Wirtschaft der Ukraine: Kapitalflucht und Mangel an Reformen

Die Ukraine galt seit dem 19. Jahrhundert als die „Kornkammer Europas“. Das Land ist einer der größten Weizenexporteure der Welt. Etwa ein Drittel der fruchtbaren Schwarzerde-Böden befinden sich in der Ukraine. Das ukrainische Ackerland entspricht gut einem Viertel der Flächen, die es in der gesamten EU gibt. Nahrungsmittel sind das zweitwichtigste Exportgut der Ukraine – nach Eisen und Stahl. Allerdings wird das durch die Grundwasserverordnung und die Düngerpreise wachsende deutsche Weizendefizit nicht durch die Ukraine gedeckt, sondern bisher vor allem aus Frankreich und Tschechien.

Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, die Aktie der Kernel-Holdig zu kaufen, eines Konglomerats im ukrainischen Agrarhandel. 38 % der Aktien gehören Oligarchen, 8 % dem Staat. Man konnte sie sehr günstig für das 2,4 fache des Jahresgewinns kaufen, angesichts der politischen Lage hatte ich mich dagegen entschieden. Mit Recht, wie sich jetzt zeigt.

Die Ukraine hatte 2019 ein BIP von 155 Mrd. $, zum Vergleich hatte Rußland eines von 1.702 Mrd. Pro Kopf der Bevölkerung waren das 3.500 $ in der Ukraine und 11.800 $ in Rußland. Nun ist in diesen beiden Staaten das Einkommen sehr ungleich verteilt. Wie überall im Osten gibt es wegen den zentralistischen Strukturen ein riesiges Gefälle zwischen Hauptstadt und Provinz. Damit verbunden sind die extremen Einkommensunterschiede zwischen Oligarchie und Normalo.

Oligarchien bilden sich immer dann heraus, wenn kaum Wettbewerb stattfindet, wenn der Staat mit Privilegien handelt oder diese schützt. Im späten 18. und im frühen 19. Jahrhundert war das auch in Europa so, abgesehen von England. Etliche Male haben in der Ukraine die Regierungen gewechselt – von rußlandfeindlich zu rußlandfreundlich und umgekehrt – die Oligarchie und der Staatssozialismus sind immer geblieben. Auch die Maden im Speck der Bürokratie überleben jede Wende, die vom Ausland bezahlten Absahner der NGOs sind im letzten Jahrzehnt noch hinzugekommen.

Das zwangsfinanzierte Fernsehen war so dumm, die stockenden Autoströme zu zeigen, welche Kiew verließen. Sowohl auf den Ausfallstraßen, als auch wieder an den Grenzübergängen dominierten die größeren Straßenkreuzer, während auf dem Dorfe kleinere Brötchen gebacken werden. Da fährt man teilweise noch mit dem Einkaufsnetz auf dem Fahrrad aus der Zarenzeit zum Ortsbasar.

Die zwangsfinanzierte von undurchsichtigen Strukturen ferngesteuerte Tagesschau berichtete über Zukunftsträume und das Problem:

Brüssel sieht aber großes Potenzial in der Ukraine und erhofft sich mittel- und langfristig einen Ausbau des Handels mit Kiew. Von den 30 kritischen Rohstoffen wie Lithium oder Kobalt, die die EU identifiziert hat, besitzt die Ukraine alleine 21. Die Europäische Union würde gerne eine Rohstoff- und Batterieallianz mit der Ukraine aufbauen. Zudem könnte die Ukraine zum Wasserstofflieferanten werden.

Angesichts des Rohstoff-Reichtums der Ukraine könnte es verwundern, dass das Land wirtschaftlich nicht viel besser dasteht. Doch Misswirtschaft, veraltete Strukturen, Korruption und die jahrelange Abhängigkeit von Russland haben immer wieder die Wettbewerbsfähigkeit der ukrainischen Wirtschaft gebremst.

„Grundsätzlich hat das Land ein großes Potenzial“, meint Lars Handrich, Geschäftsführer von DIW Econ, einer Beratungsfirma des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Das eine seien die vielen Bodenschätze. Doch es gebe Belastungen der Wirtschaft – durch die hohe Kapitalflucht, einen Mangel an Reformen und einen überalterten Maschinen- und Kraftwerkspark.

Was man die letzten Tage sehen konnte, war statt Kapitalflucht die Flucht der Schönen und Reichen. Wer sich das leisten kann, haut ab, darunter entgegen der Propaganda auch viele Stützen der modernen Gesellschaft. Das Wort „Fortschritt“ präsentiert seine wahre Bedeutung.

 

Grüße an den Inlandsgeheimdienst: „Wer das erste Privilegium erfunden hat, verdient vorzugsweise, so lange im Fegefeuer in Öl gesotten oder mit Nesseln gepeitscht zu werden, bis das letzte Privilegium vertilgt ist. (Johann Gottfried Seume 1763 – 1810. Er war im Sommer 1805 nach Moskau gewandert.)