Der Deckel wird vom Dampfkochtopf fliegen

Noch bedeckt seit drei Wochen der Schnee die Tristesse. Anfangs haben sich alle über die Flocken gefreut, die Leute sind mit Schiern und Schlitten rausgegangen, fast immer unbemerkt oder ignoriert von den bewaffneten Organen. Der Winter war früher die Saison, wo man auf Redutte ging. Die FDJ und der Wirt luden zu 40/60 (der West-Ost-Musikmix) ein, wo fast immer 80/20 draus wurde, ohne daß das Überfallkommando aufkreuzte. Das Ausgehen ist nun schon seit Monaten ausgefallen.

Langsam sehnen sich die Leute nach dem Frühling. Insbesondere die Jugend will nach dem verlorenen Herbst und Winter mal wieder zum Dorfbums oder in die Disco. Und es braucht nicht viel Prophetie: Wenn das Seuchenkabinett nicht zurücktritt, wird es Unruhen geben, wenn es draußen wärmer wird und die Tage länger. Ich tippe spätestens auf April oder Mai.

In den Nachbarländern regt sich erster Mut:

Die ungläubige holländische Regierung hat alles getan ein buntes Völkchen heranzuzüchten, und nun wundert sie sich, daß ihre Befehle ignoriert werden.

Es gibt inzwischen viele Anregungen – auch gerade von Fachleuten – wie der Schutz der Pflegeheime mit der Wiederherstellung von Lebensfunktionen der Jüngeren kombiniert werden kann. Ich denke an solchen Überlegungen führt kein Weg vorbei. Es steht nicht nur der Ausbruch von Mutanten bevor, sondern auch der Ausbruch der Jugend aus der Iso. Darauf müßten sich die NGOs und ihre Regierungsbefehlsempfänger vorbereiten, statt immer neue Durchhalteparolen auszugeben.

Lehrreich ist immer ein Blick in die Geschichte: Ein Beispiel war die Zeit von 1918 bis 1920. Im letzten Kriegsjahr trommelten die Medien mit intensiver Gehiniwäsche für die achte Kriegsanleihe, so wie sei heute für die zwanzigste Shutdownwoche lärmen. Ende Juni und im Juli 1918 erreichte die Spanische Grippe ihren ersten Höhepunkt, was an den  Fronten bis zu 500.000 Krankmeldungen führte. Es kam alles anders als geplant. Staat des köstlichen Siegs mit Paraden, Brandenburger Tor und Girlanden strömten Ende 1918 Millionen Soldaten von der Front nach Hause. Das erste, was sie nach Kälte, Schlamm, Gefahr und Entbehrung taten: Feiern bis zum Abwinken. Selten gab es so viele Redutten, Feiern und Besäufnisse wie nach den beiden Weltkriegen.  Da wurde auf die Spanische Grippe, die einen Zacken schärfer war als Kórona, überhaupt keine Rücksicht genommen. Man schätzt grob 600.000 Grippetote alleine in Deutschland, was insofern fatal war, als meist jüngere Jahrgänge betroffen waren. Trotzdem hätte keine Macht der Welt die aufgestaute Vergnügungssucht eindämmen können.

Stefan Zweig schrieb über seinen Aufenthalt in Salzburg 1919: „Aber das Schwungrad drehte sich, unbekümmert über das Schicksal der einzelnen, hinweg im selben Rhythmus, nichts stand still (…) und gerade die Vergnügungslokale, die Bars, die Theater waren überfüllt. Denn eben durch das Unerwartete, daß das einstmals Stabilste, das Geld, täglich an Wert verlor, schätzten die Menschen die wirklichen Werte des Lebens – Arbeit, Liebe, Freundschaft, Kunst und Natur – um so höher, und das ganze Volk lebte inmitten der Katastrophe intensiver und gespannter als je; Burschen und Mädel wanderten in die Berge und kamen sonnengebräunt heim, die Tanzlokale musizierten bis spät in die Nacht…“

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Seuchenepisode aus der eigenen Jugend. Ich hatte 1972 gerade das Abitur bestanden und der Abijahrgang traf sich am Eingang der Schule um zu feiern. In der Türe stand der Direx Hennecke mit seiner Einsteinfrisur und verkündigte das Feierverbot mit der Begründung einer epidemischen Lage. In der folgenden Stunde zerstreuten sich die Klassen in zahlreiche Partykeller, Wochenends und Gartenlauben und da ging es richtig los. „Privat geht vor Katastrophe“, war damals so ein Spruch.

 

Grüße an den V-Schutz: „Wenn´s nicht geht wie man will, muß man´s tun wie man kann“ (R. v. Rübenstein, Das Turnier zu Venedig, S. 7)

 

Beitragsbild: Transnistrischer Mutant, soeben aus dem BER ausgebrochen. Gemälde von B. Zeller aus ZZ.