Von der Krawall-Göre zur Romantikerin
Die WELT berichtete heute von der Kulturfront. „Pastelltöne und Blumen statt Beige und Schwarz, wallende Haare statt strengem Dutt, Bücher statt Smartphone: Die Mode stimmt in das neue Romantik-Revival der Popkultur ein. Frauen tragen zarte Kleider statt breitschultriger Blazer.“
„Die Mode schwelgt in diesem Frühjahr hemmungslos in Romantik.“ Die Blümchenmuster erinnern mich an die Kleider meiner Oma 1959/60. „Nicht nur das große Ganze provoziert sanft-blumige Reaktionen, auch die persönliche Lebenserfahrung. Zu der gehört für viele die Digitalisierung der Liebe, die ja eigentlich Sicherheit in schweren Zeiten verheißt.“ Weltliteratur voller großer Gefühle sei auch dank der Neuverfilmung von Emily Brontës „Wuthering Heights“ mit Margot Robbie und Jacob Elordi aktuell sehr gefragt, so die WELT.
Ich hatte diesen Umbruch in den vergangenen Monaten schon am Beispiel Taylor Swift illustriert. Heute widmen wir unsere Aufmerksamkeit überraschenderweise Charli XCX, die bisher wirklich nicht im Verdacht stand retrospektiv zu sein. Sie lieferte den Soundtrack zum Liebesfilm „Wuthering Hights“ mit Songtiteln wie „Dying for You“ oder auch „Chains of Love“ und kam zur Uraufführung in einem rosa Kleid.
Gehen wir mal 10 Jahre zurück. Charli war mit „Famous“ die kuhle Göre, die dem damaligen woken Zeitgeist hinterherlief oder ihn befeuerte. Damals sprach sie sich für den ganzen knallbunten Käse aus, heute nagt der Zweifel: „Ich glaube, meine politischen Ansichten könnten als Pressestrategie funktionieren.“
Ein Jahrzehnt ist rum. Der Wind dreht sich grad zu Retro und Romantik. Charli segelt wie Taylor mit. Beide haben sich neu erfunden. Was wäre illustrativer, als ein Song über eine Modenschau? Der Song „SS26“ von Charli XCX (kurz für Summer/Spring 26) ist eine emotionale, melancholische Reflexion mit reichlichen Zitaten der aktuellen Fashion Weeks. Das Lied thematisiert das Gefühl von emotionaler Unruhe, Verzweiflung und das Warten auf eine erhoffte Besserung der Zeiten, weshalb es bei vielen Fans starke Emotionen auslöst. Musikalisch fühlt es sich oft an wie ein Pendel, das keine klare Auflösung findet. Die Instrumentals bauen sich auf und wirken, als würden sie sich in etwas Aggressiveres entladen wollen, fallen dann aber wieder in die Grundmelodie zurück. Die Mode wird als kühles Business und seelenloser schöner Schein dargestellt. Trotz der Traurigkeit vermittelt der Text den Glauben daran, daß schwierige Zeiten vorübergehen und sich die Situation bald zum Positiven wenden wird.
The Times they are a changing, nur der grobschlächtige und begriffsstutzige Kulturstaatssekretär in Doof-Berlin merkts noch nicht. Laut Analysen von „Data, but make it fashion“ lag die Zahl der weltweiten Google-Suchanfragen nach dem Stichwort „romance“ Ende Januar um rund 30 Prozent höher als in den letzten fünf Jahren, so die WELT.
