Soziologische Milieus und ihre Veränderung

Mir ist die Spucke weggeblieben, als ich las, daß Philipp Amthor in der Bundesregierung weitere Bedeutung gewinnen soll. Ich verspare mir mal gehässige Bemerkungen zu seinen Auftritten und zu seiner sinistren Vergangenheit. Ich frage die verwunderten Leser nur: Welches existierende soziologische Milieu soll er um Gottes willen ansprechen? Gibt es das noch, oder ist es vor 50 Jahren ausgestorben, so wie die Dinos entschwunden sind?

Aus ehemals großen, homogenen Gruppen wie der Arbeiterschaft, dem Bildungsbürgertum oder den Mittelbauern sind durch die veränderte Arbeitswelt und die ausufernden Subventionen kleinere Milieus geworden. Besonders die am Staatstropf hängenden Existenzen sind dagegen mehr geworden und haben sich je nach Fördertopf differenziert.

Ein Alfred Tetzlaw, wie er früher im Fernsehen karikiert wurde, ist als Typ so gut wie ausgestorben. Ludwig Erhard und Helmut Schmidt wären heute Nazis, während sie in ihrer Zeit mitten in der Gesellschaft standen. Solche Abstrusitäten wie die Jünger der Klimasekte waren vor Mitte der 60er Jahre sehr randständig. Die Antifa hätte früher wegen fehlender Finanzierung keine Existenzgrundlage gehabt. Verspinnerte Gruppen mit weltfremden Konzepten konnten erst mit dem Wohlstand des Wirtschaftswunders und dem Bafög entstehen.

Viele meiner Leser (und manchmal auch ich selbst) begreifen garnicht, wie schnell Anschauungen und Einstellungen mit dem Tod ihrer Träger verschwinden. Jede Generation wird neu geprägt, wobei die Weitergabe von kulturellen Werten doch existiert. Gestern abend sahen wir es in Berlin, wo der Clash der Kulturen zum Ausdruck kam.

Die deutsche Kontinuität auf der Metaebene: Der romantische Konservatismus in der Tiefe des Bewußtseins ist als Replik auf die Modernisierer Hardenberg (1807), Bismarck (1869) und Erhard (1948) ein egalitärer Traditionalismus, der als Gegensatz zum modernen Industrialismus begriffen wurde und wird. Der Marxismus wurde durch den Wokismus ersetzt, weil er ohne die Symbiosen mit der Industrie und der Arbeiterklasse nicht hätte überleben können. Der romantische Antikapitalismus beherrschte als Modeströmung das ökonomische und kulturelle Denken des Spätbiermeiers, des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, des Dritten Reichs, der Zone und der Berliner Republik. Man sehe sich nur Ulrike Herrmann, Langstreckenluisa oder Melanie Amann in den Stuhlkreisen des Zwangsfernsehens an. Soviel zur Ambivalenz zwischen Tradition und Moderne. Ohne den konservativen Mephisto kriegte schon 1830 der expeditive Dr, Faustus seinen Traum vom freien Volk auf freiem Grund nicht hin.

Ein Beispiel hatte ich 2006 mit der Erosion und Verwandlung des Konservatismus im Kaiserreich gezeigt. Neue Helden wurden im konservativen Milieu nach 1871 nicht gebraucht; die alten Helden wurden jedoch auf Sedantagen geehrt. Eine ähnliche Situation gab es in den siebziger und achtziger Jahre in der DDR: es herrschte für die jüngere Generation ein gefährlicher Verwendungsstau. Man konnte zwar in die Partei eintreten, die guten Posten waren jedoch mit den Absolventen der Arbeiter- und Bauernfakultäten der 50er und 60er Jahre besetzt; man konnte zudem kein Lenin, kein Thälmann und kein Che Guevara mehr werden, weil die revolutionäre Kampfzeit beendet war. Man sang vom kleinen Trompeter, aber stürmische Nächte gab es nur noch als Wetterphänomen. Eben diesen heldischen Verwendungsstau wies die Gründerzeit und die Spätkaiserzeit auf: Man konnte dem Ideal nicht wirklich nacheifern. So wie sich die Jugend der DDR tödlich langweilte, so langweilte sich auch die Jugend des Spätkaiserreichs.

In dieser Erlebnisentbehrung, dieser Heldenödnis, dieser gründerzeitlichen Vernunftstyrannei fiel der Zarathustra auf fruchtbarsten Boden. Zumindest in der Theorie wurden das Erlebnis und der Held aufgewertet, und die Vernunft ab. In der ersten Phase setzten die Wandervögel ihre Minderwertigkeitskomplexe in Bewegung und Gesang um, später wurden stärkere Reize gesucht und gefunden. Die Lust auf einen Krieg wuchs insbesondere in den bildungsnahen Schichten ins Unermessliche. Die jüngere konservative Generation war in den Gymnasien und in den Burschenschaften mit den reformistischen Gedanken in Berührung gekommen; es hätte an ein Wunder gegrenzt, wenn nicht auch in konservativen Kreisen eine Erosion der alten Leitbilder stattgefunden hätte. Lange vor dem Ersten Weltkrieg begann nicht nur die Spaltung der Sozialdemokratie, sondern auch die Spaltung der Konservativen. Bei den Jungkonservativen begann die Ablösung vom hohenzollernschen Thron als Sinnbild der althergebrachten Ordnung.

In der Tagebuchaufzeichnung von Leutnant Leopold von Sutterheim (*1894) vom 04. August 1914 ist nicht von Gott und recht wenig vom Kaiser die Rede, sondern von blonden und blauäugigen Kindern, der germanischen Weltmacht und dem Ideal der höchsten Kultur der Welt: „Wir stehen allein, Österreich, Deutschland. Feinde ringsum, Serbien, Frankreich, Rußland, England, Belgien, Feinde. Ob wir Sieger bleiben werden, wir wissen es nicht. Wir lügen uns nichts vor. Wir vertrauen nur unserer Stärke. Wir kämpfen, daß unsere Mütter und Schwestern uns einst froh entgegenjauchzen und in zehn Jahren auf Scharen von blonden blauäugigen Kindern schauen, die alle Lücken wieder ersetzt haben, und da wir jetzt unmöglich ganze Arbeit tun können, die germanische Weltmacht der höchsten Weltmacht begründen. Wir kämpfen für unsere Frauen und unsere Kinder, daß sie ein schönes freies Leben ohne Armut führen können, sich entwickeln, wie wir es durften. 1864, 1866, 1870 waren es nur praktisch erreichbare Ziele, diesmal handelt es sich um das Ideal der höchsten Kultur der Welt. Wir wollten keinen Krieg! Wenn ich nun bleibe, so ist es auch recht. Meine Jugend war schön. Ich bin dankbar für mein Leben. Kehre ich zurück, so will ich froh den zweiten Teil des Lebens das Dankweitergeben erfüllen.“

1864, 1866 und 1870 wäre eine gleichlautende Tagebucheintragung nicht denkbar gewesen. Die ideologische Kulisse hatte sich fundamental gewandelt. Der alte Konservatismus kniete idealtypisch loyal zu Füßen eines konkreten Throns, das Gottesgnadentum legitimierte die monarchische Spitze; der Neokonservatismus war dagegen ein abstrakter, nicht durch die althergebrachte Ordnung definierter Reißbrettkonservatismus, an dessen ideologischen Schautafeln mehr und mehr Friedrich Nietzsches Leitbilder hingen. Ohne Gott machte das Gottesgnadentum keinen Sinn, der Übermensch brauchte keine persönliche Loyalität mehr. Das ganze alte Wertegefüge kam ins Schwanken.

Genau so erodierten im Lauf der Jahre auch der Marxismus, der Liberalismus und der Katholizismus. Von diesen ganzen Wertgerüsten ist nichts übrig geblieben. Bas und Merz, Lindner und Reichinnek sind aktuelle Verkörperungen des Wertewandels und des Wegsterbens von älteren Milieus.

Wir müssen die zerstörten Fundamente des Realismus erneuern. Ohne diese Konterrevolution läuft nichts.