Parallel-Kulti

Vor geraumer Zeit hatte ich erzählt, wie Multikulti im Reich der Habsburger 1918 endgültig gescheitert war. Heute berichte ich nach einer Nahostreise über das aktuelle Zusammenleben der Israelis, nämlich der etwa 75 % Juden und der ca. 21 % Araber in Israel. Araber sind in Israel keine seltenen Exoten. In vielen vorwiegend nördlichen  Gemeinden des Staats stellen sie die solide Bevölkerungmehrheit. Fährt man beispielsweise mit dem Sherut-Taxi von Tel Aviv nach Nazareth fährt man durch einen Wald von Minaretten mit teilweise vergoldeten Hauben. Allah hat es auch gewollt, daß diese frommen Häuser zwischen Bauerngehöften stehen, die den Wohlstand ihrer Bewohner verraten.

In einem multiethnischen Staat wie Israel müssen wir, wenn wir durch die deutsche Propagandamaschine gehirnigewaschen worden sind,  annehmen daß ein wohlintegriertes Multikultiparadies entstanden ist. Anderes können sich die selbsternannten germanischen Eliten aus Medienzaren und Bionadebürgern gar nicht mehr vorstellen. Die Wirklichkeit sieht jedoch differenzierter aus.

Bereits seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts waren einzelne Juden nach Palästina eingewandert, das damals von der Türkei verwaltet wurde. Die wirklich organisierte Einwanderung begann 1906 mit der Gründung Tel Avivs. Das ist also über 100 Jahre her. Nach der Multikulti-Theorie hätten die Juden die arabische Sprache erlernt, die Araber hätten die Einwanderer zu gemeinsamen Gebeten eingeladen, man hätte glaubensübergreifende Dorffeste veranstaltet, Gebetsteppiche und Thorarollen ausgetauscht und sich gegenseitig bereichert. In Moscheen hätte man psalmodiert und vom Dach der Synagogen hätte der Muezzin Halleluja gerufen. Zum Beispiel hätten die jüdischen Zuwanderer von der weit überlegenen arabischen Küche profitieren können und die Araber von den aus Europa mitgebrachten technischen Kenntnissen der Juden.

Es kam aber alles ganz anders. Die Juden wanderten mit fertigen sozialistischen Glaubenssystemen ein und sahen die konservativen Araber als rückschrittlich an.

Vorwärts beim Aufbau des Sozialismus. Foto: Prabel
Vorwärts beim Aufbau des Sozialismus. Foto: Prabel

Man befleißigte sich nicht das arabische als Verkehrssprache zu akzeptieren sondern schuf eine eigene Sprache. Die Einwanderer machten ihr eigenes Ding, und waren wirtschaftlich sehr erfolgreich. Die Araber sahen die zugewanderten Refugies bereits nach kurzer Zeit als integrationsunwillig an. 1921 gab es das erste Judenprogrom in Jaffa mit immerhin 43 Toten.

Seitdem sind fast hundert Jahre vergangen und die Volksgruppen leben weitgehend nebeneinander her. Die Juden sprechen untereinander hebräisch und russisch, die Araber immer noch arabisch.  Die Fernsehsendungen haben keine arabischen Untertitel, sondern russische. Die Kleiderordnung unterscheidet die beiden Volksgruppen ebenso wie die Küche. Während im Autonomiegebiet und im Libanon viele Araberinnen auf das Kopftuch verzichten oder es lediglich als modische Ergänzung zu einer verwestlichten Kleidung gebrauchen, hält sich in Israel der Hidschab (Kopftuch) in Verbindung mit langen islamischen Gewändern hartnäckig. Es scheint so zu sein, daß der Kontakt der Kulturen das Festhalten an der Tradition eher verstärkt als abmildert.  Auch die Küche von eingeborenen und Einwanderern hat sich in 100 Jahren kaum einen Millimeter angenähert, und das obwohl beide Völker schächten und annähernd dieselben Tiere verspeisen.  Lediglich bei den Meeresbewohnern sind die Moslems etwas freizügiger und verzehren auch Tiere, die keine Flossen und Schuppen haben.

Der politische Bereich bestätigt den Trend zur Abgrenzung. Die Araber haben vor wenigen Tagen ihre eigene Partei in die Knesseth, das israelische Parlament gewählt, die immerhin 13 von 120 Parlamentariern stellt. Über die Liste des regierenden Likud ist ein weiterer Araber ins Parlament eingezogen, ein weiterer auf der Liste einer weiteren Partei. Das zeigt den geringen Grad der Verzahnung am besten.

Wo die Politik getrennte Wege geht, da ist auch die Geschichtsschreibung  nicht einer Meinung.  Während Asma Ayyash ein Buch über den Verlust ihrer Heimat in Jaffa geschrieben hat, findet man gerade an diesem Ort ein Museum, wo die Befreiung Jaffas im Jahr 1948 gefeiert wird.

Museumsschild: Foto: Wolfgang Prabel
Museumsschild: Foto: Wolfgang Prabel

Für einen Ausländer, der versucht ist mit neutraler Feder zu schreiben, würde die Darstellung des jüdischen militärischen Erfolgs als Sieg gerade noch durchgehen, aber eine Befreiung?

Gerade wir Deutschen haben den Feiertag der russischen Befreiung 40 Jahre lang mit einem mulmigen Gefühl zähneknirschend über uns ergehen lassen. „Die Befreier von Butter und Eier“ wurde das kommentiert. Warum die Araber ihre militärische Niederlage als Befreiung feiern sollen, erschließt sich gerade mit unserem Erfahrungshintergrund schlecht oder auch nicht.

Alles sieht in Israel nach verfestigten Parallelgesellschaften aus. Das betrifft die Arbeitswelt, den moslemischen Wasserpfeifenclub, der von Juden prinzipiell gemieden wird und das Grillen am Freitagnachmittag. Die Kinder der arabischen Mittelschicht studieren lieber im Ausland, als in Israel. Ansonsten lebt man zusammen wie Hund und Katze: Der jüdische Taxifahrer aus Usbekistan erzählte als erstes von seinen verrückten (crazy) arabischen Nachbarn. Und die arabische Käuferin in einem jüdischen Basarshop giftete den Händler böse an, als der nicht das gewünschte Unterkleid feilbieten konnte.

Wieso unsere Eliten immer eine gelungene Integration mit allseitiger Bereicherung erwarten ist schleierhaft. Sie sollten nach Rußland, auf den Balkan, nach Osteuropa, Belgien, Zypern, Katalanien, den Libanon reisen, oder wenn sie auch noch Recherchen bei schönem Wetter machen wollen, dann unbedingt nach Israel.

Vielleicht  haben Juden und Araber doch mehr Gemeinsamkeiten als sie denken. Beide lieben ihre Heimat so, daß sie nicht mit Photovoltaikteppichen und Windmühlen verschandelt wird. Beide glauben nicht an 60 verschiedene Geschlechter und daß Mann und Frau nur gesellschaftliche Konstruktionen sind.  Beide huldigen nicht dem Multikulti-Weihnachtsmann und jagen keine Sextanten durch die Schulen. Beide schätzen die Familie und treiben den Tierschutz nicht so weit voran, daß er Vorrang gegenüber den Belangen der Menschen hat. Ob das schon reicht an Gemeinsamkeiten?