Reden, wie es einem grad einfällt

Friedrich Merz ist für seinen unkontrollierten Wortschwall bekannt. Was ihm einfällt, sondert er ab. Dabei sind außenpolitische Themen und Abwertungen von fernen Ländern kein Tabu. Ich erinnere per esempio an Aussagen zu Argentinien, Rußland, Brasilien, China, Israel, Ungarn und zum Vereinigten Königreich.

Wenn man eine Parallele sucht, so landet man keineswegs bei Adolf, denn der laberte vor Kriegsbeginn sehr oft über den Frieden, was man Merz wirklich nicht nachsagen kann. Merz faselt ununterbrochen vom Krieg.

Wer aber einen ganz ähnlich unkontrollierten Redefluß hatte, ohne außenpolitische Wirkungen zu bedenken, ist Wilhelm II. Dessen sprunghafte Gedankensplitter dienten keineswegs dazu die Emotionen der Nachbarn zu glätten oder zu beruhigen. Man findet die Lehrerhaftigkeit, Überheblichkeit und Moralinsäure von Merz schon beim letzten Kaiser. Hier einige Proben:

August 1897 nach einem Staatsbesuch:

„Der Russe ist im Grunde kein Europäer, sondern ein Asiate. Man darf ihn nicht mit den Maßstäben unserer westlichen Zivilisation messen. Er braucht die harte Hand des Autokraten, sonst verfällt dieses riesige Reich im Handumdrehen dem Chaos und der Barbarei.“

23,09.1898

„Es ist ein stolzer Tag für Stettin und ein wichtiger Tag für unser ganzes Vaterland. […] Wir haben uns überzeugt, wie mächtig der Aufschwung unseres vaterländischen Handels ist, wie wir von Jahr zu Jahr mehr und mehr Boden gewinnen. Dem müssen wir folgen. Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser. Je mehr Deutsche auf das Wasser hinausgehen, sei es im Wettkampf, sei es im Dienst des Reiches, desto besser ist es für uns.“

1900

„Wie Mein Großvater für sein Landheer, so werde Ich für Meine Marine in gleicher Weise unentwegt und unnachgiebig die Arbeit des Neuaufbaus fortsetzen, damit auch durch sie dem deutschen Volke im Ausland der Frieden gesichert bleibe. […] Der Dreizack gehört in unsere Faust! An den Meeren, auf den Meeren und jenseits der Meere liegt das Ziel, welchem das neue Deutschland entgegensteuert.“

1900

„Es gibt keine schleswigsche Frage mehr, diese Akte ist für immer geschlossen. Die nordschleswigschen Lande sind mit deutschem Blut erkauft und preußisches Eigentum geworden. Die dortigen dänischen Elemente müssen begreifen, dass Widerstand gegen die Germanisierung völlig zwecklos ist. Wer sich nicht als treuer preußischer Untertan in das Reich einfügt und die deutsche Sprache und Sitte annimmt, der hat in diesen Grenzen keinen Platz. Wir werden keinen Fußbreit deutschen Bodens zur Disposition stellen, nur um den Agitatoren in Kopenhagen zu gefallen.“

1901

„Unsere Wirtschaft braucht Raum, und unsere Industrie braucht Absatz. […] Kaufleute, ihr sollt werben, ihr sollt hinaus in die Welt! Wo der deutsche Adler einmal festen Fuß gefasst hat, da bleibt er auch, und der Schutz des Reiches ist euch überall gewiss.“

20.06.1901

„Die weiten Gebiete, die wir jenseits des Ozeans unser Eigen nennen, müssen für den deutschen Geist, für deutsche Sitte und deutsche Arbeit erschlossen werden. […] Nicht mit dem Schwerte allein, sondern mit der Bibel, dem Pfluge, der Wissenschaft und der Kunst wollen wir den fremden Völkern begegnen. Wo deutsche Missionare wirken und deutsche Händler ihre Faktoreien gründen, da wird der Boden für eine höhere Kultur bereitet. Das ist die Aufgabe, die das Deutsche Reich in der Welt zu erfüllen hat.“

1902

„Wir sind die Erben derer, die für das Vaterland bluteten. […] Gott hat uns eine große Aufgabe gestellt. Uns, dem deutschen Volke, sind die großen Ideale zu dauernden Gütern geworden, während sie anderen Völkern mehr oder weniger verloren gegangen sind. Es bleibt nur das deutsche Volk übrig, das an erster Stelle berufen ist, diese großen Ideale zu pflegen und zu hüten. Möge uns Gott davor bewahren, das zu vergessen, und uns helfen, Seinen Kulturwerken an der Welt als Bausteine zu dienen. Dann wird wahr werden, was der Dichter sang: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“

5.6.1902

„Wiederum ist der Ruf an uns ergangen, und das Gebot an uns herangetreten, die Kultur zu wahren. […] Polnischer Übermut will dem Deutschtum zu nahe treten, und ich bin gezwungen, Mein Volk aufzurufen, seine nationalen Güter zu schützen. Hier in Marienburg spreche ich es aus: Es darf und wird nicht geduldet werden, dass deutsches Land und deutsches Wesen durch fremde Einflüsse verdrängt werden. Ich erwarte von allen Deutschen im Osten, dass sie fest wie die Eichen stehen und keinen Fußbreit weichen. Die Germanisierung dieser Gebiete ist eine heilige Pflicht für die Sicherheit des Reiches!“

1904:

„Als treuer Freund und Nachbar muss Ich Dich auf die ernste Gefahr aufmerksam machen, die Deinem Lande droht. Die Verteidigungswerke Deiner Küsten und Häfen sind in einem beklagenswerten Zustand und laden eine feindliche Macht wie England geradezu ein, die Niederlande als Operationsbasis gegen Deutschland zu missbrauchen. Im Falle eines Krieges kann Ich Eine solche offene Flanke nicht dulden. Wenn die Niederlande nicht sofort wirksame Maßnahmen ergreifen, um ihre Neutralität mit Waffen gegen die Engländer zu schützen, werde Ich Mich gezwungen sehen, Meine Armeen in Dein Land einmarschieren zu lassen, um diese Verteidigung selbst zu übernehmen.“ (Königin Wilhelmina war über diesen Eingriff in die Souveränität so empört, dass sie den Brief unbeantwortet ließ).

Vor dem Russisch-Japanischen Krieg 1904:

„Es ist die heilige Pflicht Rußlands, die europäische Kultur und das Christentum gegen den Ansturm der asiatischen Horden zu verteidigen. Du, mein lieber Nicky, bist der von Gott eingesetzte Wächter an dieser Grenze. Wenn du deine Armeen nach Osten führst, um den gelben Völkern Einhalt zu gebieten, tust du ein Werk im Namen der gesamten zivilisierten Welt. Deutschland wird dir dabei den Rücken in Europa absolut freihalten. Du brauchst an deiner Westgrenze keinen einzigen Soldaten zu belassen.“

1905

„Frankreich muss klar gemacht werden, dass das Spiel aus ist. Wenn die Gallier sehen, dass sie von England im Stich gelassen werden und dass eine mächtige Kontinentalallianz [Deutschland und Russland] bereitsteht, werden sie einsehen müssen, dass es für ihre eigene Sicherheit das Beste ist, sich uns anzuschließen. Wir müssen sie durch die Logik der Fakten dazu bringen, ihren albernen Revanchegedanken endlich aufzugeben. Frankreich wird sich fügen, wenn der Druck groß genug ist.“

24.07.1905

„Als der Vertrag (mit Nikolaus II.) unterzeichnet war, reichten wir uns die Hände. Eine Träne stahl sich in mein Auge, und ich dachte: Das hat mein Großvater gewollt! Rußland und Deutschland stehen von nun an fest zusammen. Kein französischer Revanchegedanke und kein englisches Intrigenspiel wird diese Bruderschaft der beiden mächtigsten Herrscherhäuser der Welt jemals wieder erschüttern können. Gott hat dieses Werk gesegnet, und wir werden den Frieden in Europa auf Generationen hinaus garantieren.“ (Der Vertrag wurde kurz darauf von der russischen Regierung für ungültig erklärt).

1905.

„Wenn es zum Kriege kommt, muss Dänemark sich sofort für uns erklären. Wir können es nicht dulden, dass der Schlüssel zur Ostsee in unzuverlässigen Händen liegt oder von den Engländern besetzt wird. Sollte Kopenhagen zögern oder sich weigern, unsere Truppen zur Sicherung der Belte einzulassen, so werden wir ohne Zaudern einmarschieren. Im Ernstfall gibt es keine Neutralität für einen Kleinstaat. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, und Dänemark müsste dann die Konsequenzen tragen und besetzt werden, um unsere Flanke zu schützen.“

28.10.1908

„Ihr Engländer seid verrückt, verrückt, verrückt wie die Märzhasen. Was ist bloß in euch gefahren, daß ihr euch so völlig von einem Verdacht leiten laßt, der einer großen Nation unwürdig ist? […] Ich habe immer wieder bewiesen, daß ich ein treuer Freund Englands bin. […] Aber das ist für mich eine persönliche Beleidigung, daß meine Erklärungen mit ständigem Mißtrauen aufgenommen werden. Ich fühle mich dadurch in meiner Ehre gekränkt.“

„Deutschland ist ein junges und wachsendes Reich. Es hat einen weltweiten, sich rasch ausbreitenden Welthandel, welchen das legitime Bestreben des patriotischen Deutschland zu erweitern sucht. […] Deutschland muß eine machtvolle Flotte haben, um seinen Handel und seine mannigfachen Interessen auch in den fernsten Meeren zu beschützen. Wer weiß, ob sie nicht am Ende dazu bestimmt ist, eine wichtige Rolle in der Zukunft zu spielen, wenn man die Ereignisse im Stillen Ozean bedenkt, die sich heute schon vorbereiten?“

20.03.1909

„In glänzender Rüstung ist Deutschland in der Stunde der Gefahr an die Seite seines Bundesgenossen getreten. Was die Verträge unserer Großväter einst besiegelten, das ist heute lebendige, unerschütterliche Tat geworden. Diese Treue, die wir vor aller Öffentlichkeit Österreich-Ungarn gegenüber wahren – eine echte Nibelungentreue –, wird auch in Zukunft der Fels sein, an dem jede feindliche Kombination in Europa zerschellen muss. Wir stehen zu euch, in guten wie in schlechten Tagen.“

Interne Notiz zu Österreich:

„Österreich-Ungarn ist ein Staatgebilde, das nur noch durch den alten Kaiser Franz Joseph mühsam zusammengehalten wird. Das Land krankt an einer unheilbaren inneren Zerrissenheit der Nationalitäten und an jener typisch österreichischen Schlamperte, die auch vor der Armee nicht haltmacht. Sie sind als Verbündete eine schwere Last, ein schwerkranker Mann, den wir ständig stützen müssen, damit er nicht in sich zusammenbricht.“

31.07.1914

„Die Maske ist gefallen! Nicky (Nikolaus II.) hat mich schändlich hintergangen und belogen. Während er mir Friedenstelegramme schickt, mobilisiert er hinter meinem Rücken seine gesamte Armee. Das ist asiatische Falschheit und Treulosigkeit! Das slawische Volk zeigt nun sein wahres Gesicht: Es will die Germanen vernichten. Wenn wir diesen Kampf aufgedrängt bekommen, dann werde ich das Schwert ziehen und nicht eher ruhen, bis diese russische Brut endgültig niedergeworfen ist. Eine Schande für die europäische Monarchenwelt!“

5.11.1916

„Vom Wunsche geleitet, den polnischen Landen […] einer glücklichen Zukunft entgegenzuführen, haben Seine Majestät der Kaiser von Österreich und Apostolischer König von Ungarn und Seine Majestät der Deutsche Kaiser sich geeinigt, aus diesen Gebieten einen selbständigen Staat mit einer erblichen Monarchie und einer verfassungsmäßigen Einrichtung zu bilden. Die genauere Festsetzung der Grenzen des Königreichs Polen bleibt vorbehalten. Die neue Armee des Staates wird im Geiste der Verbundenheit mit Unseren tapferen Truppen stehen.“

Interessant, auch: Merz und Annalena sind erfüllt von der Aufgabe, die das Deutsche Reich in der Welt zu erfüllen hat. Inzwischen sind es Damentoiletten in Afrika und Radwege in Lima. Am deutschen Klimawesen soll die Welt genesen. Alles wiederholt sich.