Schon wieder: Methan und Tiere

Bereits am 09.11.2014 hatte ich einen Eintrag über den Nicht-Zusammenhang von veganer Ernährung und Methanminderung geschrieben. Zitat daraus:

„Vegetarier behaupten, daß Kühe und Schafe klimaschädliches Methan furzen. Das stimmt sogar. Aber ist es in Afrika nicht egal, ob auf einer Weidefläche eine Kuh vor sich hin gast oder auf einer naturbelassenen Savannenfläche ein Elefant oder ein Zebra? Ist es bei uns in Deutschland nicht egal ob das Reh oder das Schaf auf Grünland weiden? Eins kann man nämlich nicht verhindern: Daß der Aufwuchs einer Grünfläche von irgendeinem Tier gefressen wird. Oder Frau Künast muß mit ihren Kohlrabiaposteln flächendeckend mit Peacemakern Wache stehen und alles niederknallen was sich in der Flur bewegt.“

Nun, acht Jahre später, hat sich auch die Wirtschaftswissenschaft dieses Themas angenommen. Daniel Stelter hat einen Eintrag verfaßt, der die grünen Märchen zerrupft: Er postete Auszüge aus einem Aufsatz, den Professor Windisch mit Gerhard Flachowsky verfasst hat. Unter „bto“ findet man immer die Kommentierung von Stelter:

  • „Es gelangt nur ein kleiner Teil (ca. 10 bis 20 %) der pflanzlichen agrarischen Biomasse überhaupt in den menschlichen Verzehr. Hauptgrund ist der Umstand, dass der überwiegende Anteil der agrarischen Biomasse vom Menschen grundsätzlich nicht essbar ist, wie etwa Biomasse aus Grünland oder aus Zwischenkulturen. Sie stellt einen unvermeidlichen Bestandteil der gesamten agrarischen Erzeugung von Biomasse dar, denn der nachhaltige Anbau von lebensmittelliefernden Pflanzen erzwingt eine Fruchtfolge, die auch nicht essbare Zwischenkulturen enthält. Darüber hinaus sind erhebliche Anteile der landwirtschaftlichen Nutzfläche aus geographischen oder Umweltschutzgründen (Geländetopographie, Abgelegenheit, Niederschläge, Temperatur, Grundwasser, Nähe zu Fließgewässern etc.) nur als Grünland nutzbar.“ – bto: Das bedeutet, dass es nicht zulässig ist zu behaupten, wir könnten, statt Futtermittel zu erzeugen, dort für den Menschen verwertbare Lebensmittel erzeugen.
  • Aber auch bei lebensmittelliefernden Pflanzen (zum Beispiel Getreide) ist nicht einmal die Hälfte der geernteten Biomasse für die weitere Verwendung als Lebensmittel geeignet (zum Beispiel Körner versus Stroh).“ – bto: Wir haben also auch bei dem Hafer, aus dem wir dann Milch machen, einen erheblichen Anteil an Biomasse, die wir nicht verwerten können. Wir haben dann die Optionen: wegwerfen (ganz schlecht, weil dann fehlten die Nährstoffe in der Nahrungskette), aufs Feld werfen (dauert lange bis zur Verrottung), Biogas erzeugen oder Nutztiere füttern. Letzteres steigert das Gesamtangebot an Nahrung.
  • Bei der industriellen Weiterverarbeitung pflanzlicher Verkaufsprodukte in Lebensmittel wie Mehl, Zucker oder Speiseöl beziehungsweise Energieträger wie Biodiesel und Bioethanol oder in sonstige industrielle Wertstoffe entstehen nochmals erhebliche Mengen an Nebenprodukten. Oftmals fallen sogar deutlich mehr Nebenprodukte an als das eigentliche Zielprodukt: Bei Soja etwa ist das Verhältnis 2:1, bei Raps 1,5:1. Diese Rückstände der industriellen Verarbeitung pflanzlicher Verkaufsprodukte stellen zumeist hochwertige Futtermittel dar, die vom Menschen nicht oder allenfalls eingeschränkt essbar sind. Sie werden hauptsächlich in der Ernährung von Geflügel, Schweinen und hochleistenden Wiederkäuern eingesetzt und bestreiten knapp die Hälfte des global gehandelten Mischfutters.“ – bto: Wer also pauschal die Erzeugung von Tierfutter kritisiert, versteht nicht, woher das Futter kommt.
  • Außerdem liefern die Tiere wichtigen Dünger: „Die Fütterung von Nutztieren generiert Exkremente, die einen Großteil der in der Biomasse fixierten Pflanzennährstoffe (Stickstoff, Phosphor etc.) über Wirtschaftsdünger in einer hochverfügbaren Form wieder zurück auf die landwirtschaftliche Nutzfläche bringen. Damit sind Nutztiere fundamental an der Aufrechterhaltung des agrarischen Nährstoffkreislaufs beteiligt und können in erheblichem Umfang Mineraldünger ersetzen.“ – bto: Verzichten wir auf die Tiere, müssen wir energieintensiv Kunstdünger erzeugen!
  • Die effiziente Transformation von Biomasse durch Nutztiere setzt voraus, dass das Futter hinsichtlich aller essenzieller Nährstoffe hochwertig und ausbilanziert ist. Zu diesem Zweck werden vielfach Futtermittel zugekauft, etwa Eiweißfuttermittel wie Soja- und Rapsextraktionsschrot oder Mineralfuttermittel, die zum Beispiel Phosphor enthalten. Sie generieren im Zuge der tierischen Transformation wiederum Wirtschaftsdünger. Dieser indirekte Import an Pflanzennährstoffen durch zugekaufte Futtermittel ist per se nicht negativ zu beurteilen, denn er kann den Export an Pflanzennährstoffen aufgrund des Verkaufs von agrarischen Produkten kompensieren. Erst bei hohen Importraten gerät der Nährstoffkreislauf zwischen der Tierhaltung und der pflanzlichen Primärproduktion aus dem Gleichgewicht.“ – bto: Das ist aber zu steuern und etwas anderes als das pauschale „Kein Fleisch“-Mantra.
  • Im Zusammenhang mit der Erzeugung von Lebensmitteln tierischer Herkunft muss auch die Nahrungskonkurrenz von Mensch und Tier kritisch diskutiert werden. So gelangen FAO-Statistiken zufolge etwa 85 % der Weltsojaernte und etwa ein Drittel der Weltgetreideernte in die Tierernährung. Ein hoher Anteil dieser Biomasse könnte jedoch auch direkt von Menschen verzehrt werden.“ – bto: Dies gilt es zu verringern und deshalb ist es richtig, den Fleischkonsum anzupassen.
  • Die zunehmende Nahrungskonkurrenz wird künftig Nutztiersysteme mit hohem Potenzial zur Verwertung von nicht essbarer Biomasse fördern. Darunter fallen neben den Wiederkäuern, die aufgrund ihrer Vormägen obligat nicht essbare Biomasse verdauen können, allerdings auch monogastrische Nutztiere, sofern sie beispielsweise qualitativ weniger hochwertige Nebenprodukte der industriellen Verarbeitung von pflanzlichen Primärprodukten erhalten.“ – bto: Klartext: Das Rind hat Zukunft einfach deshalb, weil es entsprechende Transformation vornehmen kann, die wir nicht vornehmen können.  
  • Auch in Zukunft werden erhebliche Mengen an nicht essbarer Biomasse aus Grünland, Koppelprodukten aus Kulturpflanzen, Zwischenfrüchten und als Nebenprodukte der industriellen Verarbeitung von pflanzlichen Verkaufsprodukten anfallen, die sich über entsprechende Produktionssysteme (allem voran Wiederkäuer) in hochwertige Lebensmittel transformieren lassen. Die dabei entstehenden Wirtschaftsdünger unterstützen den agrarischen Kreislauf an Pflanzennährstoffen und fördern damit indirekt die Erzeugung von Lebensmitteln pflanzlicher Herkunft. Zwar könnte man die nicht-essbare Biomasse auch in Biogasanlagen energetisch verwerten und die Rückstände analog zu den Exkrementen der Nutztiere in den Kreislauf der Pflanzennährstoffe zurückführen. Aber abgesehen vom Wegfall hochwertiger Lebensmittel arbeiten Biogasanlagen deutlich langsamer als die Vormägen von Wiederkäuern.“ – bto: Und wir brauchen das Fleisch, um die Menschheit zu ernähren.

Fazit:

Die Frage nach der Verzichtbarkeit von Nutztieren berührt vielmehr das Grundprinzip der agrarischen Primärproduktion auf der Basis von Nutzpflanzen. Diese enthalten neben dem eigentlichen „Lebensmittel“ immer auch erhebliche Mengen an nicht essbarer Biomasse, die zu Pflanzennährstoffen abgebaut und der landwirtschaftlichen Nutzfläche wieder zurückgeführt werden müssen. Nutztiere vollziehen diese Funktion in einer seit Jahrtausenden etablierten Form und generieren dabei höchstwertige Lebensmittel für den Menschen. Der alternativlose Verzicht auf Nutztiere würde demnach nicht nur einen absoluten Verlust an Lebensmitteln nach sich ziehen, sondern auch die Produktivität des Pflanzenbaus schmälern beziehungsweise einen erhöhten Einsatz an Mineraldünger fordern.” – bto: Das leuchtet ein.

Quelle: Wilhelm Windisch, Gerhard Flachowsky: Tierbasierte Bioökonomie, in: Das System Bioökonomie, Daniela Thrän, Urs Moesenfechtel (Hrsg.), Springer, 2020