Baukörper als Herrschaftszeichen

Eine große Welle der Empörung schwappt das zehnte mal durch die Medien. Die AfD wollte doch wieder mal in Buchenwals einen Kranz niederlegen und der Opfer des Konzentrations- und Speziallagers gedenken. Und darf wieder nicht dabeisein. Durch alle Medien wird es breitgetreten. Nun hole auch ich einen Uralteintrag von 2015 vor, der offensichtlich ein Evergreen ist.

Es ist sicher der verkehrte Weg, gleiches mit gleichem vergelten und die architektonische Kulisse der Kranzniederlegungen zu skandalisieren. Aber immer wenn man die Gedenkstätte sieht, überkommt einen Mißbehagen. Wegen der nationalsozialistischen Pylonensemantik des ganzen Bauensembles.

Eingangstor Foto Wolfgang Prabel

Eingangstor
Foto Wolfgang Prabel

Der Glockenturm besteht beispielsweise aus den Baurückständen des nicht mehr fertiggestellten Weimarer Gauforums und die Massengräber mit den dazwischenstehenden Stelen auf der Straße der Nationen sind im Stil des Nationalen Historismus errichtet worden. Statt dieses Ensemble der ästhetischen Verwirrung langsam verfallen zu lassen und etwas neutraleres, dezenteres und intimeres herzustellen, wurde diese Gasse im Geschmack der beiden großen Diktatoren des 20. Jahrhunderts gerade aufwändig restauriert.

Schon „Straße der Nationen“ ist so ein Unbegriff.  Juden waren keine Nation. Und Katholiken beispielsweise auch nicht. Es wurden ja nicht Nationalisten getötet, sondern zwangsweise oder freiwillig zum Wehrdienst eingezogene Personen mit unterschiedlichen Lebenswegen und Gedanken. So eine langweilige Pylonenreihe, wie sie Hitler und Stalin auf ihren Prachtstraßen ständig bauen ließen, ziert diesen Weg. Mit den streng eingefaßten Massengräbern wird jede Individualität der Opfer optisch in Frage gestellt. Da liegen nun im Mauerrring alle einträchtig zusammen, die sich im Leben auf den Tod nicht leiden konnten: Sozialdemokraten, Katholiken, Stalinisten und Juden. Die Krönung: der Turm. Es waren die bereits fertig behauenen Steine für den Campanile des Gauforums, die auf dem Buchenwald zweckentfremdet wurden. Hatten die Erbauer gar kein Gefühl, daß Architektur auch etwas aussagt? Daß die Architekturhinterlassenschaften  Hitlers und Stalins Herrschaftszeichen waren?

Eingang zum Turm Foto Wolfgang Prabel

Eingang zum Turm
Foto Wolfgang Prabel

Es ist durchaus kein Zufall, daß Stalin und Hitler einen ähnlichen Geschmack hatten. Auch Mussolini ließ in Rom-Süd Ähnliches errichten. Eine Mischung aus Grobschlächtigkeit, Stumpfsinn und Klassizismus. Was für Zwangscharaktere.

Als Adolfs und Josefs letzte Rache nimmt man die Gedenkstätte unter architektonischen oder stilistischen Gesichtspunkten wahr. Es wäre sehr teuer das alles zu ändern. Aber man könnte ja wenigstens mal drüber nachdenken und in kleinen Schritten was verfallen lassen. Die Gedenkstättenleitung weicht diesen Themen aus und beschäftigt sich lieber mit Kranzschleifchen, die nach 14 Tagen irgendwo im Müll rumkullern.

Es gibt aber starken Trost: Die wirklichen Opfer sind vermutlich in den Himmel gekommen und die Bolschewiken und Nationalsozialisten in die Hölle. Das kann man mit ägyptisierenden und brutalen Bauformen nicht verhindern und mit betreuten Kranzniederlegungen nicht beeinflussen. Der Liebe Gott arbeitet unabhängig von der Landesregierung, der Gedenkstättenleitung, Frau Knobloch, dem zwangsfinanzierten Staatsfernsehen und den dunkelgrünen Gazetten.