Die Infantilisierung der Gesellschaft

Wir haben uns viele Wochen mit Kunstwerken beschäftigt, die 30 Jahre in die Zukunft weisen. Heute gehen wir 30 Jahre zurück, um zu sehen, wie die derzeitige Malaise entstanden ist.

Viele Dinge können nicht besprochen werden, weil eine normale faktenbasierte Kommunikation verweigert wird. Eine Methode der Diskussionsverweigerung ist die Empfindsamkeit, Mimöschen fühlen sich bei allem Neuen angegriffen, beleidigt usw. Eine andere Art der Realitätsverweigerung lebt in dem Glauben, daß nur die Kinderseele rein wäre und die Gesellschaft durch einen Kinderkreuzzug geheilt werden könnte.

Schon ab 1900 nahm die Reformpädagogik ihren Lauf. Da der Verstand als Quelle allen Übels damals gerade unter Beobachtung stand, triumphierte notwendig auch in der Erziehungswissenschaft das Gefühl. Dem Kinde sollte idealtypisch nichts beigebracht werden, sondern das dem Kinde vermeintlich inhärente „eigene Wesen“ sollte entwickelt, das „volle starke persönliche Kinderleben“ forderte sein Recht.

Auslöser war das 1899 erschienene „Jahrhundert des Kindes“ von Ellen Key. 1905 war es in Deutschland bereits 26.000 mal verkauft worden. Die Schule sollte Gesamtschule sein, das Prinzip der Ganzheitlichkeit des Lernens mit Herz, Gefühl, Kopf und Hand verkörpern. Bereits 1899 wollte Key auf Zensuren und Belohnungen verzichten und den obligatorischen Stoff gegenüber den Wahlfächern einschränken. Mythisierung und Romantisierung des Kindes, das Dogma des „Wachsenlassens“ nahmen breiten Raum ein, in die Kinderseele wurde mehr hineingedeutet, als von Natur aus drin war. Sie wurde leicht zum Zerrspiegel reformpädagogischer Wünsche, was man an in die Schule mitgebrachtem Wesen zu erkennen wünschte, fand man irgendwie auch, oder man projizierte es in das Kind. Bereits in den dreißiger Jahren kritisierte Heydorn: „Mit der Befreiung der schöpferischen Natur des Kindes sollte der Mensch befreit werden. Der Angriff richtete sich gegen das Erstarrte, die Buch- und Formenschule, in der Tiefe aber nicht nur gegen das Absterbende, manieristisch-brutale Bewußtsein, sondern gegen alle Bewusstmachung überhaupt, alles Licht; eine magische Welt des Kindes wird der Welt des produktiven Bewusstseins gegenübergestellt, eine vorbewusste Welt, die den Menschen vor Eintritt in seine Geschichte zeigt und ihn dort festhalten will.“

Ein spätes Echo dieser Mythisierung der Kindheit war der Song „Kinder an die Macht“, erschienen ursprünglich am 31. März 1986 als Vorabsingle des Albums Sprünge von Herbert Grönemeyer. Ich hörte den Quark hinter dem Eisernen Vorhang und dachte, daß die Wessis den Verstand verloren hätten.

Gebt den Kindern das Kommando
Sie berechnen nicht
Was sie tun
Die Welt gehört in Kinderhände
Dem Trübsinn ein Ende

Mit Annalena hat man endgültig gesehen, daß dabei nichts rauskommt.

Bei Grönemeyer blieb es aber nicht. Die NGOs wollten das Bildungssystem ruinieren und sie haben das auch geschafft. Das Staatsfernsehen hatte sich redlich gemüht, das richtige Rechnen als altmodisch hinzustellen und eine Kultur des Wünsch-dir-was zu installieren.

Das ZDF hatte keine Sängerin an die Aufgabe gestellt, die ganze Musik war reines Playback. Aber die Weisheit, daß zwei mal drei vier macht und daß man sich die Welt machen soll, wie sie einem gefäll, war die Agenda, die von den Grünen aller Parteien seit etwa 2002 schrittweise umgesetzt wurde.

Man kann hier wieder sehen, wie die Unkultur dem gesellschaftlichen Zerfall rund 30 Jahre vorausgeht und das das ZDF der Anstifter des Bösen war und ist.