Gabriel sieht Parallelen zu Weimar
Ich sehe diese absolut nicht. Jahrelang habe ich Dokumente der Weimarer Zeit von 1919 bis 1932 durchkämmt und fast nichts freiheitliches gefunden. Kriegsbedingt entstand seit 1914 eine Staatsökonomie, die nach dem Versailler Diktat teilweise auf Druck der Franzosen, teils aus sozialdemokratischer Überzeugung aufrecht erhalten wurde.
Den Kommunen wurde ihre Steuerhoheit entzogen, die Industrie wurde in Verbands-Zwangsjacken gesteckt und die Bürger verloren ihre Ersparnisse, wenn sie nicht in Sachwerten waren. Grund und Boden wurden zudem mit Zwangshypotheken belastet. Es ist ein Wunder, daß sich ein parlamentarischer Überbau auf dem planwirtschaftlichen Fundament 14 Jahre lang halten konnte. Es lief ohnehin nicht immer alles glatt. 1923 wurde ein Ermächtigungsgesetz beschlossen, das die vollziehende Gewalt an General von Seeckt übergab, ab 1930 wurde durchgehend mit Notverordnungen regiert. Das waren keine Ausweise von Stabilität.
Der wesentliche Unterschied zur BRD bestand aber darin, daß es kulturell und politisch keine Opposition dagegen gab. Es waren im Reichstag zwar genug Beutegemeinschaften vertreten, aber nicht eine einzige davon war freiheitlich. Alle übertrafen sich in Staatsgläubigkeit und Sozialismus. Niemand wollte zu Bismarcks wettbewerbsgetriebener Wirtschaftsordung zurück, obwohl sie den Aufstieg Deutschlands von einem Agrar- zu einem Industrieland ermöglicht hatte. Die Parteien überboten sich gegenseitig in Interventionismus, die Kultur trommelte wie irre für Stalin und Hitler.
„Fahren Sie eine Woche nach Weimar, und sie können den Rest ihres Lebens keine Quadrate mehr sehen.“ So lautete ein zeitgenössischer Witz über das Bauhaus. Dessen Chef Meyer lästerte über die roten, blauen, gelben, grauen, schwarzen und weißen Würfel von Gropius nur und politisierte das Bauhaus. Kommunistische Ideen wetteiferten in Meyers Denkerstirn mit den alten völkischen Ideen des Volkslebens, der Volksseele und der Volksgemeinschaft sowie des neuen Menschen und des jungen Menschen. Auch dem darauffolgenden Chef Mies van der Rohe war jede reformistische Richtung recht: er wollte die „Frankfurter Zeitung“, die „Rote Fahne“ und den „Völkischen Beobachter“ bestellen, um allen reformistischen Richtungen gerecht zu werden. Den sozialdemokratischen „Vorwärts“ oder ein katholisches Blatt gab es im Bauhaus bezeichnenderweise nicht zu lesen. Statt dessen durfte Hans Freyer, der Propagandist der „Revolution von Rechts“ und des „totalen Staats“ im Bauhaus einen Vortrag halten. Gegen jeden demokratischen Luftzug wurden alle Ritzen des Bauhauses abgedichtet, jede totalitäre Kakerlake durfte durch dieselben reformistischen Spalten hereinschlüpfen.
Während die rechten Elitaristen in der Deutschen Rundschau, im Kunstwart und in der Tat publizierten, wählten die Linkselitaristen den Sturm, die Aktion, die Linkskurve und die Weltbühne als Tribüne ihrer Agitation. Walter Laqueur schrieb, dass sowohl die rechte wie die linke Intelligentsia hoffnungslos in Grüppchen zersplittert und ständig in internen Querelen engagiert gewesen sei. Diese Erkenntnis muß man voranstellen, um von vornherein den Eindruck zu vermeiden, dass es sich bei linken und rechten Weltverbesserern um kompromiß- und damit politikfähige Kleingruppen gehandelt habe. Jede dieser Gruppen kämpfte im totalen ideologischen Krieg um ihren eigenen Endsieg. Dabei atomisierten sich die Grüppchen immer schneller, Freundschaften und Bündnisse zerbrachen. Einige der prominenten Personen mit tiefer Verbohrtheit in den eigenen Nabel waren Kurt Hiller, Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Georg Lukacs und Andor Gabor.
Die Weltbühne-Herausgeber Tucholsky und Ossietzky benutzten ihre Zeitschrift als Stalinorgel des geistigen Unflats, um vor allem die Sozialdemokraten, die Zentristen und den Außenminister Stresemann, also alle ohnehin schwachen demokratischen Kräfte zu diffamieren. Die Weltbühne beschwor immer wieder die Aussöhnung mit Frankreich. Aber eben jener Politiker, der diese unpopuläre und notwendige Aufgabe der Aussöhnung mit viel Engagement und angemessenen Erfolgen übernommen hatte, eben dieser Politiker Stresemann wurde in der Weltbühne als gefährlicher als der Stahlhelm attackiert. Die Sozialdemokraten wurden nicht wegen ihren politischen Fehlern gegeißelt, die sie zweifellos machten, sondern in snobistischer Manier für persönliche Unzulänglichkeiten, für ihren Mangel an Lebensart, für ihre Defizite bei höherer Bildung an den journalistischen Pranger gestellt. Ebert war ein Sattler und Gastwirt, Severing ein Schlosser, Scheidemann ein Drucker, Noske ein Korbmacher und Wels ein Polsterer.
So wie jung für Tucholsky per definition fortschrittlich war und alt reaktionär, so war gesund per Dekret gut und krank war böse. Konsequenterweise tadelte Tucholsky Joseph Goebbels nicht wegen seiner Tribunenraserei, sondern wegen Klumpfuß und Psychose. Wegen diesem Jugend- und Gesundheitswahn wurden der junge Faschismus und der gesunde Stalinismus bewundert und gepriesen, und das in traditionellen parlamentarischen Bahnen seinem sicheren Untergang entgegenwankende Deutschland von ganzem Herzen zutiefst gehasst. Tucholsky schrieb 1926 in der Weltbühne:
„Da sind zwei Kräfte in Europa, die ausgeführt haben, was sie wollten: Die Faschisten und die Russen. Der entscheidende Faktor ihrer Siege war die mutige Unversöhnlichkeit.“
Der ganze Machtapparat der Medien war wie heute organisiert. In die Medienzentralen waren elitaristische Kader eingerückt, die den Takt vorgaben. Einzelne Mahner wie der Sozialwissenschaftler Franz Oppenheimer, bei dem der junge Ludwig Erhard studierte, Walter Eucken, Wilhelm Röpke und Friedrich von Hayek wurden nicht gehört, weil es noch kein Youtube und kein X gab, nicht einmal Facebook war am Start. Das Fehlen einer Opposition und von Alternativen war der Unterschied von Weimar zur BRD.
