Unerwartete Wende bei der Altersvorsorge
Vor wenigen Tagen noch war ich davon ausgegangen, daß ein von Finanzintermediären vertriebenes Riester 2.0 für die kapitalgedeckte Altersvorsorge aufgesetzt würde. In letzter Sekunde hat die Bundesregierung das Ruder herumgerissen und will ein gebührenarmes Standardprodukt zum Kunden bringen.
CDU und SPD wollen nun, daß auch Selbstständige von der staatlichen Förderung profitieren können und die Kosten für alle Vorsorgeprodukte bereits bei 1,0 Prozent gedeckelt werden. Abweichend von den bisherigen Plänen soll vermutlich die Bundesbank ein förderfähiges Standardprodukt anbieten.
„Wir gehen von einem transparenten, kostengünstigen Produkt aus, das es insbesondere den Menschen, die bisher nicht am Kapitalmarkt aktiv sind, ermöglichen wird, daran teilzuhaben“, hieß es in einer Mitteilung der CDU und SPD. Die Politik will den Banken, Versicherungen und Maklern zeigen, wie günstig Altersvorsorge in Zeiten von ETFs sein kann, wenn auf das Abakadabra und Simsalabim der teuren Berater, die eigentlich Provisionsjäger sind, verzichtet wird.
Ich war bei einer Sparkasse mal letzter Kunde vor Feierabend und konnte sehen, was für die Mitarbeiter vor einer Betriebsfeier aufgefahren wurde. Dagegen war die Speisung der Mitglieder des Dackelklubs im Film „Voll normaaal“ ein Armenessen. Man hat in der Finanzindustrie dank Provisionen beim Vertrieb ordentlich Speck angesetzt. Nun wüten deren Lobbyisten gegen das Standardprodukt. Es sei keine Marktwirtschaft, wenn man den privaten Vertrieblern die goldenen Teller des widerlichen Riestersystems wegschlägt.
Dem muß man freilich entgegnen, daß Riester mit Marktwirtschaft weniger als nichts zu tun hatte. Es war ein goldener Käfig, den die SPD der Finanzbranche gebaut hatte, um die Kunden auszuplündern und die Bundesanleihen der ausufernden Staatsverschuldung unter die Leute zu bringen, und das auch in Mario Draghis Nullzinsphase. Beide teilten sich die Beute: der ausufernde Staat mit seinen Schulden und die Finanzindustrie.
Man kann der Bundesregierung bisher nichts Gutes nachsagen. Das Standardprodukt wäre die erste und auch die einzige vernünftige Tat in Berlin. Ist es ein heilsamer Schock nach den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz? Sitzt die AfD der Nationalen Front schon so im Nacken, daß sie Angst hat ihre volksfeindliche Politik auf die Spitze zu treiben?
