journalismus? Ich jedenfalls nicht, und die, die so denken wie ich, werden täglich mehr. Wie heißt es doch so treffend? „Wer zu Grunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall“

    Ach ja, ich mag Helene und ihre Musik sehr. Liedtexte in Deutscher Sprache, blonde Haare… Oh je, war das jetzt mein Rassisten-, Nazi-, Pack- und Dunkeldeutschen-Outing? Ich denke ja.

    Die besten Grüße aus Hessen und alles Gute für das neue Jahr
    Thomas Burk

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