Die Wandervögel und: wer muß durch wen geführt werden
Ein Hauptziel der Wandervögel und der Jugendbewegung allgemein war die Emanzipation von Erwachsenen. Die Jugendlichen wollten ihr Leben selbst gestalten (Selbsterziehung), ohne Bevormundung durch Eltern oder Lehrer. Ich habe mal einige Fundstücke aus Wikipedia zusammengestellt:
Während sich die Jungen und Mädchen am Anfang nur zwanglos trafen, wurde 1901 in Berlin-Steglitz ein Verein gegründet, und zwar von einem Schüler namens Karl Fischer (1881-1941). Nun fanden sich die ehemals freien Wandervögel doch wieder in einem Verein, der Regeln und Verbote aufsetzte. So traten im Laufe der Zeit Meinungsverschiedenheiten auf, wie man als „Wandervogel“ zu leben habe. Es kam zu den üblichen Streitigkeiten, es spalteten sich kleine Grüppchen ab und Neugründungen entstanden, die wieder eine andere Vorstellung vom Wandervogeldasein hatten. Fischer selbst trennte sich 1904 vom „Wandervogel“, wo man ihm allzu autoritäres Gebaren vorwarf, und gründete stattdessen eine neue Gruppe, den Alt-Wandervogel. Auch davon trennte er sich zwei Jahre später.
Bereits früh gab es Satzungen, welche die Unterordnung unter die Führer regelte. Hoffmann nannte sich „Oberhäuptling“, bei großen Fahrten hatte er zwei „Häuptlinge“ unter sich, die ihn unterstützten. Bei der Böhmerwaldfahrt waren dies sein Bruder Ernst und Karl Fischer, der später noch besondere Bedeutung für die Entwicklung des Wandervogel-Vereins erlangen sollte. Schon in der Vorphase ordnete sich die Hierarchie der Gruppen nach Erfahrung. Erprobte Wanderer wurden „Wanderburschen“, Anfänger „Wanderfüchse“ genannt. Die Wandergruppen hießen „Herden“.
Karl Fischer bekam als selbstständiger Geschäftsführer durch die Vereinssatzung umfassende Autorität zugestanden. Er konnte nach § 7 der Satzung Ergänzungsbestimmungen erlassen und hatte lediglich die Pflicht, dem Vereinsausschuss einmal im Monat Bericht zu erstatten. Der Ausschuss selbst übte Zurückhaltung und fungierte hauptsächlich als „Schutzschild gegen die Öffentlichkeit“. Nach dem Schriftsteller Hans Blüher handelte es sich um die denkbar loseste Organisation, die nichts weiter zu tun hatte, als „zu schützen, zu vertreten und Geld zu zahlen“. Wohl wurden gelegentlich „ein paar gute Ratschläge“ erteilt. Auch Wolfgang Kirchbach aber habe berücksichtigt, dass die Jugendlichen am liebsten unter sich blieben, und habe ihnen diesen begrenzten erziehungsfreien Raum gegönnt.
Als romantisches Vorbild seiner Wanderorganisation diente Fischer das Ideal der fahrenden Schüler aus dem Mittelalter. Aus den Wanderfüchsen und Burschen wurden „Scholaren“, die Wanderführer nannte er „Bachanten“ (abgeleitet von „Vagant“). Er selber ernannte sich zum „Oberbachanten“ und beanspruchte eine unangefochtene Führungsrolle. Wer als Neuling aufgenommen wurde und mitwandern durfte, entschied er. Eine Voraussetzung war die Ablegung eines Treuegelöbnisses vor Fischer. Insgesamt entwickelte sich erst unter Fischer ein gemeinsamer Stil. Man hatte einen gruppeninternen Erkennungspfiff, grüßte sich fortan mit „Heil!“ und sang bevorzugt Volks- und Marschlieder. Zudem entwickelte man eine besondere Tracht, um nicht für Landstreicher gehalten zu werden.
Nach dem Ausscheiden von Fischer wurde der Wandervogelverein kollektiv geführt. Die Begriffe Scholar und Bachant wurden fallen gelassen. Stattdessen hieß es „Schüler“ und „Führer“ bzw. „Hilfsführer“. Der von Fischer geleitete Alt-Wandervogel demokratisierte sich 1906, auch dort entfielen die Mittelalterbezeichnungen, die Führer übernahmen, Fischer ging nach China.
Eine zweite große Abspaltung erfolgte Ende November 1910. Es herrschte eben Sektierertum. Unter der Leitung von Wilhelm Jansen und Willie Jahn löste sich eine Hamburger Gruppe auf und gründete den Jung-Wandervogel. Er entstand aus einer Diskussion über den Einfluss der Älteren und das Eindringen dieser in die „Wandervogelwelt“. Mit der Devise „Weg mit den Oberlehrern!“ löste man sich vom „unjugendlichen“ Alt-Wandervogel, der von Lehrern dominiert zu sein schien.
Hier kommt natürlich die Frage auf, wo eine Parole herstammt, für die Björn Höcke von vermutlich ahnungslosen Advokaten, die sich mit deutscher Geschichte nie befaßt hatten, verurteilt wurde. Ich möchte die Parole nicht erwähnen, weil sie in einem ängstlichen Gouvernanten- und Anscheißerstaat besser nicht zitiert wird. Der geübte Leser mag erahnen, worum es geht.
Die AI hat die Führungsphilosophie der Jugendbewegung so zusammengefaßt:
Eigenwert der Jugend: Die Bewegung postulierte, dass Jugend nicht nur eine Übergangsphase zum Erwachsensein ist, sondern einen eigenen Wert besitzt. Jugendliche sollten ihr Leben „nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit“ gestalten (Meißner-Formel 1913).
Führer-Gefolgschafts-Prinzip (Bündische Struktur): Führung basierte nicht auf formaler Hierarchie, sondern auf charismatischen Führern (oft ältere Schüler oder Studenten), denen die jüngeren Mitglieder (Fühlung) freiwillig folgten. Diese Struktur war kameradschaftlich, aber durchaus elitär und völkisch geprägt.
„Der Führer voran“: Bei Wanderungen und Fahrten übernahm der Führer die Verantwortung, oft basierend auf Erfahrung und „innerer Reife“.
Weg vom autoritären Lehrer/Vater: Anstelle des schulischen oder väterlichen Autoritätsprinzips trat ein eher kameradschaftliches Verhältnis, das jedoch vom Anspruch der „Führer“ geprägt war, die Gruppe zu formen.
Das alles zwei Jahrzehnte vor der Eingliederung der Wandervögel in die HJ. Darum ging das auch so glatt. Der gealterte Karl Fischer bekam übrigens einen Ehrensold der HJ. Natürlich dominierte nach 1933 wieder der Einfluß von Berufsjugendlichen (so wie man das auch von Egon Krenz und Eberhard Aurich kannte) und die umstrittene Parole war dadurch nach 1933 natürlich Fake.
Beitragsbild: Fidus, Wandervogels Abschied

Das Problem sind nicht die Führer, sondern die Dummen, die nachlaufen. Und die es in Massen gibt.
Herrgott, wird Hirn herab. Aber reichlich. Còrona befiehl, wir impfen Dir.
Das hat die Struktur der Bevölkerung offen gelegt.
Wandervögel die sich Freiheit unter einem Führer versprechen. Nichts anderes.
Damals gab es eben eine Jugendbewegung, es war eine Mode, wie heute das Influenzen. Baden-Powell lebte von 1857-1941. Pioniere, FDJ und auch die Jugendorganisationen der Parteien versuchen, daran anzuknüpfen, obwohl längst die Atomisierung der Massen geschehen ist. Naja.
Die AfD ist ja nun auch ein bißchen doof: warum nimmt Höcke nicht einen der vielen Slogans der DDR, zum Beispiel „Alles zur Stärkung der Republik“ oder sowas, da würden die Linksversifften aber schielen (und sich selbst verklagen?)
Ja, die Idee, DDR-Slogans umzuwenden, wäre mal ein Versuch wert.
Wandervögeln … Lange nix über Ungarn oder von Dr. Roewer gelesen. Angenehmes Wochenende! 🙂
Ich hatte von Anfang an die Höckesche Äußerung als Wandervogel/Jugendbewegungsspruch vermutet. Nur, warum stellt man sich in diese Tradition, ist die wirklich so unumgänglich? Fidus finde ich ziemlich schaurig, die Figuren meint man eher bei den Grünen zu finden – will jetzt auch die AfD in dieses Fahrwasser? Es ist ja richtig, den Jugendorganisationen von Parteien ein Stück Narrenfreiheit zu lassen, aber muß es gerade so sektiererisch sein?