Wie man einen Staat ruiniert – Teil 4: Der bewaffnete Aufstand

Gastbeitrag von Helmut Roewer

Dieser Aufsatz handelt von zwei Frauen, denen ich beim Schreiben zugezwinkert habe, wobei jene, ganz gegen die Gewohnheit ihrer Zeit, nicht schamvoll zu Boden blickten, sondern frech zurücklachten. Sie kommen in dieser Geschichte vor, weil vor genau 100 Jahren in Deutschland die bolschewistische Revolution stattfinden sollte, der groß propagierte Deutsche Oktober. Tat er aber nicht. Im Folgenden erzähle ich, was da schiefging. Das hat durchaus nicht nur mit meinen beiden Heldinnen zu tun.

Eins
Glaubenseifer und ein Schuss kalter Logik

Im Sommer 1920 fand in Moskau der Zweite Weltkongress der Kommunistischen Internationale statt. Im Titel der Veranstaltung stecken gleich zwei Propagandalügen, denn die Nummer 1 im Jahre 1919 als einen Weltkongress zu bezeichnen, macht Mühe, es fand nämlich bestenfalls unter dem bombastischen Titel eine bescheidene bolschewistische Parteiversammlung statt, die kaum einer zur Kenntnis nahm. Und mit der Welt als solcher war es auch in der Zweiten nicht allzuweit her. Es trafen sich bestenfalls die selbsternannten Vertreter fremder Splittergrüppchen, von denen keine – die gastgebenden russischen Bolschewiki einmal beiseite gelassen – auch nur in der Nähe der politischen Macht gelangt war.

So also sah es aus, als man sich 1920 zum zweiten Mal traf. Doch eines war gegenüber 1919 gravierend anders geworden: Es standen nunmehr die Roten Garden vor ihrem nahe greifbaren Sieg über die Weißen im russischen Bürgerkrieg, und es rückten die weitgehend ungeordneten Heereshaufen, genannt die Rote Armee, nach Westen vor. Warschau schien zum Greifen nahe. Und hinter Warschau, das wusste jeder bewusste Weltrevolutionär, lag Berlin. Dort, das hatte der unbestrittene Führer der russischen Revolution ex Cathedra verkündet, lag der Schlüssel zur Weltmacht. Da mochte keiner widersprechen.

Heute lächeln wir über solche Annahmen, weil wir wissen, dass die Geschichte dann ganz anders gelaufen ist. Es dauerte noch exakt 35 Jahre, bis die Rote Armee in Berlin einmarschierte. Die reale Geschichte liebt mitunter zynische Scherze. Erst, wenn wir den Film rückwärts ablaufen lassen, erahnen wir: Ach, so hängen die Dinge zusammen.

Zwei
Ausstellung eines Bildes

Vom Ausgangsereignis, das uns hier beschäftigt, gibt es eine weltbekannte Fotografie. Sie zeigt die Akteure, die für die folgenden Jahrzehnte die Weichen stellten oder zumindest doch: sie zu stellen halfen. Zur Geschichte dieses Bildes gehört, dass es anfangs dafür gedacht war, den Teilnehmern des Kongresses einen Schnappschuss zur Erinnerung an diesen großartigen, wenn auch, wie sich bald zeigen sollte, etwas überschätzten Augenblick mitzugeben. Im Laufe der folgenden zwei Jahrzehnte wurde der Ausschnitt des Bildes immer kleiner, bis es schließlich nur noch zwei Personen zeigte: Lenin und Gorki. Für uns gilt diese verengte Sicht nicht, so dass wir mit Muße ans Betrachten und Erzählen herangehen können, denn auf ihm sind alle wesentlichen Figuren der Revolutionierung Deutschlands vereint.

Im Vordergrund steht der Führer der Revolution, Lenin, Klarname: Waldimir Iljitsch Uljanow, Spross aus dem russischen Dienstadel und Erbe eines den jüdischen Großeltern Blank gehörenden Gutes. Dessen Einkünfte bescherten ihm die Möglichkeit, sich ganz der Revolution zu widmen. Auf dem Kongress hielt er ellenlange Referate und ließ ebensolche Resolutionen möglichst einstimmig verabschieden. Die Weltrevolution mit einer Initialzündung in Deutschland schien damit unaufhaltbar. Die Kommunistische Internationale, fortan Komintern genannt, würde es richten.

Schon zwei Jahre später würde Lenin nirgendwo mehr stehen, geschweige denn Reden halten. Da hatte ihn ein zweiter Schlaganfall niedergeworfen. Die Granden der Partei fühlten sich jetzt stark genug, ihre Nachfolgekämpfe zu beginnen. Zu diesem Zweck schoben sie Lenin ins rund 450 östlich von Moskau gelegene Nishnij Nowgorod ab, streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Wer zu ihm vordringen durfte, dass bestimmte der Tscheka-Mann Abram Belkin.

Das Bild zeigt ihn rechts außen mit Jackett, Sommerhut, Russenhemd, Schnauzbart und Aktentasche. Er blieb der Tscheka und ihren Nachfolgern treu, bis Stalin ihn 1938 einsperren ließ. Als die Wehrmacht sich im Oktober 1941 Moskau näherte, wurde er durch die eigenen Leute per Genickschuss abgeknallt. Den vorn stehenden Lenin einmal weggedacht, dominieren zwei Männer den ganzen Auftritt: Der hinter ihm stehende Maxim Gorki – über dessen Rolle werde ich noch in einem folgenden und abschließenden fünften Teil berichten. Versprochen. Und dann ist da noch der Mann genau in der Mitte des Bildes im offenen Zweireiher mit weißem Schlips und einer Weste, die am Bach etwas zu spannen beginnt. Das ist Grigorij Sinowjew, mit Klarnamen Gersch Aronowitsch Apfelbaum, ab sofort neben anderen Parteiämtern der Vorsitzende der Komintern.

Die Komintern wurde in der kommunistischen Heldenliteratur fortan gern als der Generalstab der Weltrevolution bezeichnet. Bei aller innewohnenden Übertreibung, so ganz falsch lagen die Genossen hiermit nicht, denn wenn es irgendwo auf der Welt galt, mit Hilfe der ortsansässigen Kommunisten Unruhe zu schüren oder Aufstände anzuzetteln, war dies das Werk der Komintern. Sie hatte das Geld und die Manpower bei der Hand. Dieses Tun kam nicht aus dem Nichts, sondern wurde durch einen immer größer wuchernden Apparat vorangetrieben, der sich neben seiner Zentrale in Moskau einer Kraken-gleichen klandestinen Struktur bediente, die etwas unschuldig Verbindungsdienst hieß (abgekürzt: OMS).

Links hinter Sinowjew steht mit dem verwegen getragenen Hut Sergej Semjonowitsch Sorin, der in Wirklichkeit Alexander Gombarg (?oder Homberg) hieß. Der junge Mann, aus der heutigen Ukraine 1890 gebürtig, hatte die Jahre 1911-17 in den USA verbracht und war dann zusammen mit Leo Trotzki auf rätselhaftem Wege gerade rechtzeitig zur Revolution aus den Staaten nach Russland zurückgekehrt, wo er gleich ganz oben bei den Bolschewiki mitmischte. Wir erwähnen ihn hier so ausdrücklich, weil er 1922/23 als Assistent des Exekutiv-Komitees der Komintern (EKKI) in der entscheidenden Phase der Revolutionierung Deutschlands Sinowjews rechte Hand war. Als das Deutschland-Abenteuer in die Hose gegangen war, wurde er als Sündenbock in die Provinz abgeschoben.

Und dann, nicht zu übersehen, Karl Radek, eigentlich Karel Sobelsohn aus Lemberg. Er sitzt, Zigarette im Mund, oben links auf der Galerie, lässig wie stets, aber doch seinen Meister aufmerksam im Blick. Hans Dampf in allen Gassen, der für Lenin jeden Auftrag übernahm, mit dem sich der Chef nicht kompromittieren mochte. Dass Radek hier, 1920 im Sommer, in Moskau dabei sein konnte, verdankte er seiner eigenen Frechheit, die ihn gegenüber der deutschen Reichsregierung hatte behaupten lassen, er besitze diplomatische Immunität als Gesandter des jungen Sowjetstaates, so dass man ihn, wenn auch zweifelnd, aus dem Knast in Berlin Moabit mit dem Hinweis entließ, ohne zu säumen das Land zu verlassen. Er tat’s, jedoch um alsbald wiederzukommen. Denn bei dem dann nur halb und halb stattfindenden Deutschen Oktober war er erneut an Ort und Stelle, wenn auch unter dem Falsch-Namen mit echten falschen Papieren als Nathan Fischbein.

Die anderen auf dem Bild versammelten Personen schenken wir uns, denn sie hatten, soweit ich weiß, mit den hier interessierenden Ereignissen in Deutschland nichts zu tun. Wer nun fragt, wo sind eigentlich die Deutschen? Nur gemach. Sie waren zwar auch vor Ort, aber, wie so oft, nicht im Bilde.

Drei
Machtkampf in Moskau, Gezerre in Berlin

Spätestens mit Lenins zweitem Schlaganfall 1922, ich erwähnte es schon, begann im Kreml der Machtkampf um seine Nachfolge. Heutigen Geschichtsinterpreten ist es klar, dass es eine Auseinandersetzung zwischen Trotzki und Stalin gewesen sei. Dabei wird der Dritte außer acht gelassen, der sich 1922/23 ebenfalls warmlief.

Dieser Dritte ist Sinowjew-Apfelbaum, der sich durchaus berechtigt Hoffnungen machte. Er war nicht nur Partei-Vorsitzender von Petrograd (später Leningrad) und des gesamten Nordgebietes, sondern auch der Chef der Komintern. Diese sollte sein Hebel zu Machtergreifung werden. Seine Rechnung: Sollte es ihm gelingen, den Deutschen Oktober zu erzwingen, stünde ihm, dem strahlenden Sieger, der Weg zur Spitze offen. Das, was er plante, war auch anderen klar. Wir müssen uns also nicht wundern, dass es in der sowjetischen Führung Leute gab, die alles daran setzten, die Ausführung von Sinowjews Revolutionierungsideen zu boykottieren. Eine der Möglichkeiten dies zu tun, war das Eingreifen in die Entscheidungsstrukturen der deutschen Kommunisten, die sich seit dem 1. Januar 1919 in der KPD zusammengefunden hatten.

Die KPD war – ganz anders, als man es uns heute glauben machen will – alles andere als eine kraftvolle Massenbewegung, sondern ein Häuflein unzufriedener Ex-Sozialdemokraten, die es nun mit Lenins radikalem Weg versuchen wollten. Und noch nicht einmal hierin war man sich einig. Ihre Vorstände wechselten in rascher Folge. Sie waren damit ausgelastet, einander öffentlich als Linke oder Rechte zu diffamieren. Sie fabulierten von der Revolution und vom Sozialismus und vom wahren Sozialismus – ganz so wie heute.

Ich erspare es mir und dem Leser, all diese Rand-Figuren Revue passieren zu lassen. Sie sind vergangen und vergessen. Aber ein bisschen Feuilleton darf schon sein. Warum mir hierbei die Brecht’sche Ballade von der sexuellen Hörigkeit durch den Kopf geht, mag der Leser nach Lektüre der nächsten Zeilen beurteilen. In ihnen geht um die KPD-Frontfrau Ruth Fischer, die in Wirklichkeit Elfriede Eisler hieß. Diese aus Leipzig gebürtige Wienerin heiratete 1917 als Langzeit-Studentin den österreichischen Literaten & Revoluzzer Paul Friedländer, mit dem sie im Spätherst 1918 einen ersten Aufstandsversuch wagte. Das brachte ihr einen Haftbefehl ein und veranlasste ihre Flucht ins umsturzgeschüttelte Deutsche Reich.
Hier in der deutschen Hauptstadt mischte die als Lizzi Friedländer auftretende, vor Selbstbewusstsein strotzende Junggenossin sogleich unter den zumeist ebenfalls per Haftbefehl gesuchten KPD-Funktionären mit und schlängelte sich, von diesen protegiert, an deren Spitze. Die wenigen Genossinnen registrierten dies mit Missbehagen. Die sozialistische Patriarchin der schlechten Laune, Clara Zetkin, verfügte: Es geht nicht an, seine politische Haltung von den wechselnden sexuellen Beziehungen abhängig zu machen. Den Klageweibern galt als besonders anstößig, dass die etwas dralle Österreicherin soeben ein Buch veröffentlicht hatte: Sexualethik im Kommunismus. Aus diesen Lehren entnahm sie – da waren die Genossinnen überzeugt – auch ihre eigenen anstößigen Lebensmaximen.

Wie auch immer, der Papst der Kommunismus-Forscher Hermann Weber fand unsere Ruth attraktiv. Nur die preußische Polizei sah die Dinge gewohnt emotionslos: volles Gesicht, etwas aufgeworfene Lippen, breite Nase, dunkle Haare und Augen. Als die Gendarmen sich dann anheischig machten, die Dame als unerwünschte Ausländerin abzuschieben, trat sie ihnen als eine frisch gebackene deutsche Ehefrau des aus Danzig gebürtigen Berliner Proleten Gustav Golke entgegen, der auf diese Scheinheirat eingegangen war, um einen Parteiauftrag zu erfüllen.

Denn eins war sicher: Die Liebe unsrer Ruth galt einem anderen, nein, eigentlich zweien. Der eine war ein ehemals russischer Staatsbürger namens Arkadi Maslow (in Wirklichkeit: Isaak Jefimowitsch Tschemerinskij), ein gefeierter Klaviersolist und Zufallskommunist, mit dem zusammen sie sein Bett und alsbald die Führung der Berliner KPD teilte, der andere ist der aus dieser Geschichte nicht wegzudenkende Karl Radek, der hier – der Leser erinnert sich – in seiner Rolle als Häftling 1919 im Berliner Gefängnis Moabit auf den Galgen wartete. Ach, wie herrlich müssen die erwachenden Gefühle gewesen sein, wenngleich ihr männliches Lustobjekt, allerdings später erst und auf freiem Fuß, recht ungünstig über die Geistesgaben dieser selbsternannten Herzensdame zu berichten wusste. Ja, so sind sie, die Männer.

Doch wozu dieser ganze Umweg über Ruth Fischer? Sie ist aus unserm Revolutionierungsthema deswegen nicht wegzudenken, weil sie auf deutscher Seite an der Spitze der Scharfmacher stand, also derjenigen Personen, welche die Zeit für den bewaffneten Aufstand für reif hielten, was von den Sowjets mit Applaus, kostbaren Dollardevisen und einer Reihe von weiteren Unterstützungshandlungen für den Aufbau einer deutschen Roten Armee honoriert wurde.

Warum war die Fischer so rabiat hinter der Erhebung her? Sie hatte, so schrieben ihre Kritiker, etwas gut zu machen, denn sie habe nach damaliger Überzeugung zwei Jahre zuvor, im Jahre 1921 bei den sog. Märzereignissen, die Lage falsch eingeschätzt und so die ultimativ erfolgversprechende Rebellion der Kommunisten im Deutschen Reich verhindert. Sei dem, wie es sei, ein starkes Motiv ist das allemal gewesen.

Vier
Die Rote Armee

In Deutschland gab es keine Rote Armee nach sowjetrussischem Vorbild. Dennoch gingen die Planer des Deutschen Oktober von der Existenz einer solchen Roten Armee aus. Wenn sie nicht existierte, so würde man sie nach bewährtem russischen Vorbild gründen müssen. Bei diesem an und für sich logischen Ansatz unterlief den Revolutionierungs-Fachleuten jedoch ein Denkfehler. Die russische Rote Armee war aus den Soldaten der zaristisch-russischen Armee rekrutiert worden. In ihr hatten russische Berufsoffiziere unter der Aufsicht von bolschewistischen PolitKommissaren das Sagen. Ein solches Potenzial gab es in Deutschland nicht, nachdem die Wehrpflichtarmeen des Kaiserreichs 1919/20 aufgelöst worden waren. Die Deutschen hatten vom Krieg die Nase voll.

Die bewaffnete Macht in Deutschland bestand aus dem Hundertausend-Mann-Heer der Reichswehr, diese wiederum aus Zeitfreiwilligen und Berufsoffizieren. Unter diesen ließ sich keine Rote Armee im Wege der Abwerbung rekrutieren. Ähnliches darf vom zweiten starken Arm der bewaffneten Macht gesagt werden, der preußischen Polizei. Deren Beamte hatten mit dem Bolschewismus nur insofern zu tun, weil sie ihn mit Überzeugung bekämpften. Nach dieser Vorrede wird es den Leser vielleicht wundern, dass ich mich der Mühe unterzogen habe, das Organisations-Schema der deutschen Roten Armee nachzubilden und deren Stellenbesetzung zu erforschen. Am Ende dieses Aufsatzes findet der Neugierige das Ergebnis meiner Bemühungen. Kurz gesagt, es sind 42 Personen, die in den bewaffneten
Aufstand aktiv eigebunden waren. 18 von ihnen waren Deutsche. Diese waren alle Mitglieder der KPD – bis auf einen, den ehemaligen Reserveoffizier und Doktor Juris, den nunmehrigen Nationalbolschewisten Hans von Hentig. Alle übrigen waren Ausländer, sowjetische Funktionäre, und von diesen die Mehrzahl aus den beiden noch jungen Geheimdiensten GRU (Roten Armee) und INO (Geheimpolizei Tscheka-GPU). Und von diesen wiederum – womit wir vorgreifen – überlebte keiner die Zeit der Großen Säuberung (1934-40) in der Sowjetunion. Die Entmachteten wurden unter welchem Vorwand auch immer hinterrücks erschossen.

Die Planung des Deutschen Oktober hatte nicht nur in Stellenbesetzungslisten ihren Niederschlag gefunden, sondern war auch in den Abläufen denkbar genau festgelegt worden. Für den generalstabsmäßig vorbereiteten Kriegsplan hatte ein echter Generalstäbler Hand angelegt, der ehemalige k.u.k. Generalstabshauptmann Djula Kapitan. Jetzt fehlte nur noch der Startschuss.

Fünf
Retardierende Momente

Im Frühherbst 1923 nahm das Gezerre um die Auslösung des Deutschen Oktober groteske Formen an. Auf der einen Seite die Ruth Fischer-Fraktion, die in Übereinstimmung mit Komintern-Chef Sinowjew zum Losschlagen drängte, auf der anderen Seite der sog. Versöhnler Flügel unter dem gegenwärtigen KPD-Parteichef Heinrich Brandler, dem ernste Bedenken gekommen waren.

Vordergründig schien sich die nicht-gewaltsame, die demokratische Linie von Brandler zu bestätigen, denn es war der KPD in Sachsen und in Thüringen soeben gelungen, in die dortigen Landesregierungen als Juniorpartner der SPD einzutreten. Das legale Tor auf den Weg zur Macht schien damit geöffnet zu sein. Doch nunmehr schaukelten sich die Dinge hoch. Auf die öffentliche Ankündigung des neuen sächsischen KPD-Finanzministers Paul Böttcher, die proletarischen Hundertschaften zu bewaffnen, reagierte die Reichsregierung mit der Reichsexekution gegen die beiden rebellischen Südostländer. Es war fünf vor zwölf, denn das, was Böttcher – im Aufstandstableau finden wir ihn unter seinem Decknamen Paul Saalbach – da von sich gegeben hatte, war der Beginn der offenen, bewaffneten Rebellion.

Zusätzlich versuchten die Heißsporne der KPD, durch Gewaltakte den Weg in den Aufstand unumkehrbar zu machen. Es war die große Stunde des T-Apparats. Das T steht für Terror. An seiner Spitze stand Felix Neumann. Er legte selbst Hand an und zwar auf den Chef der Heeresleitung, den General Hanns von Seeckt. Dessen Pferd scheute vor dem Angreifer zurück, so dass der General, offenbar ein solider Reiter, oben blieb und der ihm zugedachte Schuss ins Leere ging.

Der Täter entkam. Es blieb nicht seine einzige Missetat, weitere, diesmal erfolgreiche, sollten folgen. Man fragt, ob der 32jährige Schriftsetzer und ehemalige Eisenbahnpionier noch bei Trost war. Hierüber hat er im Jahr drauf, nach seiner Festnahme Auskunft erteilt: Anstifter des Terrors sollen hiernach die sowjetischen Genossen gewesen sein, die sich von Terror und dem zu erwartenden Gegenterror den sicheren Ausbruch des Aufstandes erhofften. Der Mörder Neumann nannte auch Namen und die Verstecke. Einer der Genannten, ein gewisser Peter Skoblewski, ging der Polizei ins Netz. Peter stimme zwar nicht, denn seine Papiere lauteten auf Alexej Skobleweskij, doch, was soll’s, denn auch das war eine Legende. In Wirklichkeit hieß der Mann Woldemar Rose, ein gebürtiger Lette, Moskaus Spitzenmann für den Aufstand.

Zurück in den Oktober 1923: Nachdem nunmehr, so wie erwartet, die Reichswehr in Sachsen und Thüringen einrückte, war die erhoffte Situation da. Bleibt hinzuzufügen, dass der General von Seeckt nicht aus eigener Machtvollkommenheit losmarschiert war, sondern eine Notverordnung des Reichspräsidenten Ebert hatte ihm ausdrücklich die vollziehende Gewalt im Reich übertragen. Sein Exekutor in Sachsen wurde der Generalleutnant Alfred Müller, der sich stehenden Fußes mit Truppen – für jedermann sichtbar – ins Zentrum des vermuteten Aufruhrs begab: Nach Chemnitz. Da hatte er richtig geraten.

Sechs
Wahn und Wirklichkeit

Jetzt also kam sie, die erhoffte Stunde der deutschen Roten Armee oder, wie man auch sagte, der Proletarischen Hundertschaften. Es war die große Stunde des Karl Radek – wieder einmal. Er war als ultimativ höchster Abgesandter der Komintern auf der deutschen Aufstandsbühne erschienen. Er trug zu diesem Zweck einen Pass bei sich mit einem neuen erfundenen Namen, nämlich Nathan Fischbein – gut gewählt für die Legende eines wohlhabenden osteuropäischen Handelsreisenden. In Parteikreisen sprach man hingegen von Anton, wenn man ihn meinte.

Anton-Nathan-Karl-Karel Fischbein-Radek-Sobelsohn kam nicht allein, sondern er reiste im Doppelpack an, unter der Maskerade eines soliden, auf Geschäftsreisen befindlichen Ehepaars. Seine Scheinehefrau ist bekannt, es handelte sich um eine russische Abenteurerin der Extra Klasse – in jeder Hinsicht, denn sie war groß und blond und gutaussehend –, mit einem Wort, es handelte sich um Larissa Reissner (Лариса Рейснер). Wer hat sich nicht alles an dieser Frau abgearbeitet? Literarisch und auch sonst.

Bis vor kurzem hatte die Reissner noch in Petrograd Hof gehalten als die Frau des ExMatrosen und Spitzen-Bolschewiken Fjodor Raskolnikow. Das war nun ein mächtiger Mann, und ein starker Kerl war er allemal. Er zeugte mit der Larissa alsbald ein Kind, das diese, weil es dem revolutionären Leben im Wege stand, an ihre Schwester abschob. Denn jetzt stand nach dem Herumgereise als Kommissarin im ehemaligen Zarenreich und in Afghanistan ein weiteres echtes Abenteuer auf ihrem persönlichen Spielplan: das Anfachen einer blutigen Revolution in Deutschland und das an der Seite von Karl Radek. So wurde aus der gefeierten Madame Reissner eine konspirative Frau Fischbein.

Zunächst einmal nahmen die Fischbeins ihre ehelichen Pflichten sehr ernst, wie wir aus späteren Polizeiberichten wissen. Doch für Radek wurde auch die politische Situation jetzt ernst. Er war der höchste anwesende Repräsentant der Komintern im Feindesland. Sein Weg führte ihn auf geradem Weg ins angeblich aufständische Sachsen. Er wählte Chemnitz, wo sich die KPD Genossen versammeln wollten, um über das Weiter-so der Revolution zu beschließen. Radek und Scheinfrau bezogen Quartier in einem Hotel, in dem auch der Reichswehrgeneral Alfred Müller mit seinem Stab kampierte. Müller sollte Ruhe und Ordnung im Brennpunkt des unruhigen Sachsen wiederherzustellen, Radek das Gegenteil. Hier im Hotel konnte sich Radek sozusagen an vorderster Front orientieren, wie die bewaffnete Macht in Deutschland so drauf war. Das sah für die Aufständischen nicht gut aus. Ich nehme an, dass er sich deswegen von den verschiedenen, einander widersprechenden Funktionären deutscher und sowjetischer
Provenienz die Lage schildern ließ.

Dabei muss ihm die Erleuchtung gekommen sein, dass die proletarischen Hundertschaften, die da auf dem Planungsspielbrett hin und her geschoben wurden, den Toten Seelen aus dem Roman von Nikolaj Gogol weit ähnlicher waren als einer realen Roten Armee. Kurzum: es gab sie gar nicht. Es wird nicht berichtet, inwieweit der ebenso intelligente wie zynische Radek, auch die stets beschworenen Lehren vom revolutionären Moment hin und her erwog. Falls er’s tat, muss ihm klar geworden sein, dass dieser Moment, wenn er denn im Deutschland des Jahres 1923 je da war, jedenfalls, aller Symbolik zum Trotz, im Oktober vorüber war. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Deutschen dank rigoroser Maßnahmen der Reichsregierung wieder Fuß gefasst. Sicher, die Ersparnisse waren perdu, aber auch den Rest der eigenen Habe für eine zweifelhafte Revolution sowjetischer Prägung aus dem Fenster werfen, das wollte keiner.
Als dann auch noch die in Chemnitz versammelten Genossen nicht einmal Manns genug waren, eine mindere Form des Aufstands, nämlich einen Generalstreik zu beschließen, tat Radek das einzig Vernünftige: er widerrief den bereits ausgegebenen Aufstandsbefehl. Danach reiste er via Berlin ab, denn er konnte sich leicht ausrechnen, dass alsbald ein Zipfel der Wahrheit ans Tageslicht kam, und dann gab es eine robuste Verfolgung der Täter, die dann, jedenfalls aus sowjetischer Sicht, als Versager dastehen würden. In Moskau würde er einiges zu erklären haben. Diese Annahme traf zu. Nach eingehender Befragung warf ihn Sinowjew als willkommenen Sündenbock aus der Komintern raus.

Sieben
Die Reeperbahn am Meer

Wie es der Zufall wollte, erreichte der Gegenbefehl – der zum Abblasen der Sache – einen der Kuriere, die zu den Unterhäuptlingen entsandt worden waren, nicht mehr rechtzeitig. Er reiste nach Kiel in Norddeutschland, wo auch nichts Rechtes vorbereitet war, und von dort zu einem Unterunterhäuptling nach Hamburg. Dort schlug man los, besetzte strategische Punkte und ermordete diejenigen, die sich entgegenstellten. Dieser Aufstand dauerte bestenfalls drei Tage, bis er von der Polizei zusammengeschossen wurde.

Der Rest ist kommunistische Legende. Eine, die zum eigenen höchsten Ruhm hieran mitstrickte, war die angeblich mittendrin agierende Larissa Reissner, die sich in Berlin von ihrem Scheinehemann getrennt hatte, um auf den Barrikaden zu kämpfen. Hierbei benutzte sie den auf ihren Klarnamen lautenden Pass und einen Presseausweis, ausgestellt im Oktober 1923. So offen reiste sie, schließlich suchte niemand nach ihr in Preußen, jedenfalls noch nicht. Wohin reiste sie? Nach eigenen Angaben – das wissen wir aus ihren Urlaubsgrüßen, die sie nach Hause sandte: ans Meer. Tja.

Der Leser und ich, wir haben Zweifel, ob das alles stimmen kann, was sie kurz drauf über den Hamburger Aufstand schrieb, denn zu unserer Verblüffung verlegte, sie, die Augenzeugin des Aufstands, die Stadt Hamburg ans Meer – echt wahr. Das hat ihrem sog. Bericht keinen Abbruch getan. Beide gingen in die sozialistische Helden-Ewigkeit ein. Wir entlassen sie und damit auch den Leser mit der Mitteilung aus der vorliegenden Geschichte, dass die Gefeierte auf der Suche nach neuen Abenteuern in Moskau Station machte. Dort ist die Dreißigjährige an Typhus erkrankt und im Februar 1926 gestorben. Besungen von
dem großen Kurt Tucholsky.

Der schrieb: „Larissa Reissner. Du bist für Russland zu früh gestorben. So eine wie dich haben wir nie gehabt. So eine wie dich möchten wir so gerne haben. Eine, die liebt und hasst und die in dem Papierkram das sieht, was er wirklich ist: Handwerkszeug. Wir grüßen dich, Larissa Reissner. Du bist eine Erfüllung gewesen und eine Sehnsucht.“

Acht
Totentanz

Die Anstifter und Täter des Deutschen Oktober sind durch die Bank keines natürlichen Todes gestorben. Ich deutete es schon an. In der Zeit von Stalins Großer Säuberung, hinter der Hand auch Großer Terror genannt, wurden sie fast alle erschossen. Ich widerstehe der Versuchung, alle aufzuzählen und begnüge mich mit den typischen Haftfotos der Geheimpolizei NKWD von den beiden Hauptfiguren, Grigorij Sinowjew und Karl Radek. Der Erstere offenbar schwer gefoltert, der andere ungewohnt ernst. Sie mögen für sich und alle anderen sprechen.

©Helmut Roewer, Oktober 2023

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Die Organisatoren des Deutschen Oktober 1923 (soweit bekannt unter Nennung ihrer Klarnamen, DN bedeutet: Deckname).

Komintern, Moskau

Vorsitzender: Grigorij Sinowjew (1883-1936)
Assistent des Vorsitzenden: Sergej Sorin (1890-1937)
Beauftragte für Deutschland: – Karl Radek, DN: Nathan Fischbein; Anton (1885-1939) – Georgij Pjatakow, DN: Arvid (1890-1937)

Revolutionärer Kriegsrat, Berlin

Heinrich Brandler, Vorsitzender der KPD (1881-1967)
Woldemar Rose, DN: Helmut; Alexej Skoblewskij, sowjetischer Instrukteur (?1890-1939)
Samuel Guralskij, DN: August Kleine, Kommissar des sowjetischen Instrukteurs (zugleich Mitglied der
Zentrale der KPD) (?1890-?1960)

Verpflegung

Iwan Katz (1889-1936)
Verkehrs- und Verbindungswesen Fritz Heckert (1864-1936), Erich Melcher (1892-1944)

Politische Aufklärung

Werner Rakow, DN: Felix Wolff (1893-1937)

Waffenbeschaffung

Wilhelm Pieck (1876-1960)

Zersetzung

Hugo Eberlein (1887-1941)

Organisation

Walter Ulbricht (1893-1973)

M(ilitär)P(olitischer)-Apparat (= Rote Armee)

Leiter: Woldemar Rose, DN: Helmut; Alexej Skoblewskij
Politkommissar: Samuel Guralskij, DN: August Kleine
Generalstab: Djula Kapitan, ex k.u.k. Hauptmann i.G. (1883-1929)
M(ilitär)-Apparat: Karl Gröhl, DN: Karl Retzlaw (1896-1976)
T(error)-Apparat: Felix Neumann (1889-mind. 1943)

Oberabschnitte:

Berlin, Brandenburg Joseph Gutsche (1895-1964) (?oder Albert Gromulat (1882-?))
Hans Pfeiffer (1895-1968) unbekannt

Thüringen, Sachsen Hans von Hentig, DN: Heller (1887-1974) Kommissar: Karl Volk, DN: Robert; Karl Chemnitz (1896-1941)
Paul Böttcher, DN: Hans Saalbach (1891-1975), Vermutl. Kristofor Salnyn, DN: Christopher Lauberg; Grischka (1885-1939)

Rheinland Wilhelm Zaisser (1893-1958) Samuel Guralskij, DN: August Kleine unbekannt ? o. Arthur Ewert (1990-1959)

Nord-West Hamburg, Hannover, Oldenburg, Schleswig-Holstein Albert Schreiner (1892-1979), Rudolf Lindau (1888-1977). Manfred Stern, DN: Max Fred (1896-1954)

Süd-West Hessen, Baden, Württemberg, Bayern Erich Wollenberg, DN: Walter (1892-1973), Hermann Remmele (1880-1939). Pawel Stutschewskij, DN: Alexej Stezkij; General Muraille (1890-1944)

Sonderbezirk Nord-Ost Ostpreußen Arthur Illner, DN: Richard Stahlmann (1891-1974) Georg Schumann
(1886-1945), unbekannt

Sonderbezirk Süd Bayern Hugo Eberlein, DN: u.a. Hugo Kunkel. unbekannt

Sonderbezirk Süd-Ost Schlesien Wilhelm Pieck unbekannt

Weitere sowjetische Berater, deren organisatorische Zuordnung unklar ist:

Semjon Firin, DN: Pupko (1898-1937)
Awgust Pess, DN: August Lillemjagi (1895-1933)
Bronislaw Bortnowskij, DN: Bronek; Peter, zugleich GRU-Resident in Berlin (1894-1937)
Lew Borowitsch, urspr. Rosenthal, DN: Alex (1896-1937)
Stefan und Irena Rajewskij, GRU-Agenten in der Residentur Berlin
Jakob Fischman, DN: Talin (1887-1961), unter alias Schmidt, Militärattaché in Berlin
Stefan Shbikowskij, DN: Alois; Jan Sagorskij (1891-1931), vermutl. Leiter des M-Apparats
Wladimir Romm (1896-1937), arbeitete vermutl. unter journalistischer Legende
F. Fischer, vermutl. Franz Fischer, DN: Anton Pern (1895-1939)
Artur Staschewskij, urspr. Hirschfeld, DN: Stepanow (1890-1937), GRU-Resident in Berlin
Nikolaj Woronin, DN: Ptizyn (1885-mind. 1942)